Der Berg der Kreuze


Manchmal sehe ich ein Bild von einem Ort und will mehr darüber wissen. So ging es mir mit dem Berg der Kreuze in Litauen.

Auf den ersten Blick sieht er – ich sage es, wie es ist – schon ein bisschen spooky aus. Ein Hügel, über und über bedeckt mit Kreuzen. Grosse Kreuze, winzig kleine, schlichte Holzkreuze, kunstvoll verzierte, Kreuze aus Metall. Dazwischen Rosenkränze, kleine Andenken und wieder Kreuze. Tausende. Zehntausende.
Tatsächlich sollen es heute mehr als 200’000 Kreuze sein.

Aber warum? Und wer stellt sie alle dort hin?

Kryžių kalnas – der Berg der Kreuze

Der Berg der Kreuze, auf Litauisch Kryžių kalnas, liegt im Norden Litauens, ungefähr zwölf Kilometer von der Stadt Šiauliai entfernt. Der Hügel selbst ist viel älter als die Kreuze. Im Mittelalter befand sich dort eine befestigte Anlage mit einer hölzernen Burg. Die Geschichte der Kreuze beginnt allerdings erst viel später.

Wann genau das erste Kreuz aufgestellt wurde, weiss heute niemand mit Sicherheit. Bereits im 19. Jahrhundert taucht der Ort in schriftlichen Quellen als Berg der Kreuze auf. Für das Jahr 1850 sind dort etwa zwanzig Kreuze dokumentiert.

Eine Erklärung besagt, dass Menschen Kreuze aufstellten, nachdem sie für Heilung oder Hilfe gebetet hatten. Eine andere – und historisch besonders bedeutende – führt die Tradition auf die Aufstände von 1831 und 1863 gegen die Herrschaft des russischen Zarenreiches zurück.
Viele Menschen starben während dieser Aufstände. Nicht alle Toten konnten gefunden oder ordentlich bestattet werden. So sollen Angehörige begonnen haben, auf dem Hügel Kreuze für die Verstorbenen und Vermissten aufzustellen. Aus einzelnen Kreuzen wurden immer mehr.

Besonders eindrücklich finde ich die Geschichte des Berges während der sowjetischen Besetzung Litauens.
Religion wurde vom kommunistischen Staat unterdrückt und der Berg der Kreuze war den sowjetischen Behörden ein Dorn im Auge. Also versuchte man, ihn verschwinden zu lassen. Der Hügel wurde mehrfach geräumt und Kreuze wurden zerstört. Teilweise kamen dafür sogar Bulldozer zum Einsatz.
Doch dann geschah etwas Bemerkenswertes: Die Menschen stellten neue Kreuze auf. Wurden sie wieder entfernt, kamen wieder neue.

Damit veränderte sich auch ihre Bedeutung. Ein Kreuz stand nicht mehr nur für den christlichen Glauben oder für einen verstorbenen Menschen. Es bedeutete auch Widerstand und „Wir sind noch da“. Ihr könnt unsere Kreuze zerstören – aber nicht das, wofür sie stehen.

Der Berg wurde so zu einem stillen Zeichen des Widerstandes gegen Unterdrückung und zu einem Symbol der litauischen Identität.
Ganz ohne grosse Worte. Einfach immer wieder ein Kreuz hinstellen.

Nachdem Litauen 1990 seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte, entwickelte sich der Berg endgültig zu einem bedeutenden Wallfahrtsort.

1993 besuchte Papst Johannes Paul II. den Berg der Kreuze. Sein Besuch machte den Ort auch international bekannt.
Bis heute kommen Menschen aus Litauen und aus aller Welt hierher und lassen etwas zurück. Ein grosses Holzkreuz zum Beispiel oder eines, das kaum grösser als eine Hand ist.
Manche bringen Rosenkränze mit oder andere kleine religiöse Gegenstände.

Die Gründe dafür sind genauso unterschiedlich wie die Menschen selbst. Manche bitten um Gesundheit, manche um Schutz für ihre Familie. Manche erinnern an einen verstorbenen Menschen, andere bedanken sich für etwas, das sie erlebt haben.

Und so wächst der Berg weiter.
Es gibt keinen Plan, nach dem die Kreuze angeordnet werden. Sie stehen nebeneinander, voreinander und hintereinander. Kleine Kreuze hängen an grossen. An manchen befinden sich wiederum Rosenkränze und noch kleinere Kreuze.
Fast so, als hätte jeder Mensch dort für einen Moment seine eigene Geschichte abgelegt.

Kreuze haben in Litauen ohnehin eine besondere kulturelle Bedeutung. Die traditionelle litauische Kreuzschnitzerei und Kreuzgestaltung – Kryždirbystė genannt – verbindet christliche Symbolik mit Volkskunst und teilweise sehr alten Vorstellungen von Natur und Spiritualität. Diese Tradition gehört zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.

Deshalb sind viele der Kreuze auch weit mehr als zwei zusammengenagelte Holzstücke. Manche sind unglaublich kunstvoll gearbeitet und mit Ornamenten, Figuren oder Symbolen verziert.

Ein bisschen unheimlich stelle ich mir diesen Ort schon vor, wenn ich ehrlich bin. Ich stelle mir vor, wie es dort aussieht, wenn es dunkel wird. Wenn der Wind durch Tausende Kreuze und Rosenkränze geht und irgendwo etwas klappert oder sich bewegt. Ich bin nicht sicher, ob ich dort nachts ganz allein herumspazieren möchte.

Aber ich glaube, ich finde diesen Ort schon auch irgendwie schön, denn hinter dieser unglaublichen Ansammlung von Kreuzen steckt nicht der Tod. Zumindest nicht nur.
Dort stehen Trauer und Erinnerung, aber eben auch Hoffnung, Glaube, Trotz und Widerstand. Und ganz sicher auch dieser ziemlich menschliche Wunsch, etwas sichtbar zu machen, das eigentlich unsichtbar ist.
Vielleicht eine Erinnerung an jemanden, Dankbarkeit oder eine Bitte. Vielleicht einfach die Botschaft: Ich war hier. Dieser Mensch hat gelebt. Das hier bedeutet mir etwas.

Und wenn ich mir den Berg der Kreuze unter diesem Gesichtspunkt anschaue, sehe ich plötzlich nicht mehr einfach 200’000 Kreuze und finde es irgendwie gruselig. Ich sehe 200’000 Geschichten. Und dann finde ich diesen etwas spooky aussehenden Ort plötzlich vor allem sehr berührend.

Eine Antwort zu „Der Berg der Kreuze“

  1. 2019 bei einer Reise durchs Baltikum haben wir diesen Berg der Kreuze auch mit den verschiedensten Gefühlen besucht. Teils sehr pompös, teils chaotisch – auch wenn es noch keine 200 000 waren.

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Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.