
Manchmal entdecke ich Tiere, bei denen ich mich ernsthaft frage, wer sich so etwas ausgedacht hat. So wunderschön, so aussergewöhnlich, manche so schrecklich… Irgendwie nicht von dieser Welt….
Der Fangschreckenkrebs, auf Englisch Mantis Shrimp, gehört definitiv dazu. Er sieht ein bisschen aus, als hätte jemand eine Garnele, eine Gottesanbeterin und ein kleines ausserirdisches Wesen miteinander kombiniert und anschliessend beschlossen: Da geht noch mehr.
Dieses meist unglaublich farbenprächtige Meerestier besitzt nicht nur eines der ungewöhnlichsten Sehsysteme im Tierreich, manche Fangschreckenkrebse verfügen auch über Waffen, mit denen sie ihre Beute mit einer geradezu unglaublichen Geschwindigkeit schlagen können.
Aber von vorne: Der englische Name Mantis Shrimp ist ein bisschen irreführend. „Shrimp“ bedeutet Garnele und „mantis“ Gottesanbeterin. Der Fangschreckenkrebs ist aber weder das eine noch das andere. Er gehört zu einer eigenen Gruppe von Krebstieren, den Stomatopoden.
Fangschreckenkrebse gibt es schon seit vielen Millionen Jahren. Heute kennt man hunderte verschiedene Arten, die vor allem in wärmeren Meeren leben. Viele verstecken sich in Höhlen und Spalten oder bauen sich kleine Wohnröhren im Meeresboden, wo sie auf ihre Beute warten. So hübsch wie manche von ihnen aussehen, Fangschreckenkrebse sind Raubtiere.
Grundsätzlich haben Fangschreckenkrebse unterschiedliche Arten von Fangwerkzeugen. Die sogenannten Speerer besitzen mit Dornen besetzte Fangarme, mit denen sie beispielsweise Fische und andere weichere Beutetiere blitzschnell packen. Und dann gibt es die Schläger. Die haben verdickte, keulenartige Fangarme, womit sie beispielsweise Schnecken, Muscheln und andere hartschalige Tiere bearbeiten, wobei „bearbeiten“ ist vielleicht etwas zu freundlich formuliert ist. Sie schlagen auf sie ein und zwar unglaublich schnell.
Der Schlag eines solchen Fangschreckenkrebses gehört zu den schnellsten Bewegungen, die im Tierreich bekannt sind. Dabei passiert sogar etwas, das ich besonders faszinierend finde. Durch die extrem schnelle Bewegung fällt der Druck im Wasser kurzfristig so stark ab, dass winzige Dampfblasen entstehen. Dieses Phänomen nennt man Kavitation. Kurz darauf kollabieren diese Blasen wieder und erzeugen dabei zusätzliche Druckwellen.
Das bedeutet vereinfacht gesagt: Die Beute bekommt nicht nur den eigentlichen Schlag ab. Auch der Zusammenbruch der dabei entstehenden Blasen kann zusätzlich Wirkung entfalten. Für ein Tier, das vielleicht gerade noch friedlich in seiner Muschel sass, dürfte das ein ziemlich schlechter Tag sein.
Fast noch unglaublicher als seine Schlagkraft finde ich allerdings die Augen des Fangschreckenkrebses. Schon wenn man ihn anschaut, fallen sie auf. Sie sitzen auf beweglichen Stielen und können weitgehend unabhängig voneinander bewegt werden. Aber das wirklich Erstaunliche befindet sich im Inneren. Wir Menschen besitzen drei verschiedene Arten von Zapfen für unser Farbsehen, die grob auf unterschiedliche Bereiche des sichtbaren Lichts reagieren. Bei manchen Fangschreckenkrebsen findet man dagegen bis zu zwölf Photorezeptor-Klassen, die an der Farbwahrnehmung beteiligt sind.
Ausserdem können manche Arten ultraviolettes Licht wahrnehmen und sogar unterschiedliche Formen von polarisiertem Licht erkennen. Das ist eine Fähigkeit, die wir Menschen ohne technische Hilfsmittel so nicht besitzen.
Lange wurde deshalb gerne behauptet, Fangschreckenkrebse würden eine unglaubliche Farbenwelt sehen, die wir uns überhaupt nicht vorstellen könnten. Ganz so einfach ist es allerdings nicht, habe ich gelesen. Experimente haben gezeigt, dass Fangschreckenkrebse trotz ihrer vielen unterschiedlichen Rezeptoren nahe beieinanderliegende Farben teilweise schlechter unterscheiden können als wir Menschen. Offenbar verarbeitet ihr Gehirn Farbinformationen anders. Sie besitzen also wohl nicht einfach eine bessere Version unseres Farbsehens. Sie besitzen ein anderes System.
Die Augen eines Fangschreckenkrebses sind zudem in verschiedene Bereiche unterteilt. Besonders auffällig ist ein Streifen quer durch die Mitte des Auges, die sogenannte Midband. Dort befinden sich hoch spezialisierte Rezeptoren. Durch den besonderen Aufbau kann bereits ein einzelnes Auge Informationen erfassen, für die unsere Wahrnehmung ganz anders organisiert ist.
Wenn man einen Fangschreckenkrebs aus der Nähe betrachtet, wirken diese Augen deshalb tatsächlich fast ein bisschen ausserirdisch. Das passt irgendwie zum Rest des Tieres.
Besonders bekannt ist der Pfauen-Fangschreckenkrebs (Odontodactylus scyllarus). Er ist wunderschön. Grün, blau, rot, orange – teilweise sieht er aus, als hätte jemand sämtliche Farben, die zur Verfügung standen, einfach auf einem einzigen Tier verteilt.
Und dann sitzt dieses wunderschöne kleine Wesen irgendwo zwischen Korallen und Steinen und besitzt Fangarme, die Muschelschalen zertrümmern können, während seine Augen Licht auf eine Weise analysieren, die sich von unserer eigenen Wahrnehmung grundlegend unterscheidet. Grossartig!!!
So etwas lehrt uns doch, dass wir Menschen nur den winzigen Ausschnitt, den unsere Sinne uns ermöglichen, kennen und dies dann sogar noch für das einzig Wahre halten.
Andere Lebewesen nehmen Dinge wahr, die für uns vollkommen unsichtbar sind. Ultraviolettes Licht, Polarisation, Magnetfelder, Schwingungen.
Die Welt ist vermutlich viel voller an Informationen, als wir es jemals wahrnehmen können.



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