
Vor ein paar Tagen habe ich etwas gelesen, was mich interessiert hat: Auf der A1 zwischen Solothurn und Aarau war offenbar ein ziemlich merkwürdig aussehendes Auto unterwegs. Schwarz-weiss gemustert, irgendwie getarnt, mit schwedischem Kennzeichen. Niemand wusste so recht, welche Marke sich darunter verbarg. Im Artikel wurde das Auto als Erlkönig bezeichnet.
Erlkönig? Den Namen kannte ich natürlich. Wie vermutlich viele meiner Generation musste auch ich Goethes Erlkönig irgendwann in der Schule lernen.
«Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind.»
So beginnt es. Erinnerst du dich auch?
Aber was hat Goethe mit einem seltsam beklebten Auto auf einer Schweizer Autobahn zu tun?
Mehr, als ich gedacht hätte.
Einen Erlkönig nennt man in der Automobilwelt einen Prototyp eines neuen oder stark überarbeiteten Fahrzeugmodells, das noch nicht offiziell vorgestellt worden ist. Irgendwann reicht es nämlich nicht mehr, ein neues Auto nur auf abgeschirmten Testgeländen zu erproben. Es muss hinaus in die Welt, auf die Strassen, Autobahnen, durch Städte, über Pässe, bei Hitze und Kälte und Regen gefahren werden. Die Hersteller:innen wollen wissen, wie sich das Fahrzeug unter realen Bedingungen verhält.
Nur gibt es dabei ein Problem: Das neue Auto soll eigentlich noch niemand sehen. Vor allem die Konkurrenz nicht. Also wird getarnt. Und zwar mit diesen ziemlich wilden schwarz-weissen Mustern, die aussehen, als hätte jemand beim Bekleben des Autos einen kleinen optischen Nervenzusammenbruch gehabt.
Diese Muster sollen das Fahrzeug nicht wirklich verstecken. Das wäre auf einer öffentlichen Strasse auch etwas schwierig. Sie sollen vielmehr seine Formen verschleiern. Linien, Kanten, Rundungen und Übergänge lassen sich auf Fotos schlechter erkennen. Manchmal werden zusätzlich einzelne Karosserieteile abgedeckt oder sogar künstlich verändert.
Es Menschen, die genau solche Autos suchen. Sie werden tatsächlich Erlkönig-Jäger:innen genannt. Fotograf:innen und Autoenthusiast:innen halten Ausschau nach getarnten Testfahrzeugen und versuchen herauszufinden, was sich darunter verbirgt. Für Autozeitschriften waren solche Bilder besonders früher sehr begehrt, schliesslich konnte man damit ein Auto zeigen, das offiziell noch gar nicht existierte.
Aber weshalb heissen diese Autos nun ausgerechnet Erlkönige? Das würde mich nun noch interessieren. Dafür müssen wir tatsächlich zurück zu Goethe.
Johann Wolfgang von Goethe schrieb seine Ballade Erlkönig im Jahr 1782. Darin reitet ein Vater mit seinem Sohn durch die Nacht. Das Kind glaubt den Erlkönig zu sehen und zu hören. Der Vater versucht immer wieder, für das, was sein Sohn wahrnimmt, vernünftige Erklärungen zu finden. Doch der Junge hat Angst. Immer grössere Angst. Der Erlkönig lockt ihn zunächst, wird dann bedrohlich und als der Vater schliesslich sein Ziel erreicht, ist das Kind tot.
Interessant ist übrigens auch, dass selbst der Name Erlkönig auf einem sprachlichen Missverständnis beruht. Goethe liess sich von einer Übersetzung einer dänischen Volksballade durch Johann Gottfried Herder inspirieren. Herder hatte das dänische Wort für Elfenkönig falsch beziehungsweise missverständlich als «Erlkönig» übertragen. Ohne diesen Übersetzungsfehler würden wir heute vielleicht von Goethes Elfenkönig sprechen – und möglicherweise auch von einem Auto-Elfenkönig. 😄
Aber damit sind wir immer noch nicht beim Auto. Das geschah erst rund 170 Jahre später. Anfang der 1950er-Jahre gelangten Fotos von noch geheimen Autoprototypen zur Zeitschrift auto motor und sport. Damals war das etwas ziemlich Aussergewöhnliches. Die Autohersteller waren ganz und gar nicht begeistert davon, dass ihre zukünftigen Modelle schon vor der offiziellen Präsentation fotografiert und veröffentlicht wurden.
Die Motorjournalisten Heinz-Ulrich Wieselmann und Werner Oswald kamen deshalb auf eine originelle Idee. Sie machten aus der Sache ein kleines Spiel mit Goethes berühmter Ballade. 1952 erschien in auto motor und sport das Foto eines noch nicht vorgestellten Mercedes-Benz 180. Wieselmann dichtete dazu im Stil des Goethe-Gedichts. Der Anfang lautete: «Wer fährt da so rasch durch Regen und Wind?» Und über der kleinen Geschichte stand schlicht: Erlkönig.
Der Name blieb. Von da an verwendete die Zeitschrift den Begriff immer wieder für heimlich fotografierte Prototypen und irgendwann wurde aus dem journalistischen Scherz ein ganz normaler Ausdruck der Automobilwelt.
Eigentlich grossartig, oder etwa nicht? Ein Gedicht aus dem Jahr 1782…. Ein Übersetzungsfehler aus einer noch älteren dänischen Ballade….. Zwei Motorjournalisten, die 1952 ein bisschen mit Goethe herumalbern…. Und mehr als siebzig Jahre später fährt irgendwo zwischen Solothurn und Aarau ein schwarz-weiss verklebtes Auto über die Autobahn und wir nennen es noch immer einen Erlkönig.
Manchmal haben Wörter wirklich erstaunliche Reisen hinter sich. Falls ich irgendwann einmal so ein seltsam gemustertes Auto auf der Autobahn vor mir habe, weiss ich jetzt zumindest, dass da nicht jemand einen sehr eigenwilligen Geschmack bei Autofolien hat. Vielleicht sehe ich gerade ein Auto, das es offiziell noch gar nicht gibt. Offenbar ist es ein „grosses Glück“ (bzw sehr, sehr selten), einen Erlkönig zu sehen.
Und weil es eigentlich der Ursprung dieser ganzen Geschichte ist, hier noch Goethes Erlkönig. Das Gedicht stammt von 1782:
Erlkönig – Johann Wolfgang von Goethe
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.
«Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.»
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind.
«Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.»
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort?
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau.
«Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.»
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!
Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.


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