Was ist eigentlich der Uncanny-Valley-Effekt?

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Ich liebe es, wenn ich über einen Begriff sozusagen stolpere, den ich noch nie gehört habe, mich informiere und sich dann plötzlich dahinter eine ganze Welt öffnet, von der ich vorher überhaupt nichts wusste.

So ging es mir kürzlich mit dem sogenannten Uncanny Valley Effekt.
Ich bin auf das Thema gekommen, als ich mich im Internet mit Bildern von Menschen beschäftigte, deren Aussehen, Bewegungen, Verhalten irgendwie ungewöhnlich auf mich wirkte. Nicht unbedingt hässlich oder abstossend, eher irritierend. Da war etwas, das ich nicht richtig einordnen konnte. So wie ich den Kommentaren entnehmen konnte, ging es anderen ebenso, denn es wurde heftig darauf reagiert.
Zum einen verstand ich die Irritation, mir ging es ja genau so und zum anderen fand ich die Ideen und Erklärungen, die da formuliert wurden, recht abartig und fand es auch scheusslich, öffentlich über das Aussehen von Menschen derart zu urteilen.

Ich bin dem nachgegangen und kam dann auf den Uncanny Valley Effekt.
Aber beginnen wir von vorne. Was bedeutet Uncanny Valley überhaupt?
Der Begriff stammt aus dem Englischen. Uncanny bedeutet so viel wie unheimlich, befremdlich oder seltsam vertraut. Valley heisst Tal. Auf Deutsch spricht man deshalb auch vom «unheimlichen Tal». Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen nach einer Gruselgeschichte, hat aber einen durchaus wissenschaftlichen Hintergrund.
Der Begriff geht auf den japanischen Robotikforscher Masahiro Mori zurück, der dieses Phänomen bereits 1970 beschrieb. Mori beschäftigte sich mit der Frage, wie Menschen auf Roboter reagieren, die uns Menschen immer ähnlicher werden. Dabei stellte er eine interessante Vermutung auf: Je menschlicher ein Roboter aussieht, desto sympathischer und vertrauter erscheint er uns zunächst. Ein kleiner Roboter mit grossen Augen und einem freundlichen Gesicht kann beispielsweise ausgesprochen niedlich wirken.
Doch irgendwann passiert etwas Merkwürdiges. Wenn ein künstliches Wesen einem echten Menschen sehr ähnlich sieht, aber eben nicht ganz, kann unsere positive Reaktion plötzlich ins Gegenteil umschlagen. Wir empfinden das Wesen nicht mehr als niedlich oder sympathisch, sondern als unheimlich, unangenehm oder sogar beängstigend.
Erst wenn die Ähnlichkeit mit einem echten Menschen nahezu perfekt ist, nimmt dieses unangenehme Gefühl möglicherweise wieder ab.

Stellt man diesen vermuteten Verlauf grafisch dar, entsteht eine Kurve mit einem tiefen Einbruch. Ein Tal. Das Uncanny Valley.

Aber warum empfinden wir etwas als unheimlich, das uns doch eigentlich so ähnlich ist? Das ist eine spannende Frage, auf die es bis heute keine abschliessende Antwort gibt.
Eine mögliche Erklärung ist, dass unser Gehirn mega gut darin ist, menschliche Gesichter, Bewegungen und Gesichtsausdrücke zu erkennen. Wir nehmen dabei viel mehr wahr, als uns bewusst ist. Wie sich die Augen bewegen. Wie jemand lächelt. Wie die Haut aussieht. Wie ein Gesicht auf Gefühle reagiert.
Wenn nun etwas beinahe menschlich aussieht, aber einzelne Details nicht ganz stimmen, bemerkt unser Gehirn diese Abweichungen. Vielleicht sind die Augen zu starr. Vielleicht wirkt ein Lächeln irgendwie eingefroren. Vielleicht bewegen sich die Lippen nicht ganz passend zu den gesprochenen Worten.

Wir sehen einen Menschen und gleichzeitig erkennen wir, dass da etwas nicht stimmt. Diese widersprüchlichen Eindrücke können ein unangenehmes Gefühl auslösen.

Andere Erklärungsansätze vermuten, dass uns solche Gestalten unbewusst an Krankheit, Tod oder leblose Körper erinnern könnten. Auch unsere Erwartungen spielen vermutlich eine Rolle. Wenn etwas menschlich aussieht, erwarten wir, dass es sich auch menschlich verhält. Tut es das nicht, entsteht Irritation.

Welche dieser Erklärungen tatsächlich am wichtigsten ist, wird weiterhin erforscht.

Besonders deutlich kann dieser Effekt in Bezug auf menschenähnliche Roboter auftreten. Manche dieser Roboter haben inzwischen erstaunlich realistische Gesichter, Hautstrukturen und Gesichtsausdrücke. Und trotzdem wirken sie auf viele Menschen irgendwie seltsam. Auch in Filmen und Computerspielen ist das Phänomen bekannt.

Mit moderner Computertechnik lassen sich heute beinahe fotorealistische Menschen erschaffen. Aber gerade bei älteren computeranimierten Filmen oder Figuren, die besonders realistisch wirken sollten, gab es immer wieder Reaktionen von Zuschauern, die diese Figuren als unheimlich empfanden. Das, was wir darin als sozusagen unmenschlich empfinden, irritiert uns.

Ein bekanntes Beispiel ist der Animationsfilm «Der Polarexpress» aus dem Jahr 2004. Die Figuren sollten möglichst menschlich aussehen, wirkten auf manche Zuschauer aber gerade deshalb befremdlich.

Interessanterweise haben wir dieses Problem bei offensichtlich künstlichen Figuren meistens nicht. Niemand erwartet, dass Mickey Mouse wie ein echter Mensch aussieht oder sich wie einer bewegt. Wir akzeptieren deshalb die Figur so, wie sie ist.

Erst wenn etwas den Anspruch erhebt, beinahe echt zu sein, werden kleinste Abweichungen plötzlich wichtig.

Und was hat das alles mit künstlicher Intelligenz zu tun? Eine ganze Menge! Wir leben in einer Zeit, in der künstlich erzeugte Bilder, Videos und Stimmen immer realistischer werden.

Menschen, die gar nicht existieren, können auf Fotos täuschend echt aussehen. Künstlich erzeugte Stimmen klingen manchmal verblüffend natürlich. Und digitale Figuren können sprechen, lächeln und uns scheinbar direkt anschauen. Manchmal ist das faszinierend und manchmal eben auch ein bisschen unheimlich.

Vielleicht kennt ihr diese Videos, in denen ein Mensch auf den ersten Blick völlig echt aussieht, aber irgendetwas an seinem Gesicht oder seinen Bewegungen merkwürdig wirkt. Man kann nicht einmal genau sagen, was einen stört und trotzdem ist dieses Gefühl da.

Das könnte ein Beispiel für den Uncanny Valley Effekt sein. Allerdings ist nicht jede Irritation durch künstliche Bilder automatisch diesem Effekt zuzuschreiben. Manchmal erkennen wir einfach technische Fehler oder merken, dass etwas manipuliert wurde.

Und auch nicht jeder Mensch reagiert gleich. Was der eine als unheimlich empfindet, findet jemand anderes vielleicht faszinierend oder überhaupt nicht bemerkenswert.

Gibt es diesen Effekt auch bei echten Menschen? Das ist eine Frage, die ich besonders interessant finde und die ich mir gestellt habe, denn manchmal begegnen uns auch Bilder von echten Menschen, die auf uns irgendwie künstlich wirken. Beispielsweise durch sehr starke Bildbearbeitung, Filter oder kosmetische Veränderungen.

Zum Beispiel wird ja momentan über Susan Dell, die bei einem Auftritt von Trump neben diesem stand, diskutiert und es kursieren allerlei zum Teil wilde Theorien, was da los sei. Vor einer Weile dasselbe betreffend Jim Carrey.

Ein Gesicht kann dann so glatt, symmetrisch oder unbeweglich erscheinen, dass es beinahe an eine künstlich erzeugte Figur erinnert. Auch hier kann ein ähnliches Gefühl entstehen.

Allerdings muss man vorsichtig sein, wenn man den Begriff auf echte Menschen überträgt. Der ursprüngliche Uncanny Valley Effekt beschreibt vor allem unsere Reaktion auf künstliche, menschenähnliche Darstellungen. Ob und weshalb wir auf bestimmte reale Gesichter ähnlich reagieren, lässt sich nicht einfach damit erklären.

Und vor allem sagt dieses Gefühl nichts über den Wert, die Persönlichkeit oder die Schönheit eines Menschen aus. Es beschreibt zunächst einmal unsere eigene Wahrnehmung, die wir Menschen ja oft auf andere beziehen, statt auf uns und so kann das sehr diskriminierend sein.

Was ich daran besonders spannend finde … Wir Menschen glauben ja gerne, dass wir unsere Umwelt bewusst und rational wahrnehmen. Dass wir etwas anschauen, beurteilen und dann entscheiden, wie wir darauf reagieren. Aber ganz offensichtlich geschieht in unserem Gehirn unglaublich viel, ohne dass wir es überhaupt bemerken.

Wir erkennen winzige Abweichungen. Wir vergleichen das, was wir sehen, mit unseren Erfahrungen. Wir entwickeln Erwartungen und reagieren manchmal mit einem Gefühl, noch bevor wir erklären können, woher es kommt.

Ich glaube, das ist genau das für mich Faszinierendste an diesem Phänomen. Dass etwas gleichzeitig vertraut und fremd sein kann. Dass uns etwas gerade deshalb irritiert, weil es uns so ähnlich ist. Und auch, dass die Grenze zwischen künstlich und echt mit jeder technischen Entwicklung ein bisschen schwieriger zu erkennen wird.

Ich frage mich, ob sich unsere Wahrnehmung dadurch langfristig verändern wird. Falls wir eines Tages ganz selbstverständlich mit menschenähnlichen Robotern zusammenleben oder täglich künstlich erzeugten Gesichtern begegnen, werden wir uns dann daran gewöhnen? Wird es normal und wird dieses unheimliche Tal irgendwann verschwinden? Oder wird unser Gehirn immer wieder neue, winzige Unterschiede entdecken, die uns verraten, dass etwas eben doch nicht ganz menschlich ist oder sein könnte?

Ich weiss es nicht. Aber ich finde es spannend, wie ein einzelner Begriff plötzlich so viele Fragen aufwerfen kann. Über Technik, Wahrnehmung und über unser Gehirn. Letztlich auch darüber, was einen Menschen für uns eigentlich menschlich macht.

Bild: https://robotics24.net/blog/glossary/uncanny-valley/

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Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.