
Geschichtliche Gegebenheiten und Hintergründe interessieren mich besonders. Dabei bin ich auf das Thema der „geschorenen Frauen“ von Frankreich gestossen…
Wenn wir an das Ende des Zweiten Weltkriegs denken, denken wir meist an Befreiung, an Freude, an Menschen, die sich auf den Strassen in die Arme fallen. An Erleichterung nach Jahren von Angst, Krieg und Besatzung. An Frieden, Erleichterung und an „jetzt ist endlich alles gut“.
Doch das Kriegsende hatte auch eine andere Seite. Eine Seite, über die lange Zeit kaum gesprochen wurde.
Nach der Befreiung Frankreichs im Jahr 1944 wurden Tausende Frauen öffentlich gedemütigt. Man schleifte sie auf Marktplätze, schor ihnen die Haare ab und führte sie unter dem Spott der Menschen durch die Strassen.
Du fragst dich, warum? Was ihr Verbrechen war?
Man warf ihnen vor, während des Krieges mit deutschen Soldaten Beziehungen gehabt zu haben.
Die Französinnen bekamen später einen Namen: Les femmes tondues – die geschorenen Frauen.
Historikerinnen und Historiker gehen heute davon aus, dass rund 20’000 Frauen betroffen waren.
Einige von ihnen hatten tatsächlich Liebesbeziehungen mit deutschen Soldaten. Manche hatten sie geheiratet. Andere arbeiteten für die Besatzungsbehörden. Wieder andere wurden aufgrund von Gerüchten beschuldigt oder fielen persönlichen Feindschaften zum Opfer.
Oft gab es keine Gerichtsverhandlung, kein Verfahren und auch keine Möglichkeit, sich zu verteidigen.
Die Menge wertete und entschied. Und die Menge war wütend. Sehr wütend.
Nach vier Jahren Besatzung sassen Schmerz, Angst, Scham und Wut tief. Frankreich hatte gelitten. Familien waren auseinandergerissen worden, soooo viele Menschen Menschen waren gestorben. Jede Familie musste Verluste verzeichnen.
Viele Menschen suchten nach Verantwortlichen.
Und so wurden diese Frauen zu sichtbaren Symbolen des Verrats. Ihre abrasierten Haare waren dabei mehr als nur eine Strafe. Haare gelten seit Jahrhunderten als Symbol von Weiblichkeit, Würde und Identität. Ihnen die Haare (gegen ihren Willen) zu nehmen bedeutete, sie öffentlich zu beschämen und aus der Gemeinschaft auszustossen. Ein Akt der Gewalt, eine Grenzüberschreitung, eigentlich weit mehr als „nur“ eine Demütigung…
Was mich an dieser Geschichte besonders nachdenklich macht, ist eine andere Frage:
Warum traf die Wut vor allem diese Frauen?
Die Zusammenarbeit mit den Besatzern beschränkte sich keineswegs auf Liebesbeziehungen. Es gab Geschäftsleute, Beamte, Politiker und andere Menschen, die mit den Deutschen kooperierten oder von der Besatzung profitierten. Aber viele von ihnen wurden nie öffentlich durch die Strassen geführt.
Die Frauen dagegen waren sichtbar. Ihre vermeintliche Schuld liess sich zeigen. Und vielleicht machte genau das sie zu einfachen Zielscheiben für die Wut einer verletzten Gesellschaft. Einer verletzten patriarchalen Gesellschaft.
Heute betrachten viele Historiker diese Ereignisse nicht als Gerechtigkeit, sondern als eine Form von Massenjustiz und öffentlicher Demütigung.
Natürlich kann man die Gefühle der Menschen damals verstehen. Wer Jahre unter Besatzung gelebt hat, trägt Narben in sich. Aber Verständnis für Wut bedeutet nicht automatisch Zustimmung zu dem, was daraus entsteht.
Die Geschichte der geschorenen Frauen erinnert uns daran, wie schnell Menschen in Ausnahmesituationen bereit sind, andere zu verurteilen. Sie zeigt, wie schmal die Grenze zwischen Gerechtigkeit und Vergeltung sein kann.
Und sie erinnert uns daran, dass das Ende eines Krieges nicht immer bedeutet, dass Gewalt endet. Manchmal wechselt sie nur die Richtung.
Vielleicht liegt gerade darin eine der wichtigsten Lehren dieser Geschichte: Dass Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit besonders dann wichtig sind, wenn die Gefühle am stärksten sind. Denn wahre Gerechtigkeit entsteht nicht aus der Wut einer Menge. Sie entsteht dort, wo Menschen auch in schwierigen Zeiten die Würde anderer nicht vergessen…



Hinterlasse einen Kommentar