
Der Winter jenes Jahres wollte nicht enden. Noch im März lag morgens Raureif auf den Wiesen hinter der kleinen Fabrik, und wenn Elvira um halb sechs zur Arbeit ging, knirschte der Kies unter ihren Schuhen wie zerbrechendes Glas. Sie zog ihr dunkelgrünes Kopftuch enger um die Haare und hielt die Hände tief in den Manteltaschen vergraben.
Das Dorf lag still zwischen Hügeln und Feldern irgendwo in der Westschweiz. Kein grosser Ort. Einer von denen, in denen man wusste, wer sonntags zu spät zur Messe kam und wer nachts noch Licht in der Küche hatte.
Elvira war 22 Jahre alt und arbeitete seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr in der Textilfabrik am Fluss. Die Luft dort roch nach Öl, Staub und feuchter Baumwolle. Die Maschinen waren so laut, dass man abends manchmal noch das Rattern in den Ohren hatte, obwohl längst Stille herrschte.
Sie lebte mit ihrer Mutter und ihren zwei Schwestern in einem kleinen Haus mit schmalen Fenstern und einer Küche, die fast immer warm war. Irgendjemand schälte Kartoffeln, nähte Knöpfe an oder hing Wäsche über den Ofen. Arbeit gab es immer.
Nur über Gefühle sprach kaum jemand. Vielleicht fiel ihr genau deshalb Viktor auf. Er kam nicht aus dem Dorf. Niemand wusste genau, woher. Manche sagten Lausanne, andere behaupteten Genf. Er arbeitete zeitweise für eine Firma, die Maschinen überprüfte und tauchte immer nur für einige Tage auf.
Er war älter als Elvira. Vielleicht zehn Jahre. Er trug dunkle Mäntel und gut geputzte Schuhe, selbst wenn draussen alles voller Matsch war. Sein Haar war schwarz und immer ordentlich zurückgekämmt, und wenn er sprach, hörten die Leute zu, ohne zu wissen warum. Er lachte selten, aber wenn er es tat, dann wurde sein Gesicht plötzlich weich.
Elvira hatte noch nie einen Mann getroffen, der so ruhig war. Die meisten Männer im Dorf waren laut, grob oder rochen ständig nach Most und Zigaretten. Viktor dagegen sprach langsam, fragte nach Dingen und er hörte zu.
Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, jemand sehe sie wirklich. Nicht nur das Mädchen aus der Fabrik. Nicht nur die Tochter der Witwe Marti. Sondern SIE.
Er brachte ihr einmal eine Orange mit, einfach so. Elvira konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor eine ganze Orange für sich allein gehabt zu haben. Südfrüchte waren teuer. Etwas, das sich die wenigsten leisten konnten und etwas, das man wenn man Glück hatte, zu Weihnachten bekam oder wenn man krank war.
Sie sass später in ihrem Zimmer auf dem Bett und schälte sie langsam, schnupperte daran und genoss jeden Schnitz. Noch Tage später rochen ihre Hände danach.
Vielleicht verliebte sie sich genau in diesem Moment. Wegen der Orange sicher auch und besonders deswegen, weil er daran gedacht hatte, ihr etwas Schönes mitzubringen. Und weil er sie ansah, wie er sie ansah.
Im Sommer trafen sie sich manchmal heimlich unten am Fluss. Dort, wo hohe Gräser wuchsen und abends alles golden wurde. Viktor erzählte wenig über sich. Und Elvira fragte nicht viel. Damals lernte man früh, nicht zu viele Fragen zu stellen.
Sie wusste nur, dass er verheiratet war und dass sie trotzdem hoffte… Worauf, das wusste sie gar nicht so genau.
Einmal hatte Viktor ihr über das Haar gestrichen und gesagt: „Mit dir fühlt sich alles stiller an.“ Diesen Satz trug sie wochenlang in sich herum wie ein kleines Licht.
Als sie irgendwann Monate später bemerkte, dass ihre Monatsblutung ausblieb, sagte sie zuerst nichts. Wochenlang nicht. Sie arbeitete weiter, stand an den Maschinen, obwohl ihr morgens übel wurde. Wusch sich heimlich das Gesicht mit kaltem Wasser und ass trockenes Brot gegen die Übelkeit.
Und nachts lag sie wach… voller Sorgen und Gedanken.
Als sie es Viktor schliesslich sagte, stand er auf und schwieg lange. So lange, dass sie irgendwann nur noch den Wind draussen hörte. Zu lange.
Dann ging er ein paar Schritte und sagte leise, aber bestimmt: „Du darfst meinen Namen niemandem nennen.“
Elvira schaute ihn an und spürte in diesem Moment etwas in sich zerbrechen. Komisch, wie innen alles zerbrechen konnte, als sei es die ganze Welt, aber aussen schien alles unverändert…
Sie war sich nicht einmal bewusst, dass und wie sehr sie gehofft hatte, bis genau in diesem Augenblick, als all dies zusammenfiel. Danach kam er noch zweimal ins Dorf.
Beim letzten Mal sah sie ihn nur von weitem. Er stand beim Bahnhof mit hochgeschlagenem Mantelkragen. Für einen Moment glaubte sie, er würde zu ihr kommen. Aber er stieg einfach in den Zug, sah sie nicht, wollte sie nicht sehen… und verschwand.
Im Dorf wurde bald geredet.
Natürlich wurde geredet. Ihren Bauch konnte sie nicht mehr verstecken, die Leute bemerkten ihn und sie waren neugierig.
Sie schauten ihr zu lange nach. Sie schwiegen, als sie an ihnen vorbei ging und streckten danach tuschelnd die Köpfe zusammen. In der Kirche spürte sie die Blicke im Rücken wie kleine kalte Nadeln.
Damals war eine unverheiratete schwangere Frau etwas, worüber man tuschelte. Sie wurden moralisch abgewertet, gemieden und verachtet. Die Schuld für eine solche Schwangerschaft lag gesellschaftlich fast immer bei der Frau, viel weniger beim Mann. Niemand fragte sich oder sie, wieviel Angst sie hatte oder ob sie Hilfe brauche.
Manche nannten solche Kinder „unehelich“, als wäre ihre Existenz ein Fehler.
Und ja, viele Frauen, die „ohne Mann“ ein Kind bekamen, mussten ihre Kinder damals tatsächlich weggeben. Manche wurden unter Druck gesetzt. Sie kamen in Heime. Andere gaben ihre Kinder aus purer Verzweiflung zu Verwandten.
Elvira wollte ihr Kind behalten. Sie hatte viel Angst und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Sie schämte sich und fühlte sich allein. Und doch war sie sich ganz sicher, dass ihr Kind bei ihr bleiben sollte.
Ihre Mutter sagte nicht viel dazu. Sie stellte ihr einfach eines Abends einen zusätzlichen Teller Suppe auf den Tisch und fragte: „Hast du genug gegessen heute?“ Das war wohl ihre Art zu sagen: Wir schaffen das irgendwie.
Als ihre kleine Tochter im Oktober 1960 geboren wurde, regnete es seit Tagen. Das kleine Spital roch nach Seife, Desinfektionsmittel und feuchten Tüchern. Elvira hatte schreckliche Angst. Nicht nur vor der Geburt, sondern davor, was danach geschehen würde.
Als die Hebamme ihr das winzig kleine Mädchen in den Arm legte, wurde plötzlich alles still in ihr. Die Kleine hatte dunkle Haare und ganz kleine Händchen und Füsschen. Elvira betrachtete lange ihre Fingerchen.
So klein konnte ein Mensch sein… unglaublich. Ein Wunder.
Sie nannte sie Clara.
Drei Wochen später arbeitete Elvira bereits wieder stundenweise in der Fabrik. Es gab keine langen Mutterschaftsurlaube für Frauen wie sie. Kein Sicherheitsnetz. Kein Schonraum.
Zweimal kamen Männer vom Gemeinderat vorbei.
Sie standen mit ihren dunklen Mänteln in der kleinen Küche ihrer Mutter und stellten Fragen, als ginge es nicht um ein Kind, sondern um ein Problem, das man lösen musste.
Ob Elvira genug Geld habe. Ob sie arbeite. Ob das Kind „versorgt“ sei. Und ob eine Frau allein dazu fähig sei, ein Kind grosszuziehen.
Elvira sass still da, Clara auf dem Arm, und hatte bei jeder Frage Angst, man könnte ihr ihre Tochter entreissen.
Ihre Schwestern und die Mutter halfen mit.
Johanna nahm Clara oft morgens zu sich. Elise nähte nachts kleine Kleidchen aus alten Stoffresten und trug das kleine Mädchen stundenlang herum, wenn sie schrie.
Die Kleine schlief mal hier, mal dort, wurde auf Hüften getragen, während Kartoffeln geschält oder Böden gewischt wurden. Selbstverständlich gehörte sie dazu, wuchs in diesem Frauen-Haushalt zwischen dem Duft von Hefeteig, Waschseife und Holzöfen auf.
Und obwohl das Leben hart war, gab es Momente voller Wärme. Abende, an denen Clara lachend auf dem Küchenboden sass, während draussen Schnee fiel. Sommernächte, in denen Elvira mit ihr am offenen Fenster stand und den Grillen lauschte. Oder Sonntage, an denen alle Schwestern zusammen Kaffee tranken, redeten und lachte und für ein paar Stunden so taten, als wäre das Leben einfach leicht.
Als Clara später nach ihrem Vater fragte, wurde Elvira still. Sie hatte gehofft, Clara würde nie fragen. Es machte sie traurig und sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte nie mit jemanden darüber gesprochen.
„War er lieb und sah er schön aus?“ fragte Clara einmal als kleines Mädchen und Elvira lächelte zum ersten Mal seit langer Zeit richtig. „Ja, aber nicht so schön wie du.“
Elvira blieb unverheiratet. Einsam war sie nicht, denn da waren ihre Schwestern, ihre Mutter und irgendwann die Nichten und Neffen, die durchs Haus liefen.
Aber an ihrer Seite war nie wieder ein Mann.
Vielleicht auch, weil Frauen mit einem „unehelichen“ Kind damals schnell abgestempelt wurden und weil das Tuscheln im Dorf nie ganz verstummte.
Es gab Männer, die suchten zwar ihre Nähe im Verborgenen, aber keiner davon hat den Mut gehabt, zu ihr zu stehen…


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