
Es gibt Orte, die vergisst man nicht mehr so schnell. Für mich ist St. Michaels Mount in Cornwall so ein Ort.
Ich war im Sommer 2008 dort und bis heute gehört er für mich zu den schönsten Orten, die ich jemals gesehen habe. Vielleicht lag es auch daran, dass Cornwall sowieso diese ganz besondere Atmosphäre hat. Das Meer, die Landschaft, das Licht – und dann diese kleine Insel vor der Küste von Marazion, oben darauf die alten Gemäuer. Wirklich wunderschön.
Bei Ebbe kann man zu Fuss hinübergehen, auf einem schmalen Steg aus Steinen. Bei Flut verschwindet der Weg wieder unter dem Meer.
Allein das fand ich schon sehr zauberhaft.
St. Michaels Mount hat einen berühmten grossen Bruder in Frankreich und noch weiter draussen im Atlantik gibt es einen dritten faszinierenden Michaels-Ort.
Drei Felsen im Meer und alle drei sind alte christliche Heiligtümer. Alle tragen den Namen desselben Erzengels. Michael.

St. Michaels Mount – Cornwall
St. Michaels Mount liegt unmittelbar vor dem bezaubernden kleinen Ort Marazion an der Küste Cornwalls.
Heute sehen wir vor allem die mittelalterliche Kirche und die Burg auf dem Gipfel. Menschen lebten und handelten in dieser Gegend allerdings schon viel früher.
Die gesicherte Klostergeschichte beginnt im Mittelalter. Ende des 11. Jahrhunderts kam der Mount in den Besitz der Abtei Mont Saint Michel in der Normandie. Um 1135 entstand auf dem Gipfel ein Priorat.
Und damit sind wir schon bei der erstaunlichsten Verbindung dieser Geschichte: St. Michaels Mount in Cornwall war tatsächlich ein Tochterkloster des französischen Mont Saint Michel.
Die Ähnlichkeit der Namen ist also kein Zufall. Bzw es ist ja derselbe Name, einfach in unterschiedlichen Sprachen.
Über Jahrhunderte hinweg veränderte sich der Ort. Aus dem religiösen Zentrum wurde zunehmend auch eine Festung und später ein Wohnsitz. Noch heute steht auf dem Gipfel die mittelalterliche Kirche und auf der Insel lebt weiterhin eine kleine Gemeinschaft.
Und dann ist da natürlich der besonders schöne Weg, der auf die Insel führt. Ein alter gepflasterter Damm verbindet die Insel mit dem Festland. Bei Ebbe läuft man einfach hinüber. Steigt das Wasser, verschwindet der Weg im tosenden Meer und die Insel ist wieder eine Insel.
Ich erinnere mich gut, wie besonders ich diesen Ort fand. Und manchmal bin ich fast froh, dass mein Besuch so lange her ist. Viele berühmte Orte sind heute touristisch viel stärker erschlossen und besucht. Vielleicht behalte ich mir den St. Michaels Mount deshalb einfach so in Erinnerung, wie ich ihn damals erlebt habe. Recht besinnlich und ruhig.
Als einen dieser seltenen Orte, an denen man steht und denkt: Hier möchte ich eigentlich gar nicht mehr weg.
Aber wirklich auch einen der Orte, von dem ich mir wünsche, ihn nochmals besuchen zu können in meinem Leben.

Mont Saint Michel – Frankreich
Und dann gibt es natürlich den berühmtesten der drei: Mont Saint Michel in der Normandie.
Schon seine Silhouette ist kaum zu verwechseln: dieser Felsen mitten in einer riesigen Gezeitenlandschaft, darauf das mittelalterliche Dorf und ganz oben die gewaltige Abtei. Wenn man Bilder davon sieht, muss man sagen… Wunderwunderschön.
Die religiöse Geschichte des Ortes reicht bis ins Jahr 708 zurück. Der Überlieferung nach soll der Erzengel Michael dem Bischof Aubert von Avranches erschienen sein und ihn aufgefordert haben, auf dem Felsen ein Heiligtum zu errichten.
Ob sich das tatsächlich so abgespielt hat, können wir nach mehr als 1300 Jahren natürlich nicht wissen. Fest steht jedoch, dass der Ort bereits sehr früh dem Erzengel Michael geweiht war.
Im Jahr 966 liessen sich Benediktinermönche dort nieder. Die grosse Abtei, die wir heute kennen, entstand in mehreren Bauphasen hauptsächlich zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert.
Wenn man sich anschaut, wo diese Menschen gebaut haben, ist das eigentlich unglaublich. Auf einem Felsen, mitten im Meer, ohne Kräne, Lastwagen oder moderne Maschinen.
Und dann bauten sie nicht irgendein kleines Kirchlein, sondern eine riesige Klosteranlage, die sich scheinbar direkt aus dem Felsen erhebt.
Mont Saint Michel wurde zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte des mittelalterlichen Europas. Heute gehört der Mont mit seiner Bucht zum UNESCO-Welterbe und ist weltberühmt.
Und genau das hat natürlich eine Kehrseite. Aus dem abgelegenen Wallfahrtsort ist eines der bekanntesten Reiseziele Frankreichs geworden. Auf Bildern sieht man manchmal unglaubliche Menschenmassen durch die schmalen mittelalterlichen Gassen ziehen.
Wunderschön ist er trotzdem. Vielleicht muss man einfach versuchen, sich die vielen Menschen wegzudenken und sich vorzustellen, wie dieser Ort vor 800 oder 1000 Jahren gewirkt haben muss.
Dieser Felsen im Meer, mit der Abtei hoch oben über dem Wasser. Und Menschen, die tagelang oder wochenlang unterwegs waren, nur um dort anzukommen.

Skellig Michael – Irland
Die Geschichte geht noch weiter, denn vor der Südwestküste Irlands liegt ein Felsen, der aussieht, als hätte jemand ihn für einen Fantasyfilm erfunden:
Skellig Michael.
Er liegt fast zwölf Kilometer vor der Küste des County Kerry mitten im Atlantik. Er ist anders als die beiden anderen. Zu ihm führt kein gemütlicher Spaziergang bei Ebbe, keine Zufahrtsstrasse und auf der Insel hat es auch kein schmuckes Dorf.
Nur Meer, steiler Fels und hunderte steinerne Stufen.
Irgendwann im frühen Mittelalter liessen sich dort Mönche nieder. Wann genau das Kloster gegründet wurde, ist nicht bekannt. Traditionell wird häufig das 6. Jahrhundert genannt, schriftliche Belege gibt es jedoch erst aus dem späten 8. Jahrhundert.
Wenn man Bilder davon sieht, fragt man sich unweigerlich: Warum um alles in der Welt gerade dort?
Ich glaube, das macht aber schon Sinn. Abgeschiedenheit gehörte zum damaligen klösterlichen Ideal. Weit weg von der Welt zu leben bedeutete, sich ganz dem Glauben widmen zu können.
Die Mönche bauten kleine Steinhütten, sogenannte Bienenkorbhütten, Gebetsräume und Terrassen auf den Felsen und lebten dort sehr einfach. Mitten im Atlantik, bei Wind, Regen und Sturm.

Etwa ab dem späten 10. oder frühen 11. Jahrhundert wurde die Insel dem Erzengel Michael geweiht.
Das Kloster bestand bis ungefähr ins 12. Jahrhundert. Danach zogen die Mönche auf das irische Festland, vermutlich auch, weil sich die klimatischen Bedingungen verschlechterten und das Leben auf dem Felsen zunehmend schwierig wurde.
Skellig Michael blieb jedoch ein Wallfahrtsort. Heute gehört die Insel zum UNESCO-Welterbe.
Filmfans kennen sie vielleicht aus einem ganz anderen Zusammenhang: Skellig Michael diente als Drehort für Star Wars.

Warum eigentlich immer Michael?
Und damit kommen wir zu der Frage, die ich besonders spannend finde. Warum wurden ausgerechnet solche Orte dem Erzengel Michael gewidmet?
Michael ist in der christlichen Tradition der Kämpfer. Der Beschützer. Derjenige, der gegen das Böse antritt.
In der Kunst wird er häufig mit Schwert oder Lanze dargestellt, manchmal im Kampf mit einem Drachen. Michaels-Heiligtümer entstanden auffallend oft an aussergewöhnlichen Orten: auf Bergen, Felsen oder schwer zugänglichen Anhöhen.
An Orten zwischen Himmel und Erde, könnte man fast sagen.
Vielleicht passte ein mächtiger Erzengel einfach besonders gut auf einen Felsen, der sich hoch über dem Meer erhebt.
Im Internet begegnet einem im Zusammenhang mit diesen Orten immer wieder eine faszinierende Geschichte.

Die von der sogenannten Saint Michael’s Line.
Mehrere bedeutende Michaels-Heiligtümer Europas sollen annähernd auf einer Linie liegen. Sie beginnt – je nachdem, welche Version man liest – bei Skellig Michael in Irland, führt über St. Michaels Mount und Mont-Saint-Michel weiter zu anderen Michaels-Heiligtümern in Europa.
Manchmal wird diese Linie sogar als das „Schwert des Erzengels Michael“ bezeichnet.
Das klingt natürlich wunderbar geheimnisvoll. Es gibt aber keinen historischen Beleg dafür, dass diese Heiligtümer bewusst so angelegt wurden, dass sie gemeinsam eine mystische Linie bilden.
Schon eine spannende Geschichte, die von diesen drei Inseln im Meer…
Ich glaube, diese drei ganz besonderen Orte faszinieren mich so sehr, weil sie trotz ihrer Gemeinsamkeiten vollkommen unterschiedlich sind.
Mont Saint Michel ist monumental.
St. Michaels Mount wirkt auf mich viel kleiner, beinahe verwunschen.
Und Skellig Michael ist wild, einsam und fast ein bisschen unwirklich.
Zwei der Orte – Cornwall und die Normandie – waren im Mittelalter sogar ganz konkret miteinander verbunden. Der dritte gehört zu einer viel älteren irischen Klostertradition und wurde erst später dem Erzengel Michael geweiht.
Und trotzdem haben Menschen an allen drei Orten dasselbe getan: Sie haben sich einen Felsen ausgesucht, um dort etwas zu bauen, das grösser sein sollte als ihr eigenes Leben.
Das ist schon genau das, was mich an solchen alten Orten berührt und auch beeindruckt.
Wir stehen heute dort, machen Fotos, staunen über die Aussicht und lesen Jahreszahlen auf irgendwelchen Tafeln. Aber vor hunderten von Jahren haben dort Menschen gelebt. Sie sind diese Wege gegangen, haben diese Steine getragen. Sie haben gebetet, gefroren, gearbeitet, gegessen und geschlafen.
Das Meer kam und ging, so geschah es jeden Tag, seit Jahrhunderten.
Bei St. Michael’s Mount denke ich dabei auch an mich selbst zurück. Ich weiss nicht mehr jedes Detail meines Besuches. Aber ich weiss noch ganz genau, wie dieser Ort sich angefühlt hat.
Ich glaube, das ist die schönste Erinnerung, die ein Ort hinterlassen kann.
Ich möchte ganz gern diesen einen nochmal besuchen und auch die anderen zwei.
Fotos: Internet


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