
Es ist ein kühler Sonntagmorgen im Oktober 1964. Über den Feldern eines kleinen Dorfes in der Zentralschweiz liegt noch etwas Nebel. Die Kirchenglocken haben bereits zum ersten Mal geläutet.
Margrit steht in ihrem Schlafzimmer vor dem Spiegel und knöpft ihre gute Bluse zu. Die hellblaue, die sie sich im vergangenen Frühling gekauft hat. Dazu trägt sie einen dunklen Rock und die etwas unbequemeren Schuhe, die sie eigentlich nur sonntags anzieht. Sie ist 26 Jahre alt, seit drei Jahren verheiratet und seit sechs Wochen Mutter eines kleinen Jungen. Daniel. Ein gesundes Kind mit dunklen Haaren und kräftigen Lungen, wie die Hebamme lachend festgestellt hatte.
Die Geburt war nicht einfach gewesen. Fast zwanzig Stunden hatte Margrit in den Wehen gelegen, und noch immer spürte sie manchmal ein unangenehmes Ziehen und Schmerz im Unterleib, wenn sie sich zu schnell bewegte. Aber Daniel war gesund und dafür war sie dankbar.
Im Nebenzimmer hörte Margrit ihren Mann Hans mit dem Kleinen sprechen. Margrit lächelte.
Heute war ein besonderer Tag. Heute würde sie zum ersten Mal seit der Geburt wieder zur Kirche gehen.
Zur Aussegnung.
Ihre Mutter hatte sie bereits vor einigen Tagen daran erinnert. «Du musst dann auch langsam schauen, dass du ausgesegnet wirst, Margrit. Der Daniel ist jetzt bald sechs Wochen alt.»
Margrit hatte genickt. Natürlich. Sie wusste das. So machte man es schliesslich.
Ihre Mutter war nach jeder ihrer vier Geburten ausgesegnet worden. Ihre Grossmutter ebenfalls. Und vermutlich schon deren Mutter und Grossmutter. Es war nichts, worüber man lange nachdachte. Eine Frau bekam ein Kind, verbrachte einige Wochen im Wochenbett, und danach ging sie zur Aussegnung. Das gehörte einfach dazu.
Die Aussegnung der Wöchnerin war ein jahrhundertealter kirchlicher Brauch, der auch in der Schweiz weit verbreitet war, insbesondere in katholisch geprägten Regionen. Man nannte ihn auch Muttersegen oder Kirchgang der Wöchnerin. Seine Wurzeln reichten weit zurück, bis in die Reinheitsvorschriften des Alten Testaments.
Im dritten Buch Mose, Levitikus, Kapitel 12, war festgelegt, dass eine Frau nach der Geburt eines Kindes für eine bestimmte Zeit als kultisch unrein galt. Nach der Geburt eines Sohnes dauerte diese Zeit insgesamt 40 Tage. Nach der Geburt einer Tochter waren es sogar 80 Tage.
Während dieser Zeit durfte die Frau nach den damaligen religiösen Vorschriften nichts Heiliges berühren und das Heiligtum nicht betreten. In manchen Gegenden wurde es sogar gern gesehen, wenn die Frau möglichst zuhause blieb während dieser Zeit.
Anschliessend waren Opfergaben vorgesehen, durch die ihre rituelle Reinheit wiederhergestellt wurde.
Warum die Zeit nach der Geburt eines Mädchens doppelt so lang dauerte, erklärt der biblische Text nicht. Es gibt verschiedene Deutungsversuche, aber keine eindeutig gesicherte Erklärung.
Dabei muss man wissen, dass der damalige Begriff der Unreinheit nicht dasselbe bedeutete wie Schmutz oder persönliche Sünde. Es handelte sich um eine religiöse, kultische Vorstellung, die auch mit Blutungen und anderen körperlichen Vorgängen verbunden war.
Trotzdem entwickelte sich daraus über die Jahrhunderte ein Bild des weiblichen Körpers, das eng mit Reinheit und Unreinheit verknüpft war.
Und obwohl der christliche Muttersegen im Laufe der Zeit zunehmend als Dank- und Segensritual verstanden wurde, blieben ältere Vorstellungen von Reinigung in manchen Gegenden erhalten.
Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.
«Bist du bald fertig?» Hans stand in der Schlafzimmertüre. Daniel lag auf seinem Arm und schlief.
«Ja, ich komme gleich.» Margrit strich ihren Rock glatt. Sie war ein wenig aufgeregt. Sie hatte sich auf diesen Tag gefreut. Endlich wieder zur Kirche gehen. Wieder dazugehören zum vertrauten sonntäglichen Leben im Dorf.
Seit der Geburt war ihre Welt klein geworden. Das Schlafzimmer, die Küche, die Stube. Stillen, wickeln, waschen, kochen, schlafen, wenn Daniel sie schlafen liess…
Besuch hatte sie bekommen, natürlich. Ihre Mutter war oft gekommen und auch die Nachbarin hatte vorbeigeschaut. Aber das Haus hatte sie kaum verlassen. Zum einen, weil sie sich nach der Geburt erholen musste. Zum anderen, weil es in ihrer Familie üblich war, dass eine Frau vor der Aussegnung noch nicht wieder am kirchlichen Leben teilnahm.
Ihre Mutter hatte ihr einmal erzählt, dass ihre eigene Mutter nach einer Geburt möglichst überhaupt nicht aus dem Haus gegangen sei, bevor sie ausgesegnet worden war.
«Das gehörte sich damals einfach nicht» hatte sie gesagt.
Margrit hatte nie genauer nachgefragt. Weshalb auch? Manche Dinge waren einfach so, wie sie sind und man sprach über solche Dinge nicht .
In vielen katholischen Gegenden der Schweiz war die Aussegnung über Generationen hinweg ein fester Bestandteil des Lebens einer Frau. Wie genau sie durchgeführt wurde und welche Regeln damit verbunden waren, unterschied sich allerdings von Region zu Region.
In manchen Gemeinden wurde die Wöchnerin am Eingang der Kirche vom Priester empfangen. Er sprach Gebete, besprengte sie mit Weihwasser und führte sie anschliessend in die Kirche.
In älteren Formen des katholischen Rituals gehörten auch eine brennende Kerze und besondere Segensgebete dazu.
In manchen Gegenden warteten Frauen vor der Aussegnung tatsächlich an der Kirchentüre oder an einem dafür vorgesehenen Eingang.
Nicht überall waren die Bräuche gleich streng und längst nicht alle damit verbundenen Verhaltensregeln waren offizielle Vorschriften der Kirche. Manches beruhte auf örtlichen Traditionen, auf familiären Erwartungen und auf Vorstellungen, die von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden. Für viele Frauen war die Aussegnung ein schöner Moment, habe ich gelesen. Ein Dank dafür, dass sie die Geburt überstanden hatten. Ein Segen für das weitere Leben als Mutter. Ein feierlicher Abschluss des Wochenbetts. Für andere mag sie eine Pflicht gewesen sein, über die man nicht diskutierte. Und wieder andere werden sich vermutlich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht haben, weil es eben schon immer so gewesen war.
Ich persönlich fand das alles recht befremdlich, als ich davon gehört habe. Und wirklich eigentlich auch diskriminierend…
Als Margrit und Hans bei der Kirche ankamen, standen bereits einige Leute auf dem Platz. Die Männer trugen ihre Sonntagsanzüge, die Frauen ihre guten Mäntel. Es galt als unschicklich, wenn Frauen ohne Kopfbedeckung in die Kirche gingen. So bedeckten vor allem ältere Frauen ihre Haare mit einem Kopftuch, jüngere trugen einen Hut.
Man begrüsste sich, wechselte ein paar Worte und erkundigte sich nach dem kleinen Daniel.
«So ein schöner Bub», sagte Frau Huber, die Nachbarin. Margrit lächelte stolz. Hans ging mit dem Kinderwagen ein Stück weiter, Margrit blieb beim Eingang stehen. Sie wusste, was jetzt kam.
Der Pfarrer würde sie empfangen. Er hatte mit ihr bereits im Vorfeld besprochen, wie die Aussegnung ablaufen würde.
Nach einigen Minuten erschien er, der Herr Pfarrer. Ein älterer Mann mit grauem Haar, den Margrit schon kannte, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Er hatte sie zur Erstkommunion begleitet und später auch ihre Hochzeit gefeiert.
«Guten Morgen, Margrit. Wie geht es der jungen Mutter?»
«Gut, Herr Pfarrer. Danke.»
Er lächelte.
Dann begann die Aussegnung. Margrit hielt die Kerze in der Hand, die man ihr gegeben hatte. Der Pfarrer sprach die vorgesehenen Gebete, besprengte sie mit Weihwasser und führte sie nach dem überlieferten Ritus in die Kirche.
Margrit senkte den Kopf. Sie war gläubig. Sie hatte immer gebetet, besonders während den. schwierigen Stunden der Geburt. Sie war dankbar, dass Daniel gesund war und dankte Gott täglich im Gebet dafür.
Sie empfand diesen Moment durchaus als feierlich. Als der Pfarrer den Segen gesprochen hatte, war die Zeremonie beendet. Nun konnte sie wieder wie gewohnt am Gottesdienst teilnehmen.
Die Geschichte der Aussegnung ist eng mit einer anderen religiösen Tradition verbunden: dem Fest der Darstellung des Herrn, das in der katholischen Kirche am 2. Februar gefeiert wird und früher vielerorts Mariä Lichtmess genannt wurde.
Nach dem Lukas-Evangelium brachten Maria und Josef das Jesuskind vierzig Tage nach seiner Geburt nach Jerusalem, um die vorgeschriebenen religiösen Handlungen zu erfüllen. Diese biblische Erzählung beeinflusste die christlichen Traditionen rund um die Zeit nach einer Geburt.
Allerdings veränderte sich die Bedeutung der Aussegnung im Laufe der Jahrhunderte.
In der katholischen Kirche wurde der Muttersegen zunehmend als Dankgebet für die überstandene Geburt verstanden. Die Frau sollte nicht als Sünderin behandelt werden, die durch die Geburt etwas Unrechtes getan hatte. Und doch ist es historisch bemerkenswert, dass die Frau nach der Geburt einen besonderen Ritus durchlief, während für den Vater nichts Vergleichbares vorgesehen war…
Der weibliche Körper, die Geburt und die Blutungen des Wochenbetts waren seit der Antike mit religiösen Reinheitsvorstellungen verbunden.
Männer waren zwar ebenfalls von verschiedenen religiösen Reinheitsvorschriften betroffen, aber Schwangerschaft, Menstruation und Geburt wurden ausschliesslich am weiblichen Körper verhandelt (obwohl ja der Kindsvater bei Schwangerschaft und Geburt involviert war…).
Über viele Jahrhunderte hinweg wurden diese Vorstellungen vor allem von männlichen religiösen Autoritäten ausgelegt und weitergegeben und prägten das Leben von Generationen von Frauen.
Nach dem Gottesdienst gingen Margrit und Hans zusammen mit dem kleinen Daniel nach Hause. Ihre Mutter war zum Mittagessen eingeladen. Es gab Braten mit Kartoffeln und Rüebli und zum Dessert hatte Margrit am Vortag einen Kuchen gebacken. Daniel schlief während des Essens friedlich in seinem Körbchen.
«So…» sagte ihre Mutter zufrieden. «Jetzt bist du also auch wieder ausgesegnet.»
Margrit nickte. «Ja.»
«Ist doch schön, wenn wieder alles seine Ordnung hat.»
Hans schenkte sich noch etwas Wasser ein. Er hatte dem Gespräch kaum zugehört. Für ihn war dieser Sonntag ein Sonntag wie viele andere. Er war Vater geworden und sein Leben hatte sich natürlich ebenfalls verändert. Aber er war nach der Geburt seines Sohnes nicht wochenlang zuhause geblieben und musste dann vor einer Kirchentüre stehen und auf einen besonderen Segen warten, um wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu dürfen.
Margrit dachte darüber nicht weiter nach, jedenfalls nicht in diesem Moment.
Erst am Abend, als Daniel endlich schlief und sie in der Stube sass, kam ihr der Satz ihrer Mutter wieder in den Sinn. Jetzt war sie also wieder ausgesegnet. Wieder alles in Ordnung.
Sie schaute auf ihre Hände. Dieselben Hände, mit denen sie Daniel hielt, ihn wusch, ihn tröstete.
Sie dachte an die Geburt zurück. An die Schmerzen, die Angst und wie sie irgendwann geglaubt hatte, keine Kraft mehr zu haben. Und auch an den Augenblick, als die Hebamme ihr den kleinen Daniel dann auf die Brust gelegt hatte.
Sie erinnerte sich daran, wie sie geweint hatte. Vor Erleichterung, vor Glück, aber auch vor Erschöpfung. Sie erinnerte sich daran, wie sie kaum glauben konnte, dass dieser kleine Mensch nun tatsächlich da war. Ihr erster Sohn.
Ob sie nach der Geburt unrein gewesen war? So hatte sie es selbst eigentlich nie empfunden. Aber sie wusste, dass der Muttersegen ein alter Brauch war und dass man ihn heute vor allem als Dank für die Geburt verstand. Vielleicht war es deshalb auch gar nicht nötig, sich darüber Gedanken zu machen.
Trotzdem blieb ihr eine Frage. Warum eigentlich nur die Mutter? Hans war schliesslich genauso Vater geworden, wie sie Mutter geworden war. Sie hätte ihn fragen können, aber wahrscheinlich hätte er nur die Schultern gezuckt.
Und ihre Mutter hätte gesagt, dass das nun einmal so sei, sie solle sich doch nicht Gedanken über sowas machen.
Margrit stand auf und ging nach Daniel schauen. Der Kleine schlief friedlich. Sie strich ihm vorsichtig über die Wange und löschte dann das Licht.
Am nächsten Morgen würde Hans wieder zur Arbeit gehen. Sie würde aufstehen, Daniel stillen, die Wäsche machen und das Mittagessen vorbereiten.
Das Leben würde weitergehen, so wie immer.
Margrit ist eine erfundene Frau, aber ihre Geschichte hat sich in ähnlicher Form tatsächlich zugetragen. In einem katholischen Dorf in der Zentralschweiz, im Jahr 1964 oder früher.
Die Aussegnung der Wöchnerin war kein längst vergessener mittelalterlicher Brauch, sondern eine religiöse Tradition, die in Teilen Europas und auch in der Schweiz bis ins 20. Jahrhundert hinein praktiziert wurde.
Die 1960er-Jahre waren eine Zeit des Umbruchs. Das Zweite Vatikanische Konzil fand zwischen 1962 und 1965 statt. In den darauffolgenden Jahren wurden zahlreiche katholische Rituale überarbeitet und erneuert. Auch die traditionellen Formen des Muttersegens verloren zunehmend an Bedeutung. Möglicherweise würde also Margrit dieses Ritual nach der Geburt ihrer weiteren Kinder nicht mehr durchlaufen müssen.
In der erneuerten katholischen Tauffeier werden Mutter und Vater gesegnet. Die Segnung ist Ausdruck von Dankbarkeit und der Bitte um Gottes Begleitung, nicht von einer notwendigen Reinigung nach der Geburt.
Allerdings verschwanden alte Traditionen nicht von einem Tag auf den anderen. Besonders in ländlichen und stark katholisch geprägten Gegenden hielten sich manche Bräuche länger. Es ist durchaus möglich, dass Frauen, die heute um die 85 oder 90 Jahre alt sind, sich noch persönlich an ihre eigene Aussegnung erinnern.
Mich beschäftigt diese Geschichte. Nicht, weil ich religiöse Rituale grundsätzlich ablehne. Ich kann durchaus verstehen, dass ein Segen nach einer Geburt für gläubige Menschen etwas Schönes und Tröstliches sein kann.
Aber ich finde, wir müssen unterscheiden zwischen einem freiwilligen Segen, der einer Frau Kraft und Zuversicht geben soll und einer Tradition, die mit der Vorstellung verbunden ist, dass der weibliche Körper nach einer Geburt erst wieder rein werden müsse. Das ist für mich ein ganz wesentlicher Unterschied.
Auch wenn die offizielle kirchliche Deutung des Muttersegens längst nicht mehr überall von Reinigung sprach, konnten ältere Vorstellungen in Familien und Dorfgemeinschaften weiterleben. Gerade deshalb finde ich es wichtig, solche Geschichten zu erzählen. Weil die Geschichte der Frauen nicht nur aus grossen Ereignissen besteht.
Nicht nur aus dem Kampf um das Frauenstimmrecht, um Bildung, um Arbeit oder um rechtliche Gleichstellung, sondern auch aus all den kleinen, alltäglichen Dingen, die das Leben von Frauen über Generationen hinweg bestimmt haben. Aus Regeln, die kaum jemand hinterfragte und Erwartungen, denen man einfach entsprach. Aus Traditionen, die so selbstverständlich waren, dass man ihre Bedeutung vielleicht gar nicht mehr kannte.
Aus Frauen wie Margrit. Frauen, die ihr Leben lebten, ihre Kinder grosszogen, arbeiteten, liebten, hofften und sich vielleicht hin und wieder eine Frage stellten, die sie nicht laut aussprachen und gleich wieder in die hinterste Ecke des Gehirns verbannte.
Was mich an dieser Geschichte besonders berührt, ist die Nähe zu unserer eigenen Zeit.
1964… Das ist nicht das Mittelalter oder weiss nicht wie lange her.
1964… In der Schweiz sollten noch sieben Jahre vergehen, bis die Frauen 1971 endlich das Stimm- und Wahlrecht auf eidgenössischer Ebene erhielten.
Manchmal vergessen wir, wie jung viele unserer heutigen Selbstverständlichkeiten eigentlich sind und wie lange Vorstellungen über den weiblichen Körper, über die Rolle der Frau und über das, was sich für eine Frau gehört, unser Zusammenleben geprägt haben und auch heute noch prägen.
Menschen, die 1964 geboren wurden, sind jetzt 62 Jahre alt. Wenn sie Glück haben, leben ihre Mütter noch, sind in den 80ern oder 90ern.
Ich würde mich tatsächlich gerne mit einer dieser Frauen über diese Themen unterhalten, das würde ich sehr interessant finden. Erzählen sie wohl ihren Kindern davon, wie das damals war? Oder ist das ein eher schambehaftetes Thema? Ich glaube, damals war es das bestimmt.


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