
Manchmal übernehmen wir Meinungen anderer oder auch eigene über uns, ohne es zu merken. Passen uns Erwartungen an und stülpen uns Bilder, die andere von uns gemacht haben, über. Nicht nur, weil sie uns gesagt werden, sondern auch, weil wir beginnen, uns selbst durch andere zu sehen und zu definieren.
Ich glaube, vieles davon auch, einfach um zu gefallen, um Erwartungen zu erfüllen und um dazu zu gehören.
„If you don’t spend enough time
getting to know yourself,
you’ll end up absorbing
everyone else’s definition of you.“
(Es gibt leider keine eindeutig belegbare Originalquelle)
Dieser Satz trifft nicht nur dort zu, wo andere uns beschreiben, uns Eigenschaften oder was auch immer zuschreiben. Er trifft auch dort, wo wir anfangen, unseren eigenen Wert im Aussen zu suchen. Ich denke, wenn wir uns selbst nicht wirklich kennen (oder mögen?), entsteht in uns eine. Leerstelle. Und diese Leerstelle bleibt selten lange leer. Sie füllt sich mit Blicken, mit Meinungen und mit dem, was andere in uns sehen oder sehen möchten. Aber auch mit dem, was wir selbst uns davon versprechen.
Ich muss sagen, ich persönlich bin in dieser Hinsicht tatsächlich sehr empfindlich. Ich mag es gar nicht, vorschnell und unreflektiert bewertet oder beurteilt zu werden, was oft ja Menschen tun, die uns nicht gut genug kennen und trotzdem eine Meinung haben. Ich mags auch nicht bei andern.
Kennst du das, dass jemand sich ein Bild von dir macht und dir darüber eine Rückmeldung gibt und du merkst, dass das eine Projektion ist, eine Fehlinterpretation? Unangenehm.
Ich glaube, die Gefahr solcher Fehlinterpretationen und auch die Gefahr, jemandem sehr unrecht zu tun, besteht auch beim Klatsch und Tratsch.
Deswegen bin ich wohl ziemlich darauf bedacht, auch bei andern möglichst wenig zu werten oder zu beurteilen. Ich weiss, wie verletzend oder verunsichernd das sein kann. Und wie falsch. Und wichtig zu wissen ist ja, dass alles, was ICH bewerte, mit der anderen Person nur bedingt etwas zu tu tun hat, sehr viel jedoch mit mir selbst.
Ich möchte auch nicht so gern mich oder andere Menschen mehrheitlich negativ sehen oder negativ bewerten, sondern ich mag es sehr, das Gute in ihnen zu sehen. Die Ressourcen und die Stärken. Bedeutet ja nicht, dass Defizite und Schwächen nicht auch dazugehören, aber es ist halt einfach normal und okay. Wer hat keine?
Darauf herumzudrücken, macht selten etwas besser.
Es ist aber schon so. Eine gewisse Aufmerksamkeit tut uns Menschen ja gut. Und nicht nur das. Wir brauchen sie tatsächlich für unser psychisches Wohlbefinden.
Wir fühlen uns besser, wenn wir gesehen werden und sicher mehr oder wenigr auch, wenn wir gefallen. Es gibt Menschen, die das wie oben geschrieben, sehr im Aussen suchen. Die gern jemanden an ihrer Seite haben, der oder die sie „aufwertet“. Nicht bewusst, sondern eher wie ein inneres Gleichgewicht, das sich verschiebt.
Jemand, der / die sich attraktiver und selbstsicherer fühlt mit einer jüngeren Frau an seiner Seite (oder Mann) oder das kann ja auch ein teures Auto oder ein anderes Statussymbol sein, mit dem Menschen sich ganz gern aufwerten.
Und plötzlich hängt etwas, das eigentlich in uns liegen sollte, an etwas ausserhalb von uns.
Das Schwierige daran ist: Es funktioniert. Zumindest für einen Moment. Es gibt Halt, ein Gefühl von Identität. Aber es ist ja nur geliehen. Alles, was von aussen kommt, kann sich auch wieder verändern… Und dann beginnt die Suche von vorne, denn diese Kompensation ist ja kein Wollen, sondern ein Brauchen.
Vielleicht ist genau das gemeint mit diesem Satz: Dass wir nicht nur die Definitionen anderer übernehmen, sondern auch anfangen, uns selbst darüber zu definieren, wer oder was neben uns steht.
Und dabei übersehen wir etwas ganz Wesentliches: Dass wir so vielleicht gar nie wirklich bei uns selbst angekommen sind, weil wir es nicht aushalten, uns die Zeit zu nehmen, allein zu sein mit uns selbst.
Sich selbst kennenzulernen bedeutet nicht, sich von allem zu lösen, sondern den eigenen Standpunkt zu finden. Zu spüren: Was gehört wirklich zu mir? Was fühlt sich echt an – auch bzw besonders ohne Publikum? Und was brauche ich eigentlich nicht, um mich wertvoll zu fühlen?
Vielleicht verändert sich dann etwas. Menschen werden nicht mehr zu Spiegeln, in denen wir unseren Wert suchen. Sondern zu Begegnungen. Zu Verbindungen, die nichts definieren müssen, weil wir uns selbst nicht mehr verloren haben.
Und irgendwo da entsteht etwas, das nicht mehr wackelt, wenn sich das Aussen verändert: Ein Wert, der nicht geliehen, sondern gewachsen ist. Stabil und stark.


Hinterlasse einen Kommentar