
Es war ein kühler Herbstmorgen. Draussen hing noch etwas Nebel zwischen den Häusern, und die Bäume hatten ihre grünen Sommerkleider gegen leuchtend gelbe, orange und rote Blätter eingetauscht.
Arja lag gemütlich in ihrem Lieblingshäuschen und knabberte an einem Heuhalm. Louie hingegen war schon seit einer ganzen Weile auf den Beinen. Er flitzte durch das Gehege, untersuchte jeden Winkel und blieb schliesslich vor etwas stehen, das gestern noch nicht da gewesen war. Ein grosses, gelbes Blatt lag auf dem Boden.
Louie streckte vorsichtig seine Nase danach aus.
«Arja?»
Keine Antwort.
«Aaarjaaa?»
Aus dem Häuschen kam ein verschlafenes Grummeln. «Was ist denn jetzt schon wieder?»
«Da liegt etwas!»
«Hier liegt vieles, Louie. Heu zum Beispiel. Das könntest du essen.» Und mich schlafen lassen… fügte sie in Gedanken hinzu.
«Nein, etwas anderes! Etwas Gelbes! Und es hat ganz viele Arme!»
Arja seufzte, streckte sich und kam langsam aus ihrem Häuschen.
«Das ist ein Blatt, Louie.»
«Ein was?»
«Ein Blatt. Das gehört zu einem Baum.»
Louie betrachtete das seltsame Ding. «Und warum liegt es dann hier? Hat der Baum es verloren?»
«So könnte man es sagen. Im Herbst lassen die Bäume ihre Blätter fallen.»
Louie überlegte einen Moment. «Alle?»
«Ja, die meisten Laubbäume verlieren im Herbst ihre Blätter.»
Louies Augen wurden gross. «Aber Arja! Wenn die Blätter alle herunterfallen, ist der Baum dann nicht traurig?»
Arja schaute ihren kleinen Freund an. Manchmal stellte Louie Fragen, über die sie selbst noch nie nachgedacht hatte.
«Weisst du» begann sie schliesslich, «vielleicht sieht es für uns ein bisschen traurig aus, wenn die Bäume plötzlich ganz kahl dastehen. Aber für den Baum ist das etwas ganz Natürliches. Er braucht im Winter seine Ruhe. Und wenn im Frühling die Sonne wieder wärmer scheint, wachsen neue Blätter.»
«Ganz neue?»
«Ja, ganz neue.»
Louie schaute wieder auf das gelbe Blatt.
«Dann muss der Baum also keine Angst haben, dass er für immer ohne Blätter bleibt?»
«Nein, Louie. Manchmal verändert sich etwas, und wir wissen noch nicht, wie es danach aussehen wird. Aber das bedeutet nicht, dass etwas Schlimmes passiert.»
Louie nickte nachdenklich. «So wie damals, als ich zu dir gekommen bin?»
Arja lächelte. «Ja, ein bisschen so.»
«Da hatte ich nämlich auch Angst», gab Louie leise zu. «Alles war neu. Sogar du.»
«Iiiiiich?» fragte Arja gespielt empört. «Vor mir muss man doch keine Angst haben!»
Louie grinste. «Na ja, manchmal schaust du schon ziemlich streng.»
Arja lachte, denn sie wusste, dass sie manchmal ganz ungeduldig war mit Louie und manchmal auch genervt. Sie war schon ein altes Meerschweinchen und Louie noch ein junges. Er wollte so viel wissen und immer aktiv sein, das war zwischendurch tatsächlich ein wenig anstrengend. Und trotzdem hatte sie ihn lieb, diesen kleinen Wildfang.
Die beiden schauten sich an, und Louie machte einen kleinen Freudensprung. In diesem Moment bewegte sich das Blatt. Louie erstarrte.
«ARJA!»
«Was denn?»
«ES LEBT!»
Ein leichter Luftzug hatte das Blatt über den Boden geschoben. Es raschelte leise und drehte sich ein kleines Stück.
Louie machte einen gewaltigen Satz rückwärts und verschwand hinter seinem Häuschen.
Arja betrachtete das Blatt.
«Louie, das war nur der Wind.»
Vorsichtig erschien eine schwarze Nase hinter dem Häuschen.
«Und wenn es doch ein Tier ist?»
«Dann ist es ein sehr merkwürdiges Tier. Es hat weder Augen noch Beine und frisst offenbar nichts.»
Das überzeugte Louie. Ein Tier, das nichts frass, konnte eigentlich kein richtiges Tier sein. Er kam wieder hervor und stupste das Blatt mit seiner Nase an. Es raschelte und Louie stupste noch einmal. Wieder raschelte es. Er wunderte sich über die Geräusche, die das Blatt machte und es gefiel ihm.
Arja wollte gerade erklären, dass sie eigentlich vorgehabt hatte, ihren Vormittag mit Heu und einem ausgedehnten Schläfchen zu verbringen. Doch da hatte Louie bereits eine Idee.
«Wir spielen Verstecken! Du musst mich suchen!»
«Louie, ich glaube nicht, dass …»
«Nicht schauen!»
Arja drehte sich gehorsam um. Hinter ihr raschelte und scharrte es. Dann hörte sie ein leises Kichern.
«Fertig! Du darfst!»
Arja drehte sich wieder um. Von Louie war nichts zu sehen. Dafür lag mitten im Gehege ein auffallend grosses Herbstblatt, unter dem auf einer Seite ein kleines schwarzes Hinterteil hervorschaute. Arja musste sich sehr zusammennehmen, um nicht laut loszulachen.
«Ach du meine Güte» sagte sie. «Wo ist denn bloss unser Louie geblieben?»
Unter dem Blatt kicherte es.
«Vielleicht ist er zum Kühlschrank gelaufen?»
Stille.
«Oder er hat sich in einen Baum verwandelt?»
Ein unterdrücktes Quieken.
Arja ging langsam um das Blatt herum.
«Wie schade. Dann muss ich die feinen Gurkenstückchen heute wohl ganz alleine essen.»
Mit einem gewaltigen Satz schoss Louie unter dem Blatt hervor. «GURKE? WO?»
Arja brach in ein fröhliches Quieken aus. «Erwischt!»
Louie blieb verdutzt stehen. Dann begriff er.
Arja konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Louie schaute sie einen Moment beleidigt an. Doch dann machte er einen seiner berühmten Freudensprünge, bei denen alle vier Beinchen gleichzeitig in die Luft flogen.
«Noch einmal!» rief er. «Aber diesmal versteckst du dich!»
Arja betrachtete das grosse Herbstblatt und dann sich selbst.
«Louie, ich glaube, dafür bin ich ein kleines bisschen zu gross.»
Louie überlegte. «Dann brauchen wir eben ein grösseres Blatt!»
Und während draussen der Wind die bunten Blätter durch die Luft tanzen liess, machten sich zwei kleine Meerschweinchen auf die Suche nach dem allergrössten Herbstblatt der Welt. Denn der Herbst brachte nicht nur Veränderungen mit sich, sondern auch jede Menge Spass.
ENDE.


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