Vielleicht erinnert ihr euch noch an meine Geschichte, in der ich für 24 Stunden in den Körper von Donald Trump geschlüpft bin?Ich habe einen ziemlich anstrengenden Tag im Weissen Haus verbracht, einige Dinge verändert und versucht, mit der Macht des amerikanischen Präsidenten wenigstens ein kleines bisschen Gutes zu bewirken.
Am nächsten Morgen war ich wieder ich selbst.
Was ich damals allerdings nicht wusste: Während ich im Weissen Haus sass, hat Donald Trump ebenfalls einen ziemlich ungewöhnlichen Tag erlebt, denn so ein Körpertausch funktioniert offenbar in beide Richtungen. Während ich also versuchte, Amerika zu verändern, musste Donald Trump mit meinem ganz normalen Alltag zurechtkommen.
Es war 6.30 Uhr morgens, als Donald Trump die Augen öffnete. Sein erster Gedanke war, dass irgendetwas mit der Zimmerdecke nicht stimmte. Sie war viel zu niedrig. Und war etwa die Klimaanlage defekt? Es war aussergewöhnlich warm…
Er blinzelte und schaute sich um. Das Schlafzimmer war viel zu klein. Keine schweren Vorhänge, keine goldenen Verzierungen, kein suuuper big King Size Bed. Nicht einmal ein Kronleuchter.
Er drehte den Kopf. Keine Melania neben ihm. Aber wenn man ehrlich ist, lag sie sowieso nicht oft (nie?) neben ihm, denn sie bevorzugte es, in ihrem eigenen Zimmer zu nächtigen. Deswegen war jetzt nicht unbedingt ungewöhnlich.
Aber wo zum Teufel war er?
Er hob die Hand, um sich die Augen zu reiben… und pikste sich mit dem Fingernagel ins Auge. Er erstarrte. Was war DAS denn? Seine Finger waren plötzlich so schmal. Die Haut sah anders aus, hell und faltenloser. Huch… und seine Fingernägel waren länger als gewohnt.
Er drehte die Hand hin und her und schaute sie an.
«What the hell?»
Er betrachtete die andere Hand. Dasselbe.
Er zog die Bettdecke zurück. Auch dort sah alles anders aus… Wo war deinn sein grosser Trump-Bauch? Einfach weg! Dafür fand er oberhalb des Bauches zwei Rundungen. WTF???? Brüste fand er toll, aber an sich selbst?! Ungewohnt.
Normal schlief er in seinen Lieblings-Unterhosen (in den USA-Farben), aber heute trug er einen Lila-Pijama. Uuuuuuuungewohnt….
Für einen kurzen Moment war er beeindruckt. «Incredible. Absolutely incredible. Best weight loss ever.» Dann bemerkte er seine Beine und seine Füsse. Und überhaupt den Rest seines Körpers.
«WHAT IS GOING ON?!»
Er sprang aus dem Bett, verlor beinahe das Gleichgewicht und torkelte ins Badezimmer. Das fand er auf Anhieb, weil er sich in einer Wohnung mit aussergewöhnlich wenig Türen befand.. Er riss sie auf, stolperte zum Lavabo und blickte in den Spiegel.
Eine Frau starrte ihn an. Helle Wuschelhaare, blaue Augen, helle Haut, ohne jeglichen Gelbton…
Er war überfordert. Und schrie!
«AAAAAAAAAH!»
Die Frau im Spiegel schrie ebenfalls.
Trump wich zurück.
Die Frau wich zurück.
Er zeigte mit dem Finger auf sie.
Sie zeigte mit dem Finger auf ihn.
Er öffnete den Mund.
Sie öffnete den Mund.
«STOP COPYING ME, YOU f****** ****!»
Die Frau im Spiegel schien genauso wütend zu sein. Trump hielt sich beide Hände vors Gesicht. Dann nahm er sie langsam wieder weg, aber sie war immer noch da.
«This is a disaster. The biggest disaster in the history of disasters!»
Er tastete nach seinen Haaren. Es fühlte sich nicht gewohnt fettig und strähnig an, sondern eher weich und voll. Er zog daran.
Autsch!
Echt. Alles echt.
Er starrte wieder in den Spiegel.
«Who ARE you?!»
Keine Antwort. Nur eine Frau, die ihn genauso entsetzt anschaute.
Trump brauchte dringend Hilfe. Er eilte zurück ins Schlafzimmer und suchte sein Handy. Auf dem Nachttisch lag eines. Ein iPhone. Immerhin. Er nahm es in die Hand. Das Gerät entsperrte sich sofort. Erleichtert atmete er auf.
Dann schaute er auf den Bildschirm. Was war das denn für eine Sprache?
«Einstellungen. Erinnerungen. Kalender.»
Er las die Wörter laut vor. «Ein… stell… ungen?»
Er schüttelte den Kopf.
«Swedish! I knew it! They’ve taken me to Sweden!»
Das musste eine Entführung sein!! Ganz sicher durch die Demokraten. Oder eventuell doch durch die Europäische Union? Vermutlich durch beide zusammen. Eine VERSCHWÖRUNG!!!!
Er suchte nach der Telefonnummer des Weissen Hauses. Nichts. Er suchte nach Melania. Er fand ein paar Melanies, aber keine MelaniA. Er suchte nach seiner Sekretärin und auch ihren Namen fand er nicht. Schliesslich gab er in die Suchfunktion seinen eigenen Namen ein…. D o n a l d T r u m p.
Tatsächlich erschienen unzählige Ergebnisse. Fotos. Nachrichten. Videos, aber keine Telefonnummer.
«Unbelievable! Everybody knows me, but nobody has my number!»
Er versuchte es mit der Sprachsteuerung.
«CALL THE WHITE HOUSE!»
Das Handy antwortete freundlich: «Das habe ich leider nicht verstanden.»
Trump starrte es an.
«ENGLISH! SPEAK f****** ENGLISH!»
«Das habe ich leider nicht verstanden. Bitte wiederholen.»
«STUPID SWEDISH PHONE!»
Er warf das Handy aufs Bett.
In diesem Moment klopfte es an der Tür und diese öffnete sich langsam.
«Mama?»
Trump erstarrte. Mama? Das verstand er, obwohl es schwedisch war, denn wenn einer das allergrösste Sprachtalent überhaupt war, dann ER.
Er schaute zur Tür. «MAMA!?»
«Ja?» antwortete ES. «Was ist denn los?»
Trump schluckte. Ein Kind. Da draussen stand ein Kind und dieses Kind hielt offenbar IHN für seine Mutter.
«I AM NOT YOUR MOTHER!»
Kurze Stille. Dann kam die Antwort: «Hä? Was redest du denn?»
Trump setzte sich langsam aufs Bett.
Das wurde immer schlimmer.
«Mama, gibt’s Frühstück? Ich muss doch in die Schule.»
Frühstück. Natürlich! Endlich ein vernünftiges Thema.
«YES! BREAKFAST! BRING ME BREAKFAST!»
Wieder Stille.
«Mama, geht’s dir gut? Du bist so komisch heute.»
Trump rieb sich die Stirn.
«Nobody brings me breakfast. Nobody understands English. And everybody calls me Mama!»
Er stand auf, öffnete die Tür einen Spalt und blickte hinaus. Niemand in Uniform, keine Sicherheitsleute. Wo war das Personal?
Da war nur ein ganz gewöhnlicher Flur. Er schloss die Tür wieder.
Er brauchte einen Plan, einen SEHR GUTEN Plan. Den besten Plan, den jemals jemand gehabt hatte.
Dann entdeckte er auf einem Tisch eine Agenda. Er schlug sie auf.
Montag.
Darunter standen mehrere Einträge.
8.00-10.00 Uhr – Arbeitstermin.
danach einkaufen, Klopapier nicht vergessen!!
11.00 Uhr – Telefon Frau X
Mittagessen kochen.
13.00 Uhr – Teams-Besprechung.
14.00-16.00 Uhr – Arbeitstermin
Auto tanken nicht vergessen!
16.30-18.00 Uhr – Arbeitstermin
Abendessen
Wäsche
Einzahlungen nicht vergessen!
Und irgendwo dazwischen noch ein paar andere Dinge, die er nicht einmal entziffern konnte.
Er blätterte weiter.
Dienstag.
Noch mehr Termine.
Mittwoch.
Auch voll.
Donnerstag.
Voll.
Freitag.
Ebenfalls voll.
Trump starrte auf die Seiten. Er blätterte zurück. Dann wieder vorwärts.
«Where are the golf appointments?!»
Er suchte weiter. Nichts. Kein Golf. Keine Pressekonferenz. Kein Staatsbankett. Nicht einmal ein einziger Termin, bei dem ihm jemand applaudieren würde. Stattdessen Arbeit, Einkaufen, Kochen, Putzen, Wäsche und all solchen Kram.
Und ein Kind, das Frühstück wollte.
Er klappte die Agenda zu und öffnete sie wieder. Vielleicht hatte er sich verlesen.
Nein, alles noch da.
«This woman is INSANE! Completely insane!»
Er schaute auf die Uhr. 6.47 Uhr. Der Tag hatte noch nicht einmal richtig begonnen.
Trump setzte sich aufs Bett. Sein Atem ging schneller. Er dachte an sein schönes, grosses Weisses Haus, an seinen fantastischen Schreibtisch, an seine Berater, an die Menschen, die ihm Kaffee brachten. Und an seinen incredible Golfplatz.
Und dann dachte er an die Agenda, an die Wäsche, das Frühstück und an das Kind vor der Tür.
«Mama? Ich habe Hunger und ich komme zu späähäääät!»
Donald Trump legte sich langsam wieder hin, zog die Bettdecke über den Kopf und erlitt den ersten Nervenzusammenbruch dieses Tages.
Es war 6.49 Uhr.
Als meine Tochter um 7.10 Uhr aus dem Badzimmer in die Küche kam, fand sie ihre Mutter am Küchentisch sitzend. Immer noch im Pyjama, mit total zerzausten Haaren. Vor ihr lag ihre aufgeschlagene Agenda, daneben ein Handy und ein zerknülltes Taschentuch. Sie starrte ins Leere.
«Mama?»
Keine Reaktion.
«Mama, was machst du da?»
Trump hob langsam den Kopf.
«STOP TALKING SWEDISH TO ME! I’m having a very, very bad day!»
Meine Tochter blieb stehen.
«Hä?»
«AND STOP SAYING HÄ!»
Sie schaute ihn einen Moment lang an. «Mama, hast du heute Morgen irgendetwas Komisches genommen?»
«I AM DONALD TRUMP! PRESIDENT OF THE UNITED STATES!»
Meine Tochter nickte langsam.
«Ja, Mama. Und ich bin Taylor Swift. Können wir jetzt frühstücken?»
Trump liess den Kopf auf den Küchentisch sinken. Es war 7.02 Uhr und er hatte bereits genug von Schweden…
Eine halbe Stunde später sass Trump noch immer am Küchentisch. Das Kind hat die Wohnung unterdessen verlassen. Offenbar ist es ZU FUSS in die Schule gegangen.
Vor ihm lagen zwei Scheiben Urdinkelbrot, ein angebrochenes Glas Konfitüre und die Agenda.
Er schaute auf die Uhr.
7.32 Uhr.
In 28 Minuten sollte er irgendwo sein. Wo genau, wusste er nicht. Was er dort tun sollte, wusste er ebenfalls nicht. Und vor allem wusste er nicht, weshalb diese Frau offenbar ein Leben führte, in dem man jeden Tag arbeiten, einkaufen, kochen, putzen, Termine einhalten und sich um ein Kind kümmern musste. Wie war das überhaupt alles machbar ohne Personal, ohne Chauffeur, ohne Koch und Berater? Und vor allen Dingen ganz ohne einen einzigen Menschen, der ihm immer wieder sagte, wie grossartig er war.
Er blätterte noch einmal durch die Agenda.
Montag. Voll.
Dienstag. Voll.
Mittwoch. Voll.
Donnerstag. Voll.
Freitag. Voll.
Nervenzusammenbruch Nr. 2 kündigte sich an…
Er legte die Agenda weg.
Nahm sie wieder in die Hand und blätterte zum Wochenende.
Samstag.
Einkaufen. Haushalt. Wäsche. Treppenhaus reinigen. Meerschweinschen-Gehege ausmisten.
Sonntag.
Vorbereiten für Montag.
Trump wurde blass.
«SHE WORKS ON SUNDAY TOO?!»
Er schaute verzweifelt zur Decke.
«HELLO?! IS ANYBODY UP THERE?!»
Und tatsächlich.
Irgendwo ausserhalb von Raum und Zeit begann in diesem Moment eine rote Warnlampe zu blinken.
ACHTUNG. ACHTUNG. EXPERIMENT 24 STUNDEN GEFÄHRDET. AUSNAHMEZUSTAND!
Eine unsichtbare Instanz betrachtete die Situation:
Donald Trump.
Präsident der Vereinigten Staaten.
Seit nicht einmal einer Stunde im Körper einer alleinerziehenden Mutter.
Zustand: kritisch.
Belastbarkeit: praktisch nicht vorhanden.
Anzeichen eines vollständigen Nervenzusammenbruchs.
Die Instanz überprüfte besorgt die Daten.
Auf der einen Seite des Atlantiks sass eine Schweizer Frau im Weissen Haus und hatte bereits mehrere politische Entscheidungen getroffen.
Auf der anderen Seite sass Donald Trump vor zwei Scheiben Urdinkelbrot und war kurz davor, wegen einer Agenda und fehlender Pancakes zusammenzubrechen.
Das Experiment war ursprünglich auf vierundzwanzig Stunden ausgelegt gewesen. Doch nun musste dringend eine Entscheidung getroffen werden.
Die unsichtbare Instanz zögerte.
Dann erschien eine zweite Meldung.
WARNUNG: PROBAND TRUMP HAT NOCH NICHT EINMAL DIE HUNGRIGEN MEERSCHWEINCHEN ENTDECKT.
PIEP PIEP PIEP
Das gab den Ausschlag.
Ein solches Risiko konnte niemand verantworten.
EXPERIMENT WIRD AUS HUMANITÄREN GRÜNDEN VORZEITIG ABGEBROCHEN.
Trump sass noch immer am Küchentisch, als ihm plötzlich schwindlig wurde.
«Oh no. Not again!»
Er hielt sich am Tisch fest. Die Küche begann sich zu drehen, die Agenda verschwamm vor seinen Augen.
Dann wurde alles schwarz.
Wenig später öffnete Donald Trump langsam die Augen. Er lag in seinem riesigen Bett im Weissen Haus. Über ihm die hohe Decke. Um ihn herum die schweren Vorhänge. Er hob die Hände. SEINE Hände! SEINE fantastische Hände! SEINE Finger! SEIN Bauch!
Alles wieder da! Er schaute nach links. Alles, ausser Melania…
Er sprang aus dem Bett.
«I’M BACK! I’M BACK! THE BEST PRESIDENT IN HISTORY IS BACK!!»
Dann rief er so laut er konnte:
«BREAKFAST! I WANT PANCAKES! BACON! EGGS! EVERYTHING!»
Wenige Minuten später stand ein Mitarbeiter mit einem riesigen Frühstückstablett vor ihm. Trump betrachtete die Pancakes, die Eier und den Speck. Dann den Mitarbeiter.
«You have no idea what I’ve been through.»
Er nahm einen grossen Bissen.
«Sweden. Terrible place. Absolutely terrible.»
Währenddessen erwachte irgendwo in der Schweiz eine Frau.
Sie sass am Küchentisch. Vor ihr standen ein halb ausgetrunkener Kaffee, zwei Scheiben Urdinkelbrot und ein offenes Glas Konfitüre.
Sie schaute auf die Uhr.
7.35 Uhr.
Merkwürdig.
Sie konnte sich nicht erinnern, aufgestanden zu sein. Und weshalb lag ihre Agenda aufgeschlagen auf dem Tisch?
Sie zuckte mit den Schultern, nahm einen Schluck Kaffee und machte sich bereit für ihren ersten Termin. Heute lag ein voller Tag vor ihr und sie freute sich auf ihre Arbeit und darauf, ihre Tochter am Mittag zu sehen.
Was sie nicht wusste: Sie würde heute einen Tag erleben, einer, an dem der Präsident der Vereinigten Staaten beinahe gescheitert wäre. Einen ganz gewöhnlichen Montagmorgen.
Als alleinerziehende, berufstätige Mutter.
So, jetzt musste sie aber los…


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