
Immer mal wieder stosse ich auf die Geschichte eines Menschen und frage mich, warum ich diesen Namen noch nie zuvor gehört habe.
Gisella Perl ist so ein Name. Sie war Ärztin, Gynäkologin, Jüdin, Überlebende von Auschwitz. Und sie war eine Frau, die unter Bedingungen Entscheidungen treffen musste, wie sie eigentlich kein Mensch jemals treffen sollte.
Gisella Perl wurde 1907 in Sighet geboren, einer Stadt in Siebenbürgen, die damals zu Österreich-Ungarn gehörte und heute in Rumänien liegt. Schon früh wollte sie Medizin studieren, für eine Frau zu dieser Zeit alles andere als selbstverständlich. Sie setzte sich durch, wurde Ärztin und spezialisierte sich auf Gynäkologie.
Sie heiratete, bekam Kinder und führte ein Leben, das vermutlich viele Jahre lang ziemlich gewöhnlich erschien.
Bis der Holocaust kam. 1944 wurde Gisella Perl zusammen mit ihrer Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort wurde sie von ihrer Familie getrennt. Weil sie Ärztin war, setzte man sie als Häftlingsärztin im Frauenlager ein. Als Ärztin, ja, aber beinahe ohne alles, was eine Ärztin braucht. Es gab keine Medikamente, keine sterilen Instrumente, weder ausreichende Verbände, noch vernünftige hygienische Bedingungen. Aber um sie herum überall Frauen, die krank waren, verletzt, ausgehungert und verzweifelt.
Gisella Perl versuchte trotzdem zu helfen. Doch dann begriff sie etwas, das sie vor eine Entscheidung stellte, die aus unserer heutigen sicheren Welt kaum zu erfassen ist. Schwangerschaft konnte in Auschwitz den Tod bedeuten.
Als Gisella Perl erkannte, was mit schwangeren Frauen geschah, begann sie heimlich Schwangerschaften zu beenden. Nicht, weil sie das Leben nicht achtete, sondern weil sie versuchte, das Leben der Frauen zu retten. Die Abbrüche führte sie unter unvorstellbaren Bedingungen durch, ohne die medizinischen Möglichkeiten, die dafür eigentlich notwendig gewesen wären. Sie riskierte dabei auch ihr eigenes Leben.
Es ist wahrscheinlich einer der grausamsten Widersprüche ihrer Geschichte: Eine Frauenärztin, deren Beruf darin bestand, Frauen durch Schwangerschaften zu begleiten und Kindern auf die Welt zu helfen, beendete Schwangerschaften, weil dies in dieser Situation die einzige Möglichkeit war, wenigstens die Mutter vor dem Tod zu bewahren.
Was bedeutet medizinische Ethik an einem Ort, an dem jede menschliche Ethik ausser Kraft gesetzt wurde? Ich glaube, auf diese Frage gibt es keine Antwort…
Gisella Perl überlebte Auschwitz. Später wurde sie nach Bergen-Belsen deportiert, wo sie 1945 die Befreiung erlebte. Viele Menschen ihrer Familie überlebten nicht. Ihr Mann und ihr Sohn wurden ermordet. Auch zahlreiche weitere Angehörige verlor sie.
Nach dem Krieg wanderte Gisella Perl schliesslich in die USA aus. 1948 veröffentlichte sie ihre Erinnerungen unter dem Titel I was a Doctor in Auschwitz.
Und irgendwann geschah etwas, das mich an ihrer Geschichte besonders berührt. Gisella Perl wurde wieder Gynäkologin. Sie arbeitete in New York am Mount Sinai Hospital und half Frauen dabei, Kinder zur Welt zu bringen. Nach allem, was sie erlebt hatte… Nach all den Schwangerschaften, die sie dort unter entsetzlichen Umständen hatte beenden müssen…
Es wird berichtet, dass sie nach einer erfolgreichen Geburt jeweils in den Kreisssaal ging, ihre Hände zum Himmel hob und sagte: «Gott, du schuldest mir ein Leben – ein lebendes Baby.»
Später fand Gisella Perl auch ihre Tochter wieder, die den Holocaust überlebt hatte. Schliesslich zog sie nach Israel und starb dort 1988 im Alter von 81 Jahren.
Wenn wir über Widerstand während des Holocaust sprechen, denken wir oft an Waffen, Aufstände oder Menschen, die andere versteckten. Aber Widerstand konnte auch ganz anders aussehen. Eben zum Beispiel darin, in einer Baracke ohne Medikamente eine kranke Frau zu behandeln, eine Hand zu halten, Schmerzen zu lindern. Oder eine Entscheidung zu treffen, die unter normalen Umständen kaum vorstellbar wäre, weil in diesem Moment nur noch die Wahl zwischen zwei schrecklichen Möglichkeiten bestand.
Gisella Perl konnte in Auschwitz nichts grundsätzlich verändern, aber innerhalb eines Systems, dessen Ziel Entmenschlichung und Vernichtung war, versuchte sie immer wieder, einzelne Menschen am Leben zu halten.
Ich finde, das ist genau der Grund, weshalb wir ihren Namen kennen sollten.
Gisella Perl — Eine Frau, die selbst an einem Ort, an dem Menschlichkeit keinen Wert mehr haben sollte, versucht hat, menschlich zu bleiben. 🩷


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