
Es gibt Geschichten, die mich sprachlos machen, zB weil sie zeigen, wozu Gesellschaften fähig waren und manchmal leider auch heute noch sind.
Die tragische Geschichte von Eunice Blanche Winstead ist eine davon.
Eunice wurde am 25. September 1927 in den Bergen des US-Bundesstaates Tennessee geboren. Sie war ein ganz normales kleines Mädchen. Sie spielte mit Puppen, lebte mit ihrer Familie in einfachen Verhältnissen und hatte – wie jedes Kind – das Recht auf eine unbeschwerte Kindheit.
Doch dieses Recht wurde ihr genommen.
Am 19. Januar 1937 wurde Eunice verheiratet.
Sie war neun Jahre alt.
Neun.
Wenn ich diese Zahl lese, muss ich unweigerlich an die Kinder denken, die ich heute kenne. An Dritt- oder Viertklässler. Kinder, die zur Schule gehen, spielen, lachen, malen, sich auf Geburtstage freuen und manchmal noch Angst vor der Dunkelheit haben.
Ein neunjähriges Kind versteht nicht, was eine Ehe bedeutet.
Ein neunjähriges Kind kann die Tragweite einer solchen Entscheidung nicht erfassen.
Ein neunjähriges Kind kann einer Ehe gar nicht zustimmen, weil ihm die emotionale, geistige und körperliche Reife dafür schlicht fehlt. Naja, es ist ja eher nicht so, dass Menschen, die ihr Kind verheiraten, es um seine Meinung oder um sein Einverständnis fragen…
So wurde Eunice im Alter von 9 Jahren verheiratet.
Als ihre Geschichte bekannt wurde, berichteten Zeitungen in den gesamten USA darüber. Besonders ein Foto ging um die Welt. Es zeigt Eunice mit ihrer Puppe in den Händen, neben ihrem Ehemann.
Dieses Bild kann man kaum aushalten…
Da steht ein kleines Mädchen, man kann es gar nicht anders sagen. Ein kleines Mädchen. Ein Kind.
Eunices Kindheit endete viel zu früh. Sie verliess die Schule noch im selben Jahr. Mit nur 14 Jahren brachte sie ihr erstes Kind zur Welt. Insgesamt bekam sie im Laufe ihres Lebens neun Kinder.
Über ihr späteres Leben ist gar nicht so viel bekannt. Sie lebte überwiegend zurückgezogen in Tennessee und suchte nie die Öffentlichkeit. Während die Welt ihr berühmtes Foto kannte, lebte sie einfach ihr Leben weiter.
Sie starb im Jahr 2006 im Alter von 79 Jahren.
Ihre Geschichte hatte jedoch Folgen.
Die öffentliche Empörung war so gross, dass Tennessee seine Gesetze änderte und ein Mindestalter für Eheschliessungen einführte. Aus heutiger Sicht erscheint das selbstverständlich, damals war es das leider nicht.
Ich finde es wichtig, über Eunice zu sprechen und darüber, dass Kinderrechte nicht für alle Menschen eine Selbstverständlichkeit sind. Kinderrechte mussten erkämpft werden und in vielen Teilen der Welt müssen sie das bis heute.
Auch heute werden jedes Jahr noch Millionen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Hinter jeder dieser Zahlen steckt ein Kind mit Träumen, Hoffnungen und einer Zukunft, die viel zu oft von anderen bestimmt und kaputt gemacht wird.
Ich schaue mir die Fotos von Eunice an und wünsche mir, dass wir nie aufhören, Kinder als das zu sehen, was sie sind: Kinder.
Sie brauchen Schutz und Sicherheit, um sich entwickeln zu können.
Sie brauchen Bildung.
Sie brauchen Menschen, die für sie einstehen.
Und vor allem brauchen sie eines: Die Freiheit, einfach Kind sein zu dürfen.
All das und noch viel mehr zu bekommen, das ist ihr Recht und sollte selbstverständlich sein.
Kinderrechtskonvention



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