
Es ist ein kalter Märzmorgen im Jahr 1850, als Barbara die Fensterläden öffnet. Über den Feldern liegt dichter Nebel und von der kleinen Kirche im Dorf sind nur die Umrisse des Kirchturms zu erkennen.
Barbara ist zweiunddreissig Jahre alt und lebt mit ihren vier Kindern in einem kleinen Haus im Luzerner Hinterland. Das Haus besteht aus einer Stube, einer winzigen Küche und einer Schlafkammer unter dem Dach. Im Winter zieht die Kälte durch die Ritzen der Fenster, und wenn es stark regnet, tropft das Wasser an einer Stelle durch die Decke. Barbara ist seit zwei Jahren Witwe. Ihr Mann Kaspar war Taglöhner gewesen. Er hatte auf verschiedenen Bauernhöfen gearbeitet, Holz geschlagen und im Winter gelegentlich beim Dreschen geholfen. Reich waren sie nie gewesen, aber genügsam und irgendwie hatte es immer gereicht.
Dann war Kaspar im Herbst 1848 schwer erkrankt. Er bekam hohes Fieber, wurde immer schwächer und starb nach wenigen Wochen.
Seitdem versucht Barbara, ihre Familie allein durchzubringen. Ihre älteste Tochter Marie ist 11 Jahre alt. Jakob ist 9, Anna 6 und der kleine Franzli gerade 3 geworden.
Barbara näht für andere Leute, wäscht Wäsche und hilft während der Ernte auf den umliegenden Höfen. Manchmal bekommt sie dafür ein paar Batzen, manchmal etwas Mehl, Kartoffeln oder ein Stück Speck.
Doch in den Wintermonaten gibt es kaum Arbeit und vier Kinder haben jeden Tag Hunger.
An diesem Morgen steht Barbara vor dem Herd und betrachtet den kleinen Rest Mehl, der noch in der Holzschüssel liegt. Sie wird daraus einen dünnen Brei kochen.
Marie kommt die Treppe herunter. Sie trägt ein geflicktes Kleid und hat ihre Haare zu zwei Zöpfen gebunden.
«Mutter, gibt es heute Brot?»
Barbara schüttelt den Kopf.
«Wir haben keines mehr, aber ich mache uns einen warmen Brei.»
Marie nickt, ohne etwas zu sagen. Sie weiss inzwischen, dass sie nicht nach mehr fragen soll.
Als die anderen Kinder aufstehen, verteilt Barbara den Brei auf fünf Schüsseln. Für sich selbst nimmt sie nur wenig.
«Ich habe noch keinen Hunger» sagt sie, als Jakob sie fragend anschaut. Es ist eine Lüge. Aber die Kinder sollen satt werden.
Am Nachmittag klopft es an der Tür. Draussen steht der Gemeindeschreiber. Er trägt einen dunklen Mantel und hält einige Papiere in der Hand.
«Grüezi Frau Huber. Ich soll euch ausrichten, dass ihr am Donnerstag auf dem Gemeindehaus erscheinen müsst.»
Barbara wischt sich die Hände an der Schürze ab.
«Weshalb?»
«Es geht um Eure Unterstützung.»
Barbara spürt, wie ihr das Herz schwer wird. Seit dem vergangenen Herbst erhält sie gelegentlich Hilfe von der Gemeinde. Ein wenig Mehl, Brennholz und manchmal einen kleinen Geldbetrag. Sie hat sich lange dagegen gewehrt, darum zu bitten. Aber als Franzli im Winter krank wurde und sie kein Geld mehr hatte, blieb ihr nichts anderes übrig.
«Ich werde kommen» sagt sie.
Der Gemeindeschreiber nickt und geht. Barbara bleibt noch einen Moment in der Tür stehen. Sie ahnt, dass dieses Gespräch nichts Gutes bedeuten wird.
Am Donnerstag zieht sie ihr bestes Kleid an. Es ist dunkelbraun und an den Ärmeln bereits etwas abgetragen. Marie bleibt zu Hause und passt auf die jüngeren Geschwister auf. Barbara geht zu Fuss ins Dorf, das ist ein Marsch von fast einer Stunde.
Im Gemeindehaus wird sie von drei Männern empfangen. Sie sitzen an einem grossen Tisch, auf dem Papiere und ein Tintenfass liegen. Der Gemeindepräsident bittet sie, Platz zu nehmen.
«Frau Huber, wir haben eure Lage besprochen.»
Barbara faltet die Hände im Schoss.
«Ich bin dankbar für die Hilfe» sagt sie. «Sobald ich wieder mehr Arbeit finde, brauche ich nichts mehr.»
Der Gemeindepräsident räuspert sich.
«Das ist eben die Frage. Ihr habt vier Kinder, und es ist nicht abzusehen, wie ihr künftig für sie sorgen wollt.»
Barbara schaut ihn an. «Ich arbeite, so viel ich kann.»
«Das bestreiten wir nicht. Aber die Gemeinde kann nicht auf Jahre hinaus für Euch aufkommen.»
Einer der anderen Männer schiebt ein Papier über den Tisch.
«Es gäbe vielleicht eine andere Möglichkeit.»
Barbara blickt auf das Blatt. «Welche?»
«Amerika.»
Sie glaubt zunächst, sich verhört zu haben. «Amerika?»
Der Mann nickt. «Es gibt dort Land und Arbeit. Viele Menschen sind bereits ausgewandert. Wer tüchtig ist, kann sich eine neue Existenz aufbauen.»
Barbara schweigt. Amerika… Sie hat schon davon gehört. Von Menschen, die mit Schiffen über das grosse Meer fahren. Von fruchtbarem Land und Städten, in denen angeblich jeder Arbeit finden kann. Aber sie kennt niemanden, der zurückgekommen ist.
«Ich habe doch kein Geld für eine solche Reise.»
Der Gemeindepräsident lehnt sich zurück. «Die Gemeinde könnte sich an den Kosten beteiligen. Vielleicht wäre es sogar möglich, die Überfahrt für euch und die Kinder zu bezahlen.»
Barbara schaut von einem Mann zum anderen. «Aber ich möchte gar nicht fort.»
«Ihr müsst auch an die Zukunft eurer Kinder denken» sagt der Gemeindepräsident.
Barbara spürt, wie ihr die Tränen in die Augen steigen. «Meine Kinder sind hier geboren. Und ich auch.»
Der Mann seufzt. «Frau Huber, wir können euch nicht versprechen, dass die Unterstützung in der bisherigen Form weitergeführt wird.»
Barbara versteht. Niemand sagt direkt, dass sie gehen muss, aber die Männer machen ihr deutlich, dass sie hier kaum eine Zukunft hat und sie nicht gewillt sind, sie weiterhin zu unterstützen.
Als sie das Gemeindehaus verlässt, zittert sie am ganzen Körper, obwohl draussen inzwischen die Sonne scheint und es warm ist. Auf dem Dorfplatz spielen einige Kinder. Barbara bleibt stehen und betrachtet sie. Dann macht sie sich auf den Heimweg.
In den folgenden Wochen spricht sie mit verschiedenen Leuten über Amerika. Ein Nachbar erzählt von seinem Bruder, der vor einigen Jahren ausgewandert sei. Er lebe nun in Ohio und habe dort Arbeit gefunden.
«Dort gibt es Möglichkeiten» sagt der Nachbar. «Mehr als hier.»
Eine andere Frau warnt Barbara. «Die Überfahrt ist lang. Und wenn du dort ankommst, kennst du niemanden. Du sprichst ja nicht mal die Sprache.»
Barbara weiss nicht, was sie glauben soll. Am Abend sitzt sie oft lange am Küchentisch, während die Kinder schlafen. Sie denkt an Kaspar. Was würde er tun? Würde er wollen, dass sie mit den Kindern in ein fremdes Land zieht oder würde er ihr raten, hierzubleiben?
Manchmal nimmt sie seine alte Taschenuhr aus der Schublade. Sie funktioniert schon lange nicht mehr, aber Barbara bewahrt sie auf, weil sie das Einzige ist, was ihr von ihm geblieben ist.
Im April wird sie erneut auf das Gemeindehaus bestellt. Diesmal liegt bereits ein konkreter Vorschlag vor. Die Gemeinde würde die Kosten für die Reise bis zum Auswanderungshafen und die Schiffspassage übernehmen. Auch etwas Geld für die ersten Tage in Amerika sei vorgesehen.
Barbara fragt, ob sie stattdessen Unterstützung erhalten könnte, um hier eine kleine Arbeit aufzubauen. Nicht mehr, aber einfach der für die Reise vorgesehene Betrag. Sie könnte ihr Geld mit Nähen und Waschen verdienen, Arbeit gab es doch immer.
Der Gemeindepräsident schüttelt den Kopf und erklärt, dass dafür keine Mittel vorgesehen wären.
Barbara senkt den Blick. Sie weiss, dass sie die Kinder nicht weiterhin mit dünnem Mehlbrei ernähren kann und sie hat Angst, dass man sie eines Tages voneinander trennen könnte, wenn sie nicht mehr für alle sorgen kann.
Schliesslich stimmt sie schweren Herzens zu. Es ist nicht so, dass sie unbedingt nach Amerika möchte, aber sie sieht keinen anderen Ausweg mehr und fühlt sich bedrängt.
Als sie den Kindern am Abend davon erzählt, reagieren sie unterschiedlich.
Jakob ist begeistert. «Fahren wir mit einem grossen Schiff?»
Barbara nickt.
Anna beginnt zu weinen. «Ich will nicht fort. Ich will bei der Grossmutter bleiben.»
Barbara nimmt sie auf den Schoss, um sie zu trösten.
Marie sagt lange nichts. Dann fragt sie: «Kommen wir wieder zurück?»
Barbara schaut ihre älteste Tochter an. Sie möchte ihr sagen, dass sie eines Tages wieder nach Hause kommen werden, aber sie weiss, dass sie das nicht versprechen kann. «Ich weiss es nicht, Marie.»
In den folgenden Wochen beginnt Barbara, ihren wenigen Besitz zu verkaufen. Den Küchentisch, an dem die Familie jeden Tag gegessen hat. Die Bank neben dem Ofen. Einige Töpfe und Werkzeuge. Vieles bringt kaum Geld ein.
Ihre Kleider und die der Kinder werden sorgfältig geflickt. Barbara näht kleine Leinensäckchen, in denen jedes Kind seine wenigen persönlichen Dinge mitnehmen darf. Marie packt ein Gebetbuch ein, das sie von ihrer Grossmutter bekommen hat. Jakob nimmt sein geschnitztes Holzpferd mit. Anna möchte ihre Puppe nicht zurücklassen. Sie hat einen Kopf aus Stoff und einen Körper, den Barbara aus alten Kleidungsstücken genäht hat. Franz besitzt einen kleinen Holzlöffel, den er überallhin mitnimmt.
Barbara selbst packt Kaspars Taschenuhr ein und kleines Bild der Muttergottes, das seit ihrer Hochzeit in der Stube gehangen hat.
Am letzten Sonntag vor der Abreise gehen sie gemeinsam zur Messe. Barbara betrachtet die Kirche, in der sie getauft wurde, in der sie Kaspar geheiratet hat und in der ihre Kinder zur Taufe gebracht wurden. Auf dem Friedhof liegt ihr Mann begraben. Nach dem Gottesdienst geht sie mit den Kindern zu seinem Grab. Die Erde ist inzwischen mit Gras bewachsen. Barbara kniet nieder. Sie. fühlt sich wehmütig und schwer. «Wir gehen fort, Kaspar» flüstert sie. Die Kinder stehen schweigend neben ihr.
Dann legt Marie einen kleinen Strauss Wiesenblumen auf das Grab.
Barbara weiss, dass sie diesen Ort wahrscheinlich nie wiedersehen wird.
An einem Morgen im Juni 1850 beginnt ihre Reise. Ein Fuhrwerk bringt die Familie zusammen mit anderen Auswanderern zur nächsten grösseren Ortschaft. Von dort geht es etappenweise weiter.
Die Reise ist beschwerlich, die Kinder sind müde und Barbara ist es auch. Der kleine Franz weint oft und Barbara muss ständig darauf achten, dass niemand zurückbleibt.
Sie begegnen anderen Familien, die ebenfalls nach Amerika wollen. Manche erzählen voller Hoffnung von einem neuen Leben, andere wirken genauso verängstigt wie Barbara. Nach einer langen Reise erreichen sie schliesslich den Hafen von Le Havre in Frankreich.
Barbara hat noch nie das Meer gesehen. Als sie am Hafen steht und auf das Wasser blickt, wird ihr schwindlig. So weit das Auge reicht, sieht sie Schiffe, Masten und Menschen. Überall werden Kisten getragen, Waren verladen und Befehle gerufen. Die Luft riecht nach Salz, Fisch und Schmutz.
Marie nimmt ihre Hand. «Mutter, müssen wir wirklich auf dieses Schiff?»
Barbara schaut auf das grosse Segelschiff, das sie über den Atlantik bringen soll. «Ja, mein Kind.»
Sie versucht zu lächeln. «Wir schaffen das.»
Die Überfahrt dauert viele Wochen. Die Familie reist im Zwischendeck, wo die einfacheren Passagiere untergebracht sind. Die Schlafplätze sind eng. Es riecht nach feuchter Kleidung, ungewaschenen Körpern und den wenigen Lebensmitteln, die die Menschen mitgebracht haben. Wenn das Schiff stark schwankt, werden die Kinder seekrank und auch Barbara geht es oft schlecht. Sie versucht trotzdem, die Kinder zu versorgen und ihre wenigen Sachen sauber zu halten.
Das Trinkwasser wird eingeteilt und die Mahlzeiten sind eintönig. Manchmal ist das Meer ruhig und die Sonne scheint. Dann dürfen die Passagiere an Deck. Barbara steht mit den Kindern an der Reling und betrachtet das endlose Wasser. Jakob fragt immer wieder, wann sie endlich ankommen. Barbara weiss es nicht.
Eines Nachts zieht ein Sturm auf. Das Schiff schwankt so heftig, dass die Menschen kaum auf ihren Schlafplätzen bleiben können. Anna schreit vor Angst, Franz klammert sich an seine Mutter. Barbara hält die Kinder so fest sie kann. Sie hat grosse Angst, betet zu Gott, er möge sie heil in Amerika ankommen lassen. Traurig denkt an das kleine Haus im Luzerner Hinterland, ihr Zuhause. An den warmen. Ofen, ihren Garten und an die Kirchenglocken am Sonntagmorgen. Zum ersten Mal fragt sie sich, ob sie einen schrecklichen Fehler gemacht hat. Doch zurück kann sie nicht mehr.
Endlich, nach vielen Wochen, erreichen sie New York. Als Barbara das erste Mal die Küste sieht, beginnt sie zu weinen. Sie hat es geschafft. Alle vier Kinder leben. Aber sie sind erschöpft und das wenige Geld, das sie besitzen, wird nicht lange reichen.
Im Hafen herrscht ein unglaubliches Gedränge. Menschen rufen und sprechen in verschiedenen Sprachen, Gepäck wird ausgeladen, Namen werden aufgeschrieben und überall stehen Familien, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen.
Barbara versteht kaum ein Wort Englisch. Sie hält Franz an der Hand und bittet Marie, gut auf Anna aufzupassen. Jakob trägt das Bündel mit den Kleidern.
Sie sind in Amerika. Aber sie haben noch kein Zuhause.
In den nächsten Tagen findet Barbara mit Hilfe anderer deutschsprachiger Auswanderer eine einfache Unterkunft. Sie erfährt, dass es weiter westlich Arbeit geben soll. In Ohio leben bereits Menschen aus der Schweiz und aus deutschen Ländern. Barbara entscheidet sich, mit den Kindern dorthin weiterzureisen. Die Fahrt dauert erneut viele Tage.
Als sie schliesslich in einer kleinen Ortschaft ankommen, ist der Sommer bereits weit fortgeschritten. Ein deutschsprachiger Bauer sucht eine Frau, die im Haushalt mitarbeitet und bei der Versorgung seiner Kinder mithilft. Barbara bekommt die Stelle. Sie darf mit ihren vier Kindern in einem kleinen Nebengebäude wohnen. Der Lohn ist gering, aber sie erhalten Essen und ein Dach über dem Kopf.
Zum ersten Mal seit Monaten kann Barbara wieder etwas ruhiger schlafen. Die Arbeit ist streng. Sie steht vor Sonnenaufgang auf, kocht, wäscht und hilft im Garten. Die älteren Kinder müssen ebenfalls mithelfen. Jakob arbeitet gelegentlich auf den Feldern, Marie kümmert sich um die jüngeren Geschwister.
Barbara versucht, den Kindern ein wenig Lesen und Schreiben beizubringen, soweit sie es selbst kann.
Im Winter ist es bitterkalt. Der Wind zieht durch die Ritzen des Hauses, und manchmal liegt der Schnee so hoch, dass die Kinder kaum nach draussen können. Doch es gibt genügend Kartoffeln, Mais und Mehl. Niemand muss hungrig schlafen gehen.
Im Frühling 1852 erhält Barbara einen Brief aus der Schweiz. Er ist von ihrer Schwester Elisabeth. Barbara setzt sich an den Tisch und liest langsam die vertrauten Worte. Elisabeth schreibt vom Dorf, von den Nachbarn und vom vergangenen Winter. Auch die alte Tante Marie sei inzwischen gestorben.
Barbara legt den Brief auf den Tisch. Sie weint lange. Sie hatte gehofft, die Tante eines Tages wiederzusehen. Nun weiss sie, dass das nie geschehen wird. Sie hat Heimweh nach all dem Vertrauten zuhause.
Am Abend holt sie Papier und Feder hervor, denn sie möchte ihrer Schwester antworten. Das Schreiben fällt ihr schwer. Sie hat nur wenige Jahre die Schule besucht und muss bei vielen Wörtern überlegen.
Schliesslich beginnt sie:
Liebe Elisabeth
Wir sind alle gesund und haben Arbeit und genug zu essen. Den Kindern geht es gut. Jakob ist gross geworden und Marie hilft mir sehr.
Das Land hier ist weit, und es gibt viele Wälder und Felder. Die Menschen sprechen anders und vieles ist mir noch fremd.
Ich denke oft an unser Dorf und an die Berge. Manchmal träume ich, ich sei wieder daheim und höre die Kirchenglocken.
Aber wir werden wohl hierbleiben.
Deine Schwester Barbara
Die Jahre vergehen. Marie wird eine junge Frau. Sie arbeitet zunächst als Hausangestellte und heiratet später einen deutschsprachigen Handwerker.
Jakob findet Arbeit in einer Werkstatt.
Anna besucht zeitweise eine Schule und kann bald besser lesen und schreiben als ihre Mutter.
Franz, der bei der Auswanderung noch ein kleines Kind war, erinnert sich kaum mehr an die Schweiz. Für ihn ist Amerika seine Heimat.
Barbara beobachtet, wie ihre Kinder erwachsen werden. Sie ist stolz auf sie. Sie haben Möglichkeiten, die sie in der Schweiz vielleicht nie gehabt hätten. Aber manchmal, wenn die Familie am Sonntag zusammenkommt, fühlt Barbara eine tiefe Sehnsucht. Die Kinder sprechen inzwischen häufig Englisch miteinander. Sie erzählen von Orten, die Barbara nicht kennt und von Dingen, die ihr fremd bleiben. Dann merkt sie, dass ihre Kinder in einer anderen Welt aufwachsen als sie selbst.
Eines Abends fragt Franz:«Mutter, wie war es eigentlich in der Schweiz?» Barbara lächelt. Sie erzählt vom kleinen Haus, von den grünen Wiesen und den Bergen, vom Schnee im Winter und von den Kühen mit ihren Glocken. Sie erzählt von der Kirche, deren Turm man schon von weitem sehen konnte. Aber auch von Kaspar und den Grosseltern.
«War es schön dort?» fragt Franz.
Barbara überlegt. «Ja» sagt sie schliesslich. «Es war schön.»
Dann fügt sie hinzu:«. Aber wir waren sehr arm. Es war kein einfaches Leben.»
Franz nickt. Für ihn sind es Geschichten aus einem fernen Land. Für Barbara ist es ihr früheres Leben, Geschichten aus der Heimat.
Im Jahr 1875 ist Barbara 57 Jahre alt. Sie lebt inzwischen bei ihrer Tochter Anna und deren Familie. Ihre Hände sind von der vielen Arbeit rau und ihre Haare sind grau geworden.
An einem warmen Sommerabend sitzt sie auf der Veranda und betrachtet die untergehende Sonne. Ihre Enkelkinder spielen im Garten. Aus dem Haus hört sie Anna lachen.
Barbara denkt an jenen Märzmorgen im Jahr 1850, als der Gemeindeschreiber an ihre Tür geklopft hatte… An die Männer auf dem Gemeindehaus… An die Überfahrt… An ihre Angst… Und an die vier kleinen Kinder, die sie damals allein in und durch eine fremde Welt geführt hat.
Sie weiss, dass sie vieles erreicht hat. Ihre Kinder sind gesund, haben Arbeit und eigene Familien. Sie selbst muss nicht mehr um jeden Bissen Brot kämpfen, aber sie hat auch vieles verloren. Ihre Heimat und all die vielen Menschen, die sie zurücklassen musste. Auch die Möglichkeit, jemals wieder an Kaspars Grab stehen zu können. Nach wie vor fühlt sie sich manchmal einsam ohne ihn.
Manchmal fragt sie sich, ob sie damals wirklich eine Wahl hatte. Die Männer auf dem Gemeindehaus hatten gesagt, Amerika sei eine Chance. Vielleicht war es das tatsächlich, aber Barbara weiss, dass sie nicht gegangen wäre, wenn sie in ihrer Heimat eine Möglichkeit gefunden hätte, ihre Kinder zu ernähren.
Sie war nicht ausgewandert, weil sie von einem Abenteuer träumte. Sie war gegangen, weil sie arm war und weil andere Menschen entschieden hatten, dass ihre Armut nicht länger die Sorge der Gemeinde sein sollte. Eigentlich war für sie entschieden worden…
Anna kommt auf die Veranda und setzt sich neben sie.
«Mutter, woran denkst du?»
Barbara lächelt. «An die Schweiz und an früher….»
Anna nimmt ihre Hand. «Vermisst du sie noch immer?»
Barbara schaut hinaus in den Garten. «Ja» sagt sie leise. «Manchmal sehr.»
Dann sieht sie ihre Enkelkinder, die lachend über die Wiese rennen und spürt ganz viel Wärme im Herzen. Sie drückt Annas Hand. «Aber ich bin froh, dass ihr alle hier seid.»
Als es dunkel wird, geht Barbara ins Haus. Auf einer kleinen Kommode steht noch immer die alte Taschenuhr ihres Mannes Kaspar. Sie funktioniert längst nicht mehr. Barbara hat sie all die Jahre aufbewahrt, so wie ein Schatz. Sie nimmt die Uhr in die Hand und streicht mit dem Daumen über den abgenutzten Deckel und legt sie sie dann vorsichtig zurück. Es ist das einzige Stück ihrer alten Heimat, das sie noch besitzt und manchmal, wenn sie die Uhr betrachtet, erinnert sie sich daran, dass ein Mensch an einem neuen Ort ein Zuhause finden kann, ohne jemals ganz aufzuhören, das alte zu vermissen. So, als ob wir überall, wo wir leben und lieben einen kleinen Teil von uns hinterlassen würden und vielleicht ist es ja auch genau so.
Zum historischen Hintergrund:
Im 19. Jahrhundert unterstützten tatsächlich verschiedene Schweizer Gemeinden die Auswanderung armer Menschen, teilweise unter erheblichem Druck. Dahinter standen nicht nur humanitäre Überlegungen, sondern auch der Wunsch, langfristige Fürsorgekosten zu vermeiden.
Barbara und ihre Familie sind erfunden. Die geschilderte Finanzierung durch eine Luzerner Gemeinde im Jahr 1850, die Reiseroute und die einzelnen Lebensumstände sind plausible erzählerische Annahmen, aber kein nachgewiesener Einzelfall. Auch war die Auswanderung nicht für alle Betroffenen erfolgreich; Krankheit, Ausbeutung und erneute Armut gehörten ebenso zur Realität.
Besonders wichtig finde ich den Gedanken, dass Barbara durchaus sehr mutig war, obwohl sie diese Reise niemals freiwillig gewählt hätte. Sie hat nicht nach einem Abenteuer gesucht. Sie wollte lediglich, dass ihre vier Kinder eine Zukunft haben.


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