Verena, 1652

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Es ist noch dunkel, als Verena an diesem kalten Februarmorgen erwacht. Durch die kleinen, mit Butzenscheiben verglasten Fenster ihres Hauses dringt kaum Licht. Im Herd liegt nur noch etwas Glut vom Vorabend. Verena zieht die grobe Wolldecke zurück und setzt sich auf die Bettkante. Ihre Füsse finden die Holzschuhe, die sie am Abend neben das Bett gestellt hat. Sie ist 43 Jahre alt und lebt seit dem Tod ihres Mannes allein in einem kleinen Haus am Rand eines Dorfes. Ihr Mann Jakob war vor sechs Jahren an einem Fieber gestorben. Kinder hatten die beiden keine bekommen. Seither schlägt sich Verena mit einer kleinen Ziege, einem Gemüsegarten und gelegentlichen Arbeiten für andere Familien durch.

Sie steht auf, schürt das Feuer und legt einige Holzscheite nach. Dann hängt sie einen eisernen Kessel über die Flammen. Zum Frühstück gibt es einen dünnen Brei aus Hafer und Wasser. Ein Stück dunkles Brot vom Vortag liegt noch auf dem Tisch. Verena bricht etwas davon ab und taucht es in den warmen Brei.

Draussen beginnt es langsam hell zu werden. Sie muss heute noch zu Barbara, der Frau des Müllers. Deren jüngstes Kind hustet seit Tagen und Barbara hat Verena gebeten, ihr etwas von den getrockneten Kräutern mitzubringen.

Verena kennt sich mit Heilpflanzen aus. Ihre Mutter hatte ihr schon als Mädchen gezeigt, welche Pflanzen man sammeln und wie man sie trocknen konnte. Verena weiss, dass Salbei bei Beschwerden im Hals verwendet wird, dass Kamille bei manchen Magenbeschwerden helfen kann und dass man bei Fieber für Ruhe und ausreichend Flüssigkeit sorgen sollte.

Manchmal wird sie auch zu einer Geburt gerufen, um der Hebamme zur Hand zu gehen. Sie ist keine ausgebildete Hebamme und schon gar keine Ärztin, aber sie hat Erfahrung und viele Frauen im Dorf schätzen ihre ruhige, besonnene Art.

Verena nimmt ein kleines Leinensäckchen aus der Truhe und füllt etwas getrockneten Salbei hinein. Dann bindet sie ihr Kopftuch fest und macht sich auf den Weg. Der Boden ist gefroren. Zwischen den Häusern liegt noch schmutziger Schnee. Aus den Kaminen steigt Rauch auf und irgendwo kräht ein Hahn.

Als Verena am Brunnen vorbeikommt, stehen dort zwei Frauen mit ihren Wassereimern. Sie grüsst. Die ältere der beiden nickt ihr zu. Die jüngere, Margreth, dreht sich weg. Verena bemerkt es, denkt sich aber nichts dabei. Sie weiss, dass Margreth seit einiger Zeit nicht gut auf sie zu sprechen ist. Vor einigen Wochen hatten die beiden einen Streit wegen eines Stücks Gartenland gehabt. Margreth behauptete, Verenas Ziege habe ihre jungen Kohlpflanzen gefressen. Verena hatte den Schaden bestritten. Seitdem grüsst Margreth sie kaum noch.

Als Verena beim Haus des Müllers ankommt, öffnet Barbara die Tür. «Gott sei Dank, dass du kommst. Der Kleine hat die ganze Nacht gehustet.»
In der Stube ist es warm. Auf einer Bank neben dem Ofen liegt der vierjährige Peter, eingewickelt in eine Decke. Sein Gesicht ist stark gerötet. Verena setzt sich neben ihn und legt ihm vorsichtig die Hand auf die Stirn.
«Er ist heiss» sagt sie.
Barbara nickt besorgt. «Er hat kaum etwas gegessen.»
Verena gibt ihr den Salbei und erklärt, wie sie einen schwachen Aufguss zubereiten kann. Sie rät ihr, dem Kind immer wieder etwas zu trinken anzubieten.
«Und wenn es schlimmer wird, musst du Hilfe holen» sagt sie.
Barbara seufzt. «Ich bete schon seit Tagen, dass es besser wird.»

Verena bleibt noch eine Weile, hilft beim Wasser holen und spricht beruhigend mit der Mutter. Als sie das Haus verlässt, ahnt sie nicht, dass dieser Besuch ihr Leben verändern wird.

Drei Tage später stirbt der kleine Peter. Das Fieber war immer höher gestiegen. Der Junge hatte kaum noch getrunken und war schliesslich in den frühen Morgenstunden gestorben.
Das ganze Dorf ist erschüttert. Kinder sterben in dieser Zeit häufig an Krankheiten, gegen die es kaum wirksame Behandlungsmöglichkeiten gibt. Doch für die Eltern ist jeder einzelne Tod eine Katastrophe.

Barbara ist ausser sich vor Trauer. Bei der Beerdigung steht Verena etwas abseits. Sie hat den Jungen gern gehabt.
Als sie nach dem Gottesdienst auf Barbara zugeht, um ihr Beileid auszusprechen, wendet sich diese ab. Verena bleibt stehen. Sie versteht nicht, was geschehen ist. Erst einige Tage später hört sie, was im Dorf erzählt wird. Margreth soll gesagt haben, Verena habe dem Kind einen seltsamen Trank gegeben und dass Peter kurz darauf gestorben sei.
«Vielleicht war etwas in den Kräutern» flüstert eine Frau beim Brunnen.
«Vielleicht war es gar kein gewöhnliches Fieber» meint eine andere.

Verena erfährt davon durch ihre Nachbarin Agnes.
«Du musst aufpassen» sagt Agnes leise. «Die Leute reden.»
Verena schüttelt den Kopf. «Ich habe dem Kind doch nur helfen wollen.»
Agnes schaut sie ernst an. «Das weiss ich. Aber die anderen wissen es vielleicht nicht.»

In den folgenden Wochen verändert sich etwas. Wenn Verena durch das Dorf geht, verstummen Gespräche. Frauen, die früher bei ihr um Rat gefragt haben, kommen nicht mehr. Ein Mann weigert sich, ihr etwas Mehl zu verkaufen, bevor sie nicht das Geld auf den Tisch gelegt hat.
Wenige Tage später wird auf einem benachbarten Hof eine Kuh krank. Das Tier frisst nicht mehr und gibt kaum noch Milch. Der Bauer erinnert sich daran, dass Verena wenige Tage zuvor an seinem Stall vorbeigegangen war. Er erzählt es seinem Nachbarn. Der Nachbar erzählt es seiner Frau und bald weiss das halbe Dorf davon. Sie erzählen, Verena habe die Kuh verhext.

Verena kann es kaum glauben. «Ich bin doch nur am Stall vorbeigegangen» sagt sie zu Agnes.
Agnes schweigt.
«Du glaubst das doch nicht etwa auch?»
«Nein, nein.. » antwortet Agnes schnell. Doch Verena bemerkt, dass ihre Freundin ihr nicht mehr richtig in die Augen schaut.

An einem Sonntag spricht der Pfarrer in seiner Predigt über die Macht des Teufels und die Gefahren der Sünde. Er nennt keinen Namen, aber Verena spürt die bohrenden Blicke sehr wohl. Sie sitzt wie immer auf ihrer Bank, die Hände fest um ihr Gebetbuch geschlossen. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie sich in der Kirche nicht mehr sicher.

Im Frühling wird Verena zum örtlichen Amtsträger bestellt. Der Mann sitzt hinter einem schweren Holztisch. Neben ihm steht ein Schreiber mit Feder und Tintenfass. Verena soll erklären, weshalb sie dem Kind des Müllers Kräuter gegeben habe. Sie erzählt alles. Dass Barbara sie gerufen habe. Dass Peter Fieber hatte und dass sie nur helfen wollte. Dass es nur Salbei war.

Der Amtsträger fragt, woher sie ihr Wissen über Heilpflanzen habe.
«Von meiner Mutter.»
«Und woher hatte Eure Mutter dieses Wissen?»
Verena überlegt. «Von ihrer Mutter, denke ich.»

Der Mann macht sich eine Notiz. Dann fragt er nach dem Streit mit Margreth und auch nach der kranken Kuh. Dann nach ihrem verstorbenen Mann. Verena antwortet so gut sie kann und darf dann schliesslich gehen.
Doch einige Wochen später wird sie erneut vorgeladen. Inzwischen haben mehrere Dorfbewohner Aussagen über sie gemacht. Margreth behauptet, Verena habe ihr nach dem Streit am Brunnen zugerufen, sie werde schon noch sehen, was sie davon habe. Verena erinnert sich nicht, so etwas gesagt zu haben.
Ein anderer Nachbar berichtet, er habe sie einmal nachts vor ihrem Haus stehen sehen. Verena erklärt, dass ihre Ziege ausgebrochen gewesen sei und sie nach ihr gesucht habe. Doch jede Erklärung scheint neue Fragen hervorzurufen.

Im Sommer wird Verena verhaftet. Zwei Männer kommen früh am Morgen zu ihrem Haus. Sie soll mitkommen. Verena fragt, weshalb. Einer der Männer antwortet nur, dass sie der Hexerei verdächtigt werde. Verena beginnt zu zittern.
«Aber ich habe doch niemandem etwas getan.»
Die Männer sagen nichts.
Sie darf ein Tuch und einige persönliche Dinge mitnehmen und wird dann fort geführt.
Agnes steht vor ihrem Haus und beobachtet alles. Verena schaut zu ihr hinüber. Für einen Augenblick hofft sie, dass Agnes etwas sagen wird. Dass sie den Männern erklärt, dass Verena eine gute Frau sei. Doch Agnes senkt den Blick.

Verena wird in einem Gefängnis festgehalten. Der Raum ist klein, feucht und dunkel. Auf dem Boden liegt etwas Stroh. Durch eine schmale Öffnung fällt ein wenig Tageslicht. Sie weiss nicht, wie lange sie bleiben muss. Bei den Verhören wird sie immer wieder nach denselben Dingen gefragt. Ob sie einen Bund mit dem Teufel geschlossen habe. Ob sie Menschen oder Tiere verhext habe. Ob sie an nächtlichen Zusammenkünften teilgenommen habe. Verena verneint alles. Sie versteht nicht, weshalb man ihr solche Fragen stellt. Sie ist eine gläubige Frau, besucht regelmässig die Messe, betet und beichtet wie die anderen Menschen im Dorf. Doch die Männer glauben ihr nicht.

Eines Tages wird ihr erklärt, dass ihre Aussagen unglaubwürdig seien und man andere Mittel anwenden werde, um die Wahrheit zu erfahren. Verena hat gehört, was das bedeutet. Sie weiss, dass bei Hexenprozessen die Folter eingesetzt werden kann. Sie hat Angst. Grosse Angst.

Bei einem weiteren Verhör werden ihr Schmerzen zugefügt. Verena schreit. Sie fleht die Männer an, aufzuhören, wiederholt immer wieder, dass sie unschuldig sei. Doch die Fragen hören nicht auf. Sie verliert an Kraft und kann nicht mehr.
Schliesslich sagt sie, was die Männer hören wollen. Ja, sie habe mit dem Teufel gesprochen. Ja, sie habe dem Kind des Müllers geschadet. Ja, sie habe die Kuh krank gemacht. Es sind Worte, die sie nur ausspricht, weil sie die Schmerzen nicht länger ertragen kann. Sie kann einfach nicht mehr.

Als das Verhör endet, wird sie zurück in ihre Zelle gebracht. Dort liegt Verena auf dem Stroh und weint vor Schmerz und Verzweiflung. Was für eine aussichtslose, hoffnungslose Situation. Sie weiss, dass sie Dinge gestanden hat, die sie niemals getan hat.

Am nächsten Tag versucht sie, ihre Aussagen zurückzunehmen. Sie erklärt, dass sie alles nur wegen der Schmerzen gesagt habe und damit es endlich aufhören möge, doch man glaubt ihr nicht. Das Geständnis wird als Beweis ihrer Schuld betrachtet.

Wochen vergehen. Verena verliert jedes Gefühl für die Zeit. Manchmal hört sie draussen Kirchenglocken. Dann denkt sie an ihr kleines Haus. An die Ziege und an ihren Garten. An den Duft der Kräuter, die sie im Sommer zum Trocknen aufgehängt hat. Sie fragt sich, ob die Bohnen inzwischen gewachsen sind und ob jemand die Ziege versorgt. Ob Agnes manchmal an sie denkt?

Eines Morgens wird ihr das Urteil mitgeteilt. Verena ist wegen Hexerei zum Tod verurteilt worden. Sie hört die Worte, aber zunächst begreift sie sie nicht. Sie soll sterben… Weil ein Kind krank geworden ist, weil eine Kuh keine Milch mehr gegeben hat und vor allem, weil Menschen Dinge über sie erzählt haben, die nicht wahr sind.

In den letzten Tagen vor ihrer Hinrichtung wird Verena von einem Geistlichen besucht. Er fordert sie auf, ihre Sünden zu bereuen und sich auf den Tod vorzubereiten. Verena betet. Sie weiss, dass sie keine Hexe ist, aber sie hat grosse Angst. Der Glaube hat ihr seit ihrer Kindheit Halt gegeben. Sie bittet Gott, ihr beizustehen.

An einem kühlen Morgen im September 1652 wird Verena aus ihrer Zelle geholt. Sie trägt ein einfaches Kleid und ein Tuch über den Haaren. Sie ist so abgemagert und schwach, dass ihre Beine sie kaum tragen mögen.
Auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte stehen unzählige Menschen. Einige schauen neugierig, viele johlen andere wenden den Blick ab. Verena erkennt Gesichter aus ihrem Dorf. Den Müller. Margreth. Und Agnes. Sie steht etwas abseits. Als sich ihre Blicke treffen, beginnt Agnes zu weinen. Verena schaut sie lange an. Sie möchte ihr sagen, dass sie keine Angst haben soll. Dass sie weiss, weshalb sie geschwiegen hat. Aber sie sagt nichts.

Dann wird Verena weitergeführt. Sie ist 43 Jahre alt. Eine Frau, die hart gearbeitet, gebetet, geliebt und versucht hat, anderen Menschen zu helfen. Sie hat niemanden verhext und sie hat keinen Bund mit dem Teufel geschlossen und doch wird sie an diesem Morgen bei lebendigem Leibe auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Einige Wochen zuvor wurde ein paar Dörfer weiter ein 11jähriges Mädchen der Hexerei bezichtigt und verbrannt. Aufgrund ihres geringen Alters wurde eine Strafmilderung erlassen. Der Henker erwürgte sie, bevor ihr Körper verbrandt wurde.

Nach Verenas Tod wird ihr kleiner Haushalt aufgelöst. Die wenigen Habseligkeiten werden verkauft oder verteilt, ihr Garten verwildert. Die Ziege wird geschlachtet, aus Angst, auch sie könnte besessen sein.

Im Dorf spricht man noch eine Weile über Verena. Manche sind überzeugt, dass mit ihrer Hinrichtung das Böse besiegt worden sei. Andere schweigen.

Agnes denkt noch oft an ihre Nachbarin. Besonders dann, wenn sie am Brunnen steht, an dem Verena früher jeden Morgen vorbeigegangen ist. Sie erinnert sich an ihre freundliche Stimme, an die Kräuter, die sie den kranken Menschen gebracht hatte und an den Tag, als Verena sie fragte, ob sie denn auch glaube, dass sie eine Hexe sei. Agnes hatte Nein gesagt, aber sie hatte nichts getan, um ihr zu helfen…

Historische Einordnung:
Verena ist eine erfundene Frau. Hexenverfolgungen, Folter und Hinrichtungen sind für die damalige Schweiz und auch für Luzern historisch belegt.
Was mir bei dieser Geschichte besonders wichtig ist: Verena wird nicht deshalb verdächtigt, weil sie tatsächlich über geheimnisvolle Kräfte verfügt. Vielmehr verwandeln Angst, persönliche Konflikte und die Überzeugungen ihrer Zeit alltägliche Ereignisse in vermeintliche Beweise für Hexerei
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Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.

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