
A calm, unhurried state
of simply being,
not about doing, achieving, or planning,
but the quiet act of existing in the moment.
Ein ruhiger, ungehetzter Zustand
des einfachen Seins.
Nicht tun, nicht leisten, nicht planen.
Einfach für einen Moment nur da sein.
Oleilu ist ein finnisches Wort. Und wie so oft bei diesen besonderen Wörtern, die ich für meine Reihe Schöne Worte sammle, steckt darin etwas, wofür wir im Deutschen nicht wirklich ein einzelnes Wort haben.
Wobei man bei Oleilu ein bisschen genauer hinschauen muss.
Die wunderschöne englische Erklärung, die ich gefunden habe, ist nämlich eher eine poetische Interpretation als eine wortwörtliche Übersetzung. Im Finnischen ist oleilu ein Substantiv und leitet sich vom Verb oleilla ab. Dieses bedeutet ungefähr sich irgendwo aufhalten, verweilen, herumsein.
Oleilu kann entsprechend mit Aufenthalt, Verweilen oder auch einem eher ziellosen Herumsein übersetzt werden. Selbst in der Wortbildung steckt dabei etwas Interessantes: Das finnische Verb beschreibt eine Tätigkeit, die länger andauern kann und nicht besonders zielgerichtet sein muss.
Und vielleicht ist genau daraus diese viel schönere, modernere Bedeutung entstanden:
Einfach sein. Ohne etwas erreichen zu müssen.
Nicht meditieren, um gelassener zu werden.
Nicht spazieren gehen, um Schritte zu sammeln.
Nicht lesen, um sich weiterzubilden.
Nicht ausruhen, damit man nachher wieder leistungsfähiger ist.
Sondern einfach nur da sein.
Was eigentlich absurd selbstverständlich klingt. Und gleichzeitig ist es etwas, das uns unglaublich schwerfällt.
Wir sind es gewohnt, beinahe allem einen Zweck zu geben. Selbst die Dinge, die uns guttun sollen, werden schnell zu Aufgaben. Wir sollten genügend schlafen. Genügend trinken. Uns bewegen. Entspannen. Achtsam sein. Freundschaften pflegen. Bücher lesen. Zeit in der Natur verbringen.
Sogar Erholung kann irgendwann wie ein weiterer Punkt auf einer endlosen To-do-Liste wirken.
Und dann sitzt man vielleicht an einem wunderschönen Ort, die Sonne scheint, irgendwo zwitschert ein Vogel. Im Kopf überlegt man bereits, was man nachher noch erledigen muss.
Oder man greift zum Handy.
Oder denkt: Eigentlich müsste ich …
Ich glaube, Oleilu beginnt genau dort, wo dieses „Ich müsste eigentlich“ für einen Moment aufhört. Ich stelle mir darunter gar nichts Spektakuläres vor.
Vielleicht sitzt man morgens noch einen Augenblick mit der Kaffeetasse am Tisch und schaut einfach aus dem Fenster.
Vielleicht steht man im Garten und spürt die Sonne auf der Haut.
Vielleicht sitzt man auf einer Bank und beobachtet Menschen, schaut ins Leere oder auf den See.
Vielleicht liegt ein Meerschweinchen irgendwo gemütlich im Häuschen und man setzt sich daneben und schaut einfach ein bisschen zu.
Kein Ziel.
Kein Ergebnis.
Keine Frage danach, ob diese zehn Minuten sinnvoll genutzt waren und welchen Zweck sie erfüllten.
Ich glaube, das ist etwas, das wir Erwachsenen irgendwann ein ziemlich verlernen. Kinder können das oft noch erstaunlich gut. Sie sitzen irgendwo und schauen einem Käfer zu. Lassen Steine durch die Finger rieseln. Liegen im Gras. Tun Dinge, die aus erwachsener Sicht überhaupt keinen Zweck haben.
Ich denke, genau das ist der Zweck.
Wir verbringen einen grossen Teil unseres Lebens damit, irgendwohin zu wollen.
Zum nächsten Termin.
Zum Feierabend.
Zum Wochenende.
In die Ferien.
Zum nächsten Ziel.
Zu einem Gewicht, einem Abschluss, einer erledigten Aufgabe, einer besseren Version von uns selbst.
Und natürlich brauchen wir Ziele. Wir müssen planen, arbeiten, organisieren und Verantwortung übernehmen. Aber vielleicht brauchen wir dazwischen kleine Inseln, in denen nichts verbessert oder erreicht werden muss. Auch wir selbst nicht.
Das gefällt mir an Oleilu besonders.
Denn in diesem Gedanken steckt für mich etwas sehr Sanftes: Für einen Moment muss ich nichts aus meinem Leben machen. Ich darf einfach darin sein.
Oleilu ist gar nicht die grosse Kunst, zur Ruhe zu kommen sondern die noch viel schwierigere Kunst, einen Augenblick nicht zu rechtfertigen.
Nicht sagen zu müssen: Ich mache jetzt Pause, weil …
Sondern nur: Ich bin hier.
Und das reicht.
Vielleicht sollten wir uns öfter ein bisschen Oleilu erlauben. Ein paar Minuten, die nirgendwohin führen, die nichts hervorbringen. Die auf keiner Liste abgehakt werden können. Und die trotzdem nicht verschwendet sind.
Denn vielleicht sind gerade diese scheinbar unproduktiven Augenblicke jene, in denen wir unser Leben nicht organisieren, planen oder bewältigenl sondern es tatsächlich leben. Achtsam leben.
Oleilu.
Einfach da sein.
Ich glaube, dieses Wort möchte ich behalten.


Hinterlasse einen Kommentar