
Neulich bin ich über dieses Bild gestolpert, bei dem ich lachen musste. Eine Frau spaziert völlig entspannt durch eine brennende Strasse, während um sie herum Roboter offenbar gerade die Weltherrschaft übernommen haben. Dazu steht sinngemäss: Die Roboter übernehmen die Macht – aber weil du zu ChatGPT immer «Bitte» und «Danke» gesagt hast, lassen sie dich in Ruhe.
Da dachte ich natürlich: Sehr gut. Ich bin vorbereitet. Mir kann gar nichts passieren…. Denn natürlich ich sage auch zu ChatGPT bitte und danke. Obwohl ich weiss, dass eine KI weder beleidigt ist, wenn ich es nicht tue, noch sich besonders freut, wenn ich höflich zu ihr bin.
Aber hinter diesem lustigen Bild steckt eigentlich eine ziemlich interessante und auch beängstigende Frage:
Könnte künstliche Intelligenz tatsächlich irgendwann die Macht über uns Menschen übernehmen?
Wenn wir an eine solche Machtübernahme denken, haben wir vermutlich sofort Bilder aus Science-Fiction-Filmen im Kopf. Roboter, die durch die Strassen marschieren, Maschinen, die plötzlich ein Bewusstsein entwickeln. Eine künstliche Intelligenz, die irgendwann beschliesst, dass der Mensch eigentlich überflüssig ist.
So weit sind wir nicht.
Heutige KI hat keinen eigenen Willen. Sie sitzt nicht irgendwo und schmiedet heimlich Pläne. Sie möchte weder reich noch berühmt werden, sie hat keine Angst vor dem Tod und sie träumt auch nicht davon, die Weltherrschaft zu übernehmen.
Und trotzdem musste ich feststellen, dass KI bereits heute ziemlich viel Macht über uns hat. Nur sieht diese Macht ganz anders als oben beschrieben aus.
Algorithmen entscheiden mit, welche Beiträge wir auf Instagram, Facebook oder TikTok sehen. Sie bestimmen mit, welche Werbung uns angezeigt wird, welche Videos uns vorgeschlagen werden und welche Nachrichten überhaupt unsere Aufmerksamkeit erreichen.
KI wird bei Bewerbungen eingesetzt, bei Versicherungen, im Bankwesen, in der Medizin, bei Übersetzungen, in Schulen, in Unternehmen und zunehmend auch in Behörden.
Und natürlich benutzen Millionen Menschen ChatGPT und andere KI-Systeme inzwischen für ganz alltägliche Dinge. Wir fragen KI, welches Buch wir lesen könnten, was bestimmte Symptome bedeuten könnten, wie wir einen Brief formulieren sollen, was wir kochen könnten oder wie wir ein Problem lösen sollen.
Manche fragen sie sogar um Rat bei Beziehungen, Erziehungsfragen oder schwierigen Entscheidungen.
Und genau da wird es interessant, denn Macht muss nicht bedeuten, dass jemand mit einem Gewehr vor meiner Haustür steht und mir Befehle erteilt. Macht kann auch bedeuten, meine Entscheidungen zu beeinflussen.
Je häufiger wir einer KI vertrauen, desto grösser wird ihr Einfluss. Das vielleicht grösste Risiko ist deshalb gar nicht, dass KI eines Morgens aufwacht und beschliesst: So, jetzt übernehme ich. Die viel realistischere Gefahr besteht darin, dass wir Menschen ihr die Macht freiwillig überlassen. Weil es bequemer ist und weil die KI schneller rechnen kann. Weil sie riesige Mengen an Informationen verarbeiten kann und irgendwann vielleicht auch deshalb, weil wir denken: Die wird es schon besser wissen.
Aber wird sie das wirklich? Eine KI kann Fehler machen. Sie kann falsche Informationen liefern. Sie kann Vorurteile aus den Daten übernehmen, mit denen sie entwickelt wurde. Und vor allem wird auch eine noch so leistungsfähige KI von Menschen entwickelt, kontrolliert und eingesetzt.
Deshalb gibt es noch eine andere Frage, die ich fast wichtiger finde als die berühmte Roboter-Weltherrschaft: Was passiert, wenn nicht die KI selbst nach Macht strebt – sondern Menschen KI benutzen, um Macht über andere Menschen auszuüben? Zur Überwachung beispielsweise. Zur Manipulation. Zur Verbreitung täuschend echter Bilder, Videos oder Stimmen. Oder um Entscheidungen über Menschen automatisiert treffen zu lassen, die früher ein Mensch getroffen hätte.
Das alles ist längst keine Science-Fiction mehr.
Und dann gibt es natürlich noch die grosse unbekannte Zukunft. Was passiert, wenn künstliche Intelligenz irgendwann wesentlich leistungsfähiger wird als heute? Wenn Systeme selbstständig komplexe Aufgaben erledigen, andere Programme benutzen, langfristig planen und immer weniger menschliche Hilfe benötigen? Ich glaube, soweit sind wir unterdessen ja auch bereis ansatzweise schon.
Niemand kann heute mit Sicherheit sagen, wohin diese Entwicklung führen wird.
Im besten Fall werden wir irgendwann über unsere heutigen Ängste lachen. Vielleicht wird KI eines der grossartigsten Werkzeuge sein, die der Mensch jemals geschaffen hat. Möglicherweise wird sie Krankheiten früher erkennen, neue Medikamente entwickeln, uns gefährliche Arbeiten abnehmen und Probleme lösen, an denen wir heute noch verzweifeln.
Aber möglicherweise werden wir auch lernen müssen, dass nicht alles, was technisch möglich ist, automatisch eine gute Idee ist.
Ich glaube deshalb, die entscheidende Frage lautet gar nicht: Wird KI irgendwann die Macht über die Menschen übernehmen?
Sondern:
Wie viel Macht sind wir Menschen bereit, ihr zu geben?
Ich denke nicht, dass eine Machtübernahme mit Robotern, die durch brennende Strassen marschieren, beginnt, sondern sie hat längst ganz unspektakulär begonnen. Bereits vor KI.
Und falls es irgendwann doch anders kommt und die KI- Roboter tatsächlich meine Haustür einrennen, hoffe ich selbstverständlich, dass irgendwo in ihren Daten gespeichert ist: Andrea war wirklich immer höflich. Sie hat immer Hallo, Bitte und Danke gesagt und mir einen guten Tag gewünscht.
Man weiss ja nie… 😂🤖


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