Was ist eigentlich Propriozeption?


Schliesse deine Augen und jetzt hebe einen Arm über deinen Kopf.
Du kannst ihn nicht sehen und trotzdem weisst du ganz genau, dass dein Arm gerade oben ist.
Oder versuche, mit geschlossenen Augen mit dem Zeigefinger eure Nasenspitze zu berühren. Erstaunlicherweise funktioniert das meistens ziemlich problemlos.

Aber woher weiss unser Gehirn eigentlich, wo sich unsere Hand befindet, wenn wir sie gar nicht sehen?
Das ist Propriozeption.
Propriozeption ist einer dieser Sinne, die wir praktisch jede Sekunde unseres Lebens benutzen und von dem viele Menschen vermutlich gar nicht wissen, dass es ihn gibt.
Man könnte ihn ganz einfach als unseren inneren Körpersinn bezeichnen.

Der Begriff geht auf lateinische Wörter zurück. „Proprius“ bedeutet „eigen“ oder „der eigene“, und der zweite Teil hängt mit dem Wahrnehmen beziehungsweise Aufnehmen zusammen. Sinngemäss bedeutet Propriozeption also ungefähr die Wahrnehmung des eigenen Körpers.
Geprägt wurde der Begriff Anfang des 20. Jahrhunderts vom britischen Neurophysiologen Charles Scott Sherrington, der sich intensiv damit beschäftigte, wie unser Nervensystem Bewegungen und Körperhaltung steuert.

In unseren Muskeln, Sehnen und Gelenken befinden sich spezielle Sinnesrezeptoren, sogenannte Propriozeptoren. Diese kleinen Messfühler liefern unserem Gehirn ständig Informationen. Wie stark ist ein Muskel angespannt? Wie weit ist er gedehnt? In welcher Position befindet sich ein Gelenk? Bewegt sich mein Bein gerade nach vorne oder nach hinten?
Das alles passiert, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken müssen. Wenn ich beispielsweise im Dunkeln aus dem Bett steige, muss ich nicht zuerst meine Beine anschauen, um zu wissen, wo sie sich befinden. Wenn ich eine Tasse zum Mund führe, muss ich nicht permanent beobachten, wo sich meine Hand befindet. Wenn ich eine Treppe hinaufsteige, weiss mein Körper ungefähr, wie meine Beine gerade stehen. Beim Schreiben weiss ich, wo sich meine Finger befinden. Und wenn ich mich morgens im Halbschlaf an der Nase kratze, treffe ich normalerweise tatsächlich meine Nase.
All das funktioniert unter anderem dank unserer Propriozeption.

Klingt ein bisschen ähnlich wie unser Gleichgewichtssinn, aber es ist etwas anderes. Unser Gleichgewicht entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener Systeme. Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr informiert unser Gehirn unter anderem darüber, wie sich unser Kopf bewegt und wie er zur Schwerkraft ausgerichtet ist. Unsere Augen liefern Informationen darüber, wo wir uns im Raum befinden. Und die Propriozeption meldet, wie unsere Muskeln und Gelenke gerade stehen und sich bewegen. Unser Gehirn fügt diese Informationen zusammen und daraus entsteht etwas, das für uns so selbstverständlich ist, dass wir kaum darüber nachdenken: Wir wissen, wo unser Körper ist.

Wie bei so vielen Dingen merkt merkt man diese Wirkung erst so richtig, wenn sie eben nicht mehr richtig funktioniert. Wenn die propriozeptiven Informationen aufgrund einer Erkrankung oder Schädigung des Nervensystems fehlen oder stark beeinträchtigt sind, können Bewegungen plötzlich enorm schwierig werden. Ein Mensch kann beispielsweise seine Beine bewegen, aber ohne hinzuschauen möglicherweise nicht mehr genau wissen, in welcher Position sie sich befinden. Dann übernehmen die Augen einen Teil der Kontrolle. Solange die Person ihre Beine oder Hände sehen kann, kann sie Bewegungen teilweise korrigieren. Macht sie aber die Augen zu oder wird es dunkel, wird es plötzlich viel schwieriger.

Es gibt seltene Fälle von Menschen, die ihre Propriozeption fast vollständig verloren haben. Sie mussten Bewegungen, die wir völlig automatisch ausführen, regelrecht neu lernen und bewusst mit den Augen kontrollieren.
Stellt euch das einmal vor. Bei jedem Schritt bewusst überlegen zu müssen: Wo ist mein Fuss? Ist mein Knie gebeugt? Wie weit muss ich das Bein jetzt nach vorne bewegen? Dinge, über die wir normalerweise keine einzige Sekunde nachdenken.

Wir sprechen meistens von unseren fünf Sinnen:
Sehen.
Hören.
Riechen.
Schmecken.
Fühlen.
Aber unser Körper verfügt über noch viel mehr Möglichkeiten, Informationen wahrzunehmen. Dazu gehören beispielsweise der Gleichgewichtssinn, die Wahrnehmung von Temperatur und Schmerz – und eben die Propriozeption. Vielleicht ist sie einer unserer unauffälligsten Sinne.
Wir sehen mit unseren Augen.
Wir hören mit unseren Ohren.
Wir riechen mit unserer Nase.

Aber die Propriozeption? Die bemerken wir normalerweise überhaupt nicht. Und trotzdem sorgt sie gerade jetzt dafür, dass du weisst, wo deine Hände sind, während du diesen Text liest. Und zwar ohne hinzuschauen. Probier es aus.

Schliesse die Augen, hebe einen Finger und bewege ihn ein bisschen hin und her. Du kannst ihn nicht sehen, aber du weisst, wo er ist. Das ist Propriozeption.

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.