Von unterschiedlichen Meinungen, Brüchen und Zusammenhalt. Und Corona. Schon wieder.

Schon wieder Corona. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht geht es um etwas ganz anderes…. nämlich um Zusammenhalt und Respekt…

Seit Monaten leben wir unter ungewohnten Bedingungen, ein paar Wochen davon waren wir sogar im Lockdown. Danach haben wir die wieder gewonnenen kleinen Freiheiten genossen, vor allem auch im sozialen Bereich. Aber immer noch mit einer gewissen Distanz. Und immer noch mit dem Wissen, dass das Virus noch da ist.
Ich bin in vieler Hinsicht eher eine vernünftige und dementsprechend auch eine eher vorsichtige Person und das zeigt sich auch im Umgang mit Corona und der momentanen Situation. Mich einzuschränken macht mir nicht so viel aus. Natürlich gibt es Dinge, die mir fehlen, ich sehe aber den Sinn der Einschränkung und hoffe, wenn wir uns alle daran halten, ist der Spuk irgendwann vorbei oder zumindest in einem Ausmass, in dem wir damit leben können.

Andere sehen das anders, die Meinungen gehen auseinander. Dazu möchte ich sagen, dass wir zwar alle unsere Meinung haben und auch haben sollen, aber irgendwie ist damit auch Vorsicht geboten, denn wer von uns kann von sich sagen, dass er selbst ein Viren-Experte oder eine Fachperson für Virologie ist?
Diese Fachpersonen bzw ein paar davon arbeiten für unsere Regierung. Ich denke, man kann davon ausgehen, dass das gut ausgebildete, fähige Fachleute sind, denn sonst hätten sie diese Jobs nicht bekommen. Sie haben bestimmt jahrelange Erfahrung mit vielen verschiedenen Viren und Krankheiten.
Andere Fachpersonen vertreten andere Meinungen, so ist das wohl in jedem Beruf.

Mit Covid19 haben sie alle noch nicht viel Erfahrung, denn das ist gar nicht möglich. Die Forschung hinkt immer einen Schritt hinterher bei solchen Dingen und das geht gar nicht anders. Eine Krankheit taucht neu auf, muss zuerst mal bemerkt werden bzw. dementsprechend viele Menschen befallen und dann geht es los mit untersuchen und forschen. Ich weiss von Forschung nicht viel, aber ich denke, das alles braucht seine Zeit. Es braucht Erfahrung und verschiedene Krankheitsverläufe, also viele verschiedene kranke oder tote Menschen, die man untersuchen kann, um Erkenntnisse daraus zu erhalten.
Nun ist ja die Situation so, dass diese Fachleute eigentlich keine Zeit haben, sich in Ruhe den Verlauf anzuschauen und alles ganz genau zu untersuchen und irgendwann danach auszuwerten und Lösungen zu präsentieren. Wir fordern von ihnen Lösungen und zwar schnell und gleichzeitig kritisieren wir aber, dass das gar keine Lösungen sind, da sie zuwenig lang getestet wurden und die Langzeitwirkung nicht bekannt ist…
Gleich von Anfang an, also sogar bevor die Krankheit bei uns in der Schweiz aufgetreten ist, war aus Berichten aus China und danach aus Italien klar, dass das eine schlimme, hoch ansteckende und unter Umständen für viele Menschen tödliche Krankheit ist oder sein kann. Ich muss zugeben, bei Berichten aus China bin ich immer etwas vorsichtig. Aber ich denke, dass uns da eher Dinge verheimlich als übertrieben wurden. Könnte also gut möglich sein, dass die Situation dort noch viel schlimmer war, als wir wussten. Wer weiss… Dann kam aber schon bald Italien. Das ist unser Nachbarland und viele von uns kennen Menschen, die dort wohnen oder Verwandte haben und die Erzählungen dieser Menschen waren tragisch und erschreckend. Ich habe mich oft mit meiner Cousine im Staat New York unterhalten. Auch dort war die Lage ausserordentlich schlimm und beängstigend. Wahnsinnig viele Kranke, wahnsinnig viele Tote.

Hier zum Glück nicht. Man hört Stimmen, die deswegen denken, dass Covid19 gar nicht so schlimm sei. Ich persönlich denke, dass eine schlimmere Situation verhindert wurde, weil wir die entsprechenden Massnahmen gut eingehalten haben. Was aber gewesen wäre, wenn wir dies nicht getan hätten, weiss ich nicht, genauso wie niemand anders das weiss. Und genauso wie niemand weiss, was gewesen wäre, wenn wir keine schützenden Massnahmen gehabt hätten.

Momentan ist die Situation so, dass die Zahlen der an Covid19 erkrankten Menschen überall und auch bei uns in der Schweiz rapid angestiegen sind und uns deswegen wieder härtere Massnahmen auferlegt werden.

In meinem Umfeld hat es viele Menschen, die diese Vorgehensweise bzw. den gesamten Umgang mit diesem Virus sehr hinterfragen und nicht angemessen finden. Vielleicht werden sie recht behalten, ich weiss es nicht.
Ich selbst denke nicht, dass wir von der Regierung belogen werden oder irgendjemand uns manipuliert und kontrolliert. Ich wüsste nicht, warum und wofür. Ich vertraue auch auf die Experten, die vom Bund angestellt sind. Vielleicht bin ich total naiv und werde dies irgendwann in fünf oder so Jahren merken, auch das weiss ich nicht. Ich bezweifle es aber stark. Bisher konnte ich mich immer auf meine Wahrnehmung, auf meine Voraussicht und meine Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken, verlassen. Damit sage ich keineswegs, dass andere – auch nicht andere, die anders als ich denken – dies nicht können. Ich spreche nur von mir und meiner Erfahrung mit mir selbst.

Wenn ich über meine eigene Meinung schreibe oder spreche, kann es vorkommen dass andere sich beleidigt oder gemeint fühlen, das ist aber nicht meine Intention. Ich weiss, dass jede Meinung auf einer Grundlage aus Wissen und Erfahrung basiert und ihre Berechtigung hat. Ich kann eigentlich andere Meinungen fast immer auch verstehen und bin in jeder Hinsicht überhaupt nicht radikal oder festgefahren. Und wenn es nicht meine Meinung ist, ist es das halt nicht.

Ich habe vor dem Virus wenig Angst, aber schon Respekt. Und die vorgegebenen Massnahmen schränken mich persönlich wenig ein, denn meine Freiheiten sind als berufstätige alleinerziehende Mutter sowieso gesellschaftlich, sozial und finanziell bereits eingeschränkt, so dass es gar nicht soooo einen grossen Unterschied macht.
Ich überlebe mir halt aber zum einen, was passiert, wenn viele Menschen zur gleichen Zeit krank werden. Da geht es mir nicht einmal so sehr um Krankenhausplätze oder sowas, sondern um den Alltag. Dort wo ich arbeite, wird es eng, wenn mehrere Personen krank werden und das ist ganz bestimmt in den allermeisten Firmen so. Was, wenn sich mehrere einer Abteilung oder eines Geschäftes anstecken bei einander und dann ausfallen? Wer arbeitet dann für die? Und wenn wir ja den finanziellen Aspekte auch immer sehr wichtig finden… Wer bezahlt denn diese Ausfälle? Wer die Aushilfen, wenn überhaupt vorhanden? Oder wenn Firmen für eine Weile schliessen müssen? Oder dann die ganzen Krankheitskosten? Neben dem menschlichen Aspekt glaube ich, dass es finanziell auch schwierig wird, wenn viele gleichzeitig erkranken. Auch dies kann vieles zum Erliegen bringen. Dafür müssen Menschen ja auch gar nicht mal direkt erkranken, Quarantäne reicht ja schon. Das wird teuer, wenn immer mehr Menschen für 10 Tage in Quarantäne müssen und das vielleicht sogar mehrmal, weil man danach ja wieder unterwegs ist.
Zum andern denke ich natürlich auch ganz im kleinen. Nämlich an mich und meine Tochter. Ich bin nicht an einem weiteren Lockdown interessiert (und deswegen wäre ich wirklich sehr froh, wenn das nicht irgendwann doch noch nötig wäre), denn ich habe diese zwei Monate im Frühling wahnsinnig anstrengend empfunden mit allem was sonst schon ist plus Homeschooling.
Zum andern mache ich mir natürlich Gedanken, was mit meinem Kind wäre, sollte gerade ich ernsthafter erkranken und ins Krankenhaus müssen. Ich möchte ihr das auf gar keinen Fall antun.
Und das sind für mich gute Gründe, mich und auch sie zu schützen so gut es geht.

Und dann kommt noch ein wichtiger Aspekt dazu: Es geht hier nicht nur um mich.
Mir kommt es manchmal vor, das vergessen im Moment viele, die von sich sagen, sie hätten keine Angst.

Wisst ihr noch, wie wir am Anfang gedacht haben, dass Corona Menschen zusammen bringt?
Es war ein Irrtum. Corona macht genau das Gegenteil.

Im März war das so. Menschen haben einander geholfen, gingen füreinander einkaufen, telefonierten vermehrt, damit sich keiner einsam fühlt. Abstand wurde gehalten und alle haben auf vieles verzichtet. Wir waren bemüht, einander zu schützen und zu unterstützen. Menschen applaudierten auf ihren Balkonen für andere, die in sogenannt systemrelevanten Berufen arbeiten. Es wurden Stimmen laut, dass diese Berufe bessere Arbeitsbedingungen, mehr Personal und besseren Lohn bekommen sollen.

Monate später wiederholt sich die Situation fast ein bisschen. Die sogenannten Fallzahlen sind höher denn je und die Arbeitsbedingungen in den oben erwähnten Berufsfeldern immer noch dieselben.
Viele Menschen sind unzufrieden mit den Massnahmen des Bundesrates, damit wie mit dem Virus und mit uns umgegangen wird. Ich weiss nicht, woher die Unzufriedenheit kommt oder ob die Kritik berechtigt ist, wie am Anfang beschrieben. Aber ich spüre, wie sich das Klima verändert.
Es gibt Menschen, die sich extremisieren, was ich sowieso nie gut finde. Es gibt Menschen, die sich sehr eingeschränkt und kontrolliert fühlen, Menschen die sich wehren wollen. Es gibt Menschen, die einen Sündenbock suchen für die ganze Sache. Der ist einfach zu finden.

Ich für meinen Teil denke nicht, dass wir Grund dazu haben. Ich denke, das ist nun einfach eine Krise, eine Situation, die wir nicht kennen und aber halt bewältigen müssen. Und wie bei jeder Krise ist es so, dass jeder anders vorgeht. Für mich sind Schuldigensuche und Verschwörungsansätze Nebenschauplätze, die unsere Gedanken vom eigentlichen Problem ablenken und es vielleicht erträglicher machen, denn so können wir die Verantworung für diese Misere jemandem zuschieben, weg von uns selbst.

Das mit dem Suchen eines Schuldigen oder eines Bösewichts finde ich nicht nur unnötig, sondern dazu auch noch gefährlich. Genau wie das sich radikalisieren auch. Wenn ich mir zum Teil Kommentare anschaue, die unter Berichterstattungen hingerotzt werden, dann sehe ich viel, viel Aggression. Und meiner Meinung nach ist das die Aggression, die ihren Ursprung woanders hat, aber es bietet sich an, sie genau hier rauszulassen. Mit gesundem Menschenverstand und diskutieren hat das zum grossen Teil nichts mehr zu tun. Damit meine ich überhaupt nicht Meinungen, die von meiner abweichen, nein. Sondern die Art und Weise, wie sie zum Teil kommuniziert werden.

Und dann kommt ein neues Thema im Umgang miteinander auf. Wie geht man mit jemandem um, den man gern hat, der aber eine ganz andere Meinung als ich selber vertrete? Da entsteht ganz schnell Streit oder Ausgrenzung, es ist schwierig dies zu verhindern.

Ich finde, dass erwachsene Menschen eine Meinung haben und sich zivilisiert darüber austauschen können sollten. Wenn es beleidigend und niveaulos wird, wenn es nichts mehr mit dem Thema zu tun hat, dann wird’s auch für mich schwierig. Ich glaube, da können auch Verbindungen zerbrechen, die durchaus wertvoll waren / wären.
Ich finde, auch das wäre – neben einer riesigen Verbreitung des Virus – zu verhindern.
Ich finde aber auch, wenn man sich uneinig ist oder sogar sauer aufeinander ist, dann ist das im Moment so. Wenn das aber Verbindungen oder Freundschaften sind, die Substanz haben, dann schiesst man die nicht gleich in den Wind, weil mal etwas ist.

Corona ist das eine, was für daraus machen, das andere. Wir sind gezwungen, anders als gewohnt zu leben und auf einiges zu verzichten. Einige von uns werden krank werden, es werden Menschen sterben. Das Virus hat seine eigenen Dynamik, wir denken zu wissen wie wir es eindämmen können und ich hoffe, es wird wirken. Was wir aber selbst in der Hand haben ist, wie wir miteinander umgehen, respektvoll zu bleiben und vernünftig zu bleiben. Ich finde immer, dass Zusammenhalt ein gutes Rezept für vieles ist.

In diesem Sinne…. passt auf euch und aufeinander auf.