
Es ist Samstagabend, der 18. März 2045. Millionen Menschen sitzen vor ihren Fernsehern und warten gespannt auf die neueste Ausgabe von «Unhappy Day». Die Sendung ist ein a.b.s.o.l.u.t.e.r. Quotenrenner. Seit ihrer Erstausstrahlung vor drei Jahren begeistert sie Menschen jeden Alters. Es wird gelacht, geweint, gestaunt und manchmal auch ziemlich unangenehm geschwiegen.
Das Konzept ist eigentlich ganz einfach. Während früher in Sendungen wie «Happy Day» Menschen überrascht wurden, die etwas besonders Gutes getan hatten, bei denen man sich bedanken wollte oder denen man helfen wollte, weil sie es gerade schwer hatten, funktioniert «Unhappy Day» genau umgekehrt. Hier werden Menschen überrascht, die anderen das Leben schwer gemacht haben. Menschen, die ihre Macht ausgenutzt, andere gedemütigt, schikaniert oder einfach weggeschaut haben, obwohl sie hätten helfen können oder sich einfach hätten anständig verhalten können.
Und das Beste daran? Das passiert völlig unerwartet. Eine richtige Überraschung halt.
Die heutige Sendung beginnt wie immer mit fröhlicher Musik, bunten Scheinwerfern und einem gut gelaunten Moderator. «Guten Abend, meine Damen und Herren, und herzlich willkommen bei Unhappy Day! Auch heute haben wir wieder wunderbare Menschen für Sie gefunden, die sich durch ganz besondere Leistungen ausgezeichnet haben!»
Das Publikum applaudiert begeistert, vereinzelt sind Jubelrufe zu hören. Die Zuschauer:inneen zuhause sowie die im Fernsehstudio sind gespannt und voller Vorfreude. Bei dem einen oder der anderen kam ein Hauch Sensationslust und ungelogen auch ein wenig Schadenfreude dazu.
«Unser erster Kandidat ist seit über zwanzig Jahren Abteilungsleiter in einem grossen Unternehmen. Er hat es geschafft, innerhalb von nur fünf Jahren nicht weniger als zwölf ehrenwerte Mitarbeitende zur Kündigung zu bewegen. Sage und schreibe sieben davon waren anschliessend für längere Zeit krankgeschrieben. Eine beeindruckende Bilanz, finden Sie nicht auch?»
Das Publikum lacht.
Auf der grossen Leinwand erscheint ein Mann Mitte fünfzig. Er sitzt in seinem Büro hinter einem riesigen Schreibtisch. An der Wand hängen verschiedene Diplome und Auszeichnungen.
«Darf ich Ihnen Markus Berger vorstellen. Ein Mann, der immer wieder betont, dass in seiner Abteilung ein ausgesprochen angenehmes Arbeitsklima herrscht.“
“Besonders dann, wenn alle kuschen..» fügt er ironisch hinzu.
Wieder Gelächter.
Dem Publikum wird auf der grossen Leinwand gezeigt, wie der Moderator mit einem Kamerateam in einem Bürogebäude unterwegs ist und an die Bürotür von Herrn Berger klopft.
«Herein!»
«Herr Berger! Herzlichen Glückwunsch! Sie sind heute unser Überraschungsgast bei Unhappy Day!»
Herr Berger strahlt… Jedem einzelnen der vielen Zuschauenden wird in diesem Moment bewusst, dass Berger wohl die Sendung noch nicht kennt, was die Situation ja noch viel spannender machte.
«Oh! Was für eine Überraschung! Damit hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet!»
«Das glauben wir Ihnen sofort!», antwortet der Moderator freundlich.
Herr Berger richtet seine Krawatte und blickt stolz in die Kamera. «Darf ich fragen, wofür ich ausgezeichnet werde?»
«Aber selbstverständlich! Für Ihre aussergewöhnliche Fähigkeit, Menschen das Selbstvertrauen zu nehmen , sie runterzumachenund gleichzeitig überzeugt zu sein, ein hervorragender Vorgesetzter zu sein!»
Herr Berger hört schlagartig auf zu lächeln. «Wie bitte?»
«Kommen Sie, Herr Berger. Wir haben etwas für Sie vorbereitet!»
Schnitt.
Zurück im Fernsehstudio.
Herr Berger sitzt auf einem kleinen Sofa. Vor ihm steht ein Glas Wasser. Er sieht inzwischen nicht mehr ganz so glücklich aus. Auf der grossen Leinwand erscheinen ehemalige Mitarbeitende. Sie erzählen von ihren Erfahrungen. Von schlaflosen Nächten, von Angst vor dem nächsten Arbeitstag, von Demütigungen vor versammelter Mannschaft.
Eine Frau berichtet, dass sie nach fünfzehn Jahren im Unternehmen plötzlich an ihren eigenen Fähigkeiten zweifelte.
Ein junger Mann erzählt, wie er jeden Morgen mit Bauchschmerzen zur Arbeit fuhr, weil er die abwertenden Bemerkungen seines Abteilungsleiters kaum noch aushielt.
Herr Berger räuspert sich. «Also, das muss ich jetzt schon etwas relativieren. Man muss auch belastbar sein in der heutigen Arbeitswelt. Und so schlimm war das wirklich nicht.»
Der Moderator nickt verständnisvoll. «Natürlich, Herr Berger. Und genau deshalb haben wir noch eine kleine Überraschung für Sie!»
Auf der Leinwand erscheint eine ehemalige Mitarbeiterin, die nach einem Zusammenbruch mehrere Monate nicht arbeiten konnte.
«Wissen Sie, Herr Berger» sagt sie ruhig, «ich habe damals wirklich geglaubt, ich sei unfähig und würde nicht genügen. Nie. Ich glaubte immer mehr, ich wäre nicht geeignet für meinen Beruf. Heute weiss ich, dass es nicht so war. Aber es hat lange gedauert, bis ich das wieder glauben konnte.»
Im Studio ist es mucksmäuschenstill. Viele Menschen im Publikum waren sehr betroffen und bewegt von den Worten und Emotionen der Frau auf dem Bildschirm.
«Möchten Sie dazu etwas sagen?» fragt der Moderator.
Herr Berger überlegt. «Also, ich habe immer nur meine Arbeit gemacht. Wir haben eine flache Hierarchie und pflegen einen freundschaftlichen Umgang.»
«Ach, dieser Satz!» ruft der Moderator begeistert. «Meine Damen und Herren, da ist er wieder! Einer unserer beliebtesten Sätze bei Unhappy Day!»
Das Publikum applaudiert.
«Ich habe nur meine Arbeit gemacht! Ein echter Klassiker! Gleich nach: Das haben wir schon immer so gemacht!»
Herr Berger schaut betreten auf seine Schuhe, während das grelle Licht sich von ihm abwendet und wieder den Moderator beleuchtet.
«Und nun» fährt dieser fort, «kommen wir zu unserer zweiten Überraschung!»
Diesmal geht es um eine ehemalige Leiterin einer öffentlichen Institution. Eine Frau, die über Jahre hinweg Beschwerden und Rückmeldungen von Betroffenen ignorierte oder ablehnte, weil es in ihrer Einrichtung offiziell überhaupt keine Probleme gab, die angegangen hätten werden müssen.
«Wo keine Probleme sind, muss man schliesslich auch keine lösen!», erklärt der Moderator fröhlich. „Willkommen Frau Kerbel!“
Die Frau sitzt ebenfalls im Studio.
«Wir haben immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Wir haben Anliegen sorgfältig geprüft.», sagt sie.
«Wunderbar!» antwortet der Moderator. «Dann wird es sie bestimmt freuen, dass wir heute einige Menschen eingeladen haben, die ihnen erzählen möchten, wie sich ihr bestes Wissen und Gewissen auf ihr Leben ausgewirkt hat.»
Die Frau schluckt.
Ein ehemaliger Klient erzählt, wie er immer wieder um Hilfe gebeten hatte. Wie seine Beschwerden nicht gehört und ernst genommen wurden. Wie er irgendwann aufhörte, sich zu wehren, weil er wusste, dass es ohnehin nichts brachte. Er erzählt, wie sehr er unter der von ihm bemängelten Situation gelitten hat und dass er bis heute therapeutisch behandelt wird, um damit besser umgehen zu können. Er erzählt auch, dass er erst, nachdem die Stelle von Frau Kerbel neu besetzt wurde, sein Anliegen nochmals angebracht hat, es ernst genommen und eine Veränderung vorgenommen wurde, die zu einer Verbesserung seiner Lebenssituation geführt hat.“
Die Frau hört zu. «Davon wusste ich nichts» sagt sie schliesslich.
Der Moderator lächelt. «Interessant. Wir haben nämlich noch einige Briefe gefunden, die damals direkt an sie adressiert waren.» Auf der Leinwand erscheinen die Schreiben. Alle mit Eingangsstempel.
«Ach, sehen sie» sagt der Moderator, «manchmal ist die Vergangenheit eben doch erstaunlich gut dokumentiert.»
Das Publikum lacht, doch diesmal klingt das Lachen nachdenklicher.
Zum Schluss der Sendung sitzen alle drei Überraschungsgäste auf dem Sofa. Der dritte Kandidat, ein Leiter einer grossen Schule, hat inzwischen bereits viermal erklärt, dass er sich an die damaligen Ereignisse leider nicht mehr erinnern könne. Der Moderator hat zuvor zusammen mit einer jungen Frau, die vor einigen Jahren an genau dieser Schule Opfer von Mobbing geworden war, ihre Geschichte erzählt. Ihr ist bis heute anzusehen, wie sehr sie das alles mitgenommen hat und wie sehr die Vorkommnisse nach wie vor ihr Leben beeinflussen. Eindrücklich erzählt sie, wie sie damals von Herrn Muri nicht ernst genommen wurde, wie er weggeschaut hat, bis sie krank wurde und auf seine Weisung hin damals dann die Schule verlassen musste, weil sie seiner Meinung nach das Problem war und kein Mobbing bestanden hat.
Sie erinnert sich nur allzu gut an diese Zeit. Ganz im Gegenteil zu Herrn Muri, der immer wieder beteuert, er erinnere sich nicht.
«Das macht überhaupt nichts!» versichert ihm der Moderator. «Wir haben die Akten mitgebracht!»
Das Publikum johlt.
Dann wird es ruhig.
Der Moderator schaut seine Gäste an.
«Wissen Sie, weshalb wir diese Sendung machen?»
Niemand antwortet.
«Weil Menschen, die anderen Unrecht getan haben, erstaunlich oft einfach weitermachen können. Sie wechseln die Stelle, werden befördert, gehen irgendwann in Pension und erzählen beim Abschied, wie viel sie in ihrem Berufsleben für andere Menschen getan haben.»
In der heutigen Sendung sind die Gäste ausschliesslich aus dem beruflichen Kontext. Dies ist nicht immer so. Es gab auch schon Gäste, die sich im Privatleben so verhalten haben, um einen Unhapp Day zu verdienen.
Er macht eine Pause.
«Diejenigen hingegen, die unter ihren Entscheidungen und Handlungen gelitten haben, tragen die Folgen manchmal ein Leben lang mit sich herum.»
Im Studio ist es vollkommen still.
«Und wissen Sie, was das Erstaunlichste ist?», fragt der Moderator. «Viele dieser Menschen wollten damals gar keine Entschuldigung. Sie wollten einfach nur, dass ihnen jemand zuhört. Dass man sie ernst nimmt. Dass jemand sagt: Wir schauen gemeinsam, wie wir das lösen können.»
Er wendet sich wieder seinen Gästen zu. «Aber das wäre natürlich viel zu einfach gewesen.»
Die Kamera zeigt die drei Menschen auf dem Sofa. Zum ersten Mal an diesem Abend weiss keiner von ihnen etwas zu sagen.
Dann lächelt der Moderator wieder und alle im Raum und an den TV-Geräten zuhause wissen, dass die betroffenen drei Personen die Konsequenzen in ihrem privaten und beruflichen Umfeld in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten tragen werden. Und es wäre gelogen, wenn man sagen würde, es würde ihnen nicht genau so vergönnt werden.
«Meine Damen und Herren, das war Unhappy Day! Wir hoffen, unsere Gäste hatten einen ebenso unvergesslichen Abend wie die Menschen, deren Leben sie beeinflusst haben!»
Die Musik setzt ein. Das Publikum applaudiert.
Auf der Leinwand erscheint der bekannte Schriftzug:
UNHAPPY DAY – Weil nicht jede Überraschung eine Freude sein muss.
Und während die Abspannmusik läuft, erscheint noch ein kleiner Hinweis:
Alle in dieser Sendung gezeigten Fälle wurden sorgfältig recherchiert. Die Betroffenen haben freiwillig zugestimmt, ihre Geschichten zu erzählen. Niemand muss sich öffentlich rechtfertigen, aber jeder darf sich fragen, welche Spuren sein Handeln bei anderen Menschen hinterlassen hat.
Natürlich gibt es diese Sendung nicht. Und vielleicht wäre es auch gar keine besonders gute Idee, Menschen vor laufender Kamera mit ihren Fehlern zu konfrontieren. Schliesslich wissen wir alle, wie schnell aus dem Wunsch nach Gerechtigkeit eine öffentliche Demütigung werden kann.
Aber manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn Menschen in verantwortungsvollen Positionen oder auch Menschen, die andere im Alltag blöd behandeln, tatsächlich einmal erfahren müssten, was ihre Entscheidungen bei anderen ausgelöst haben. Nicht erst, wenn ein Gericht sie dazu zwingt. Nicht erst, wenn die Medien darüber berichten. Und nicht erst, wenn es für die Betroffenen längst zu spät ist, sondern einfach, weil sie sich dafür interessieren. Weil sie Verantwortung übernehmen. Weil sie begreifen, dass hinter jeder Akte, jeder Beschwerde, jeder Entscheidung und jedem vermeintlich schwierigen Menschen eine Geschichte steckt. Und vielleicht auch, um zu lernen, zuzuhören und gemeinsam nach Lösungne zu suchen, die niemandem schaden.
Vielleicht brauchen wir also gar keine Fernsehsendung namens «Unhappy Day». Es würde es schon reichen, wenn gewisse Menschen und sicher vor allem auch Menschen mit Macht ab und zu daran erinnert würden, dass ihre Entscheidungen für andere Menschen nicht einfach mit ihrem Feierabend enden…


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