Ich möchte euch Matilda von Flandern vorstellen


Matilda von Flandern, Herbert Norris ca 1925
(Internetfund)

Matilda von Flandern wurde ungefähr im Jahr 1031 in Brügge geboren, vermutlich in Flandern. Sie war die Tochter des mächtigen Grafen Balduin V. und wuchs in einer Welt aus Steinburgen, langen Wandteppichen, Kerzenlicht und höfischen Regeln auf. Doch obwohl das Mittelalter oft wie eine ferne, dunkle Zeit wirkt, begann auch ihr Leben einmal ganz klein: als kleines Mädchen mit neugierigen Augen, geboren in eine Familie, die von Macht, Politik und Erwartungen geprägt war.

Flandern war damals reich und bedeutend. Händler brachten Stoffe, Gewürze und Geschichten aus anderen Ländern. Matilda erhielt für ein Mädchen ihrer Zeit eine ungewöhnlich gute Bildung. Wir können davon ausgehen, dass sie ein wenig lesen und schreiben lernte und politische Zusammenhänge verstand. Etwas, das damals längst nicht selbstverständlich war. Zu dieser Zeit beherrschten selbst viele Adlige diese Fähigkeiten nur ganz wenig, so dass sie Briefe usw an Schreiber diktierten und sie sich auch von ihnen vorlesen liessen.
Man sagte später, Matilda sei klug gewesen, stolz und willensstark.

Schon früh wurde über ihre Zukunft entschieden, wie es bei adeligen Töchtern üblich war. Ehen waren keine Liebesgeschichten, sondern Bündnisse. Trotzdem ranken sich bis heute Legenden um die Begegnung zwischen Matilda und Wilhelm dem Eroberer.
Wilhelm war damals Herzog der Normandie und galt als mächtig, aber auch gefürchtet. Weil er unehelich geboren worden war, nannten ihn manche spöttisch „Wilhelm der Bastard“.

Der Legende nach soll Matilda ihn zunächst abgelehnt haben. Manche Geschichten erzählen sogar, Wilhelm sei daraufhin voller Wut zu ihr geritten und habe sie grob behandelt. Ob das wirklich geschah, weiss niemand. Vieles aus dieser Zeit wurde später ausgeschmückt, verändert oder dramatisiert. Sicher ist nur: Die beiden heirateten ungefähr 1053 und ihre Ehe wurde bedeutender, als wohl irgendjemand damals ahnte.

Matilda und Wilhelm bekamen viele Kinder. Ihr Leben war geprägt von Reisen, politischen Spannungen und Verantwortung. Während Männer in Chroniken oft als Krieger beschrieben werden, verschwinden Frauen jener Zeit häufig zwischen den Zeilen. Doch bei Matilda spürt man, dass sie mehr war als nur „die Frau von Wilhelm“. Sie führte den Hof, verwaltete Besitztümer und übernahm Aufgaben, während ihr Mann Kriege führte.

Dann kam das Jahr 1066.
Wilhelm reiste mit seinen Männern über den Ärmelkanal und eroberte England. Die berühmte Normannische Eroberung Englands veränderte die Geschichte Europas für immer. Währenddessen blieb Matilda in der Normandie zurück und regierte dort stellvertretend. Allein das zeigt, wie sehr Wilhelm ihr vertraute. Eine Frau als Regentin war damals eigentlich ja fast undenkbar.

Später wurde Wilhelm zum König von England und Matilda wurde zur Königin von England gekrönt. Ich stelle mir vor, dass sie sie damals in schweren Gewändern aus Samt und Pelz in der kalten Kathedrale von Westminster stand, umgeben vom Rauch der Kerzen und den Stimmen lateinischer Gebete. Vielleicht dachte sie in diesem Moment an ihre Kindheit in Flandern zurück und daran, wie weit ihr Leben sie geführt hatte.

Mit ihrem Namen verbindet man bis heute den berühmten Teppich von Bayeux. Lange glaubte man, Matilda und ihre Hofdamen hätten ihn selbst gestickt. Heute weiss man, dass das wahrscheinlich nicht stimmt. Und trotzdem passt die Vorstellung irgendwie zu ihr: eine Frau, die mitten in den grossen Geschichten ihrer Zeit stand.
Sie gründete Klöster, unterstützte Kirchen und galt als fromm. Doch ich denke oft, dass hinter all diesen historischen Beschreibungen auch einfach ein Mensch war. Eine Frau, die Kinder bekam, Abschiede erlebte, Angst kannte und viel Verantwortung trug. Eine Frau, die in einer harten Zeit ihren Platz finden musste.

1083 starb Matilda in Caen. Sie war wahrscheinlich erst Anfang fünfzig. Wilhelm soll tief getroffen gewesen sein von ihrem Tod. Manche berichten, er habe sich nach ihrem Tod verändert und sei stiller und verbittert geworden. Vier Jahre später starb auch er.

Begraben wurde sie in der Abbaye aux Dames in Caen, einem Kloster, das sie selbst gegründet hatte.

Und vielleicht ist genau das das Berührende an ihrer Geschichte:
Dass sie fast tausend Jahre später noch immer nicht ganz verschwunden ist.
Zwischen alten Mauern, verblassten Teppichen und vergilbten Chroniken lebt noch etwas von ihr weiter. Ein bisschen mehr als nur die Erinnerung…

Matildas Grab in der Abbaye aux Dames in Caen

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Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.