
Die Künstlerein, die ich euch heute vorstellen möchte, kennen viele bestimmt schon. Es ist eine Frau, die ich ganz besonders interessant finde.
Es gibt ja so viele unterschiedliche Arten von Kunst. Unterschiedliche Arten, Kunst zu machen. Es gibt Künstler:innen, die Bilder malen. Andere erschaffen Skulpturen oder andere Werke.
Und dann gibt es Marina Abramović. Eine Frau, die ihren eigenen Körper, ihren Geist und ihre Gefühle zu ihrer Kunst gemacht hat. Damit hat sie die Kunstwelt für immer verändert.
Marina Abramović wurde am 30. November 1946 in Belgrad geboren, dem heutigen Serbien. Sie wuchs in einer strengen Familie auf. Beide Eltern waren Partisanen (Partisanen sind bewaffnete Widerstandskämpfer, die meist nicht zu einer regulären Armee gehören) im Zweiten Weltkrieg und galten als Nationalhelden im damaligen Jugoslawien. Disziplin spielte in ihrem Zuhause eine grosse Rolle. Obwohl Marina bereits erwachsen war, musste sie oft um zehn Uhr abends zu Hause sein. Sie beschrieb ihre Kindheit später als liebevoll, aber gleichzeitig auch sehr kontrolliert und emotional kühl.
Schon früh interessierte sie sich für Kunst. Doch sie wollte nicht einfach schöne Bilder schaffen. Sie wollte herausfinden, wie weit ein Mensch körperlich und psychisch gehen kann, wieviel Schmerz, Angst oder Erschöpfung wir aushalten und wie Menschen reagieren, wenn sie mit ihren eigenen Grenzen konfrontiert werden.
So wurde sie zu einer der bekanntesten Performance-Künstlerinnen der Welt. Bei einer Performance entsteht das Kunstwerk nicht auf einer Leinwand, sondern durch eine Handlung. Oft steht die Künstlerin selbst im Mittelpunkt, und manchmal werden sogar die Zuschauer Teil des Werks.
Besonders bekannt wurde auch ihre jahrelange Beziehung zum deutschen Künstler Ulay. Gemeinsam entwickelten sie aussergewöhnliche Performances und lebten zeitweise sogar in einem umgebauten Lieferwagen, mit dem sie durch Europa reisten. Ihre Kunst und ihr Privatleben waren eng miteinander verbunden. Als ihre Beziehung nach vielen Jahren zerbrach, verabschiedeten sie sich auf eine ganz besondere Weise: Beide starteten an entgegengesetzten Enden der Chinesischen Mauer, liefen monatelang aufeinander zu, trafen sich in der Mitte, umarmten sich und gingen danach für immer getrennte Wege. Allein diese Geschichte wirkt fast wie ein Kunstwerk.
Doch keine ihrer Arbeiten ist wohl so berühmt wie die Performance Rhythm 0 aus dem Jahr 1974.
Für sechs Stunden stand Marina Abramović regungslos in einem Raum. Vor ihr lagen 72 Gegenstände auf einem Tisch. Darunter harmlose Dinge wie eine Rose, eine Feder oder Honig. Aber auch eine Schere, ein Messer, eine Peitsche und sogar eine geladene Pistole mit einer einzelnen Kugel.
Daneben stand folgender Satz: “Auf dem Tisch befinden sich 72 Objekte, die ihr nach Belieben an mir verwenden dürft. Während dieser Zeit übernehme ich die volle Verantwortung.”
Sie versprach, sich nicht zu wehren, nicht zu sprechen, sich überhaupt nicht zu bewegen.
Zuerst waren die Besucher vorsichtig. Jemand schenkte ihr eine Blume, andere streichelten sie oder gaben ihr einen Kuss. Doch je länger die Performance dauerte, desto mehr verschwanden die Hemmungen.
Menschen schnitten ihre Kleidung auf. Sie ritzten ihre Haut mit Klingen. Man steckte Dornen einer Rose in ihren Bauch. Einige hielten ihr das Messer an den Hals. Schliesslich legte jemand sogar die geladene Pistole in ihre Hand und richtete sie auf ihren eigenen Kopf.
Es gab andere Besucher, die eingriffen und schlimmeres verhinderten.

Nach sechs Stunden erklärte Marina Abramović die Performance für beendet. Zum ersten Mal begann sie sich wieder zu bewegen. Und etwas Erstaunliches geschah: Die Menschen, die sie zuvor verletzt oder gedemütigt hatten, konnten ihr plötzlich nicht mehr in die Augen sehen. Viele gingen hastig weg.
Ich hab mir das Video dieser Performance bei Youtube angeschaut und ich muss sagen, es ist kaum auszuhalten.
Später sagte sie einmal sinngemäss, dass sie an diesem Abend gelernt habe, wie erschreckend weit Menschen gehen können, wenn sie glauben, keine Konsequenzen befürchten zu müssen. Dass eine Person sehr schnell zu einem Objekt wird, wenn sie keine Gegenwehr zeigt.
Auch viele Jahre später beschäftigt dieses Experiment noch Psychologen, Soziologen und Philosophen. Es wirft Fragen auf, die bis heute aktuell sind: Wie verhalten wir uns, wenn wir glauben, unbeobachtet zu sein? Wie viel Mitgefühl steckt wirklich in uns? Und wie schnell verlieren wir unsere Menschlichkeit?
2010 sorgte Marina Abramović erneut weltweit für Aufsehen. Im Museum of Modern Art in New York setzte sie sich fast drei Monate lang täglich schweigend an einen Tisch. Besucher konnten sich ihr gegenüber setzen und ihr einfach in die Augen schauen. Viele begannen dabei zu weinen. Manche beschrieben diese wenigen Minuten als eine der intensivsten Begegnungen ihres Lebens.
Marina Abramović polarisiert. Manche halten ihre Arbeiten für genial, andere können mit ihrer Kunst überhaupt nichts anfangen. Doch eines lässt sich kaum bestreiten: Sie bringt Menschen dazu, über sich selbst nachzudenken…


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