
Ich finde ganz vieles am älter werden richtig super. Zum Beispiel, dass ich nicht mehr so sehr vom Urteil anderer abhängig bin. Dass das Bedürfnis, verstanden zu werden – meine Gedanken, meine Handlungen, mein Leben oder was auch immer – nicht mehr so gross ist. Der Wunsch ist aber natürlich nach wie vor da. Es ist schön, verstanden zu werden, aber ich muss sagen, es geht auch ohne. Der einzige Mensch, von der mir das tatsächlich uneingeschränkt sehr wichtig ist, dass sie mich versteht, das bin ich selbst. Und oft noch meine Tochter.
Das ist eigentlich recht befreiend.
Ich schreibe ja immer mal wieder davon, dass ich je älter ich werde, mehr Mühe bekomme mit dem Werten, Bewerten und oft ist es ja ein Abwerten von anderen Menschen. Vom Beurteilen von Situationen, die wir nicht oder nur halb kennen, Ich mag das nicht. Mir ist Abgrenzung wichtig und dies zum Wohl des Seelenfriedens aller Beteiligten. Und wenn mich doch etwas angeht, wenn ich mich interessiere(n soll, will, muss), dann ist es mir wichtig, nachzufragen und eigentlich halt auch wertzuschätzen, Verständnis zu zeigen – und Verständnis bedeutet ja keinesfalls Gutheissung, denn das sind wiederum zwei ganz verschiedene Paar Schuhe…
Manchmal, wenn ich mich jemandem beschreibe, sage ich, ich sei unsportlich und wenn ich aber darüber nachdenke, dann muss ich sagen, das stimmt eigentlich gar nicht.
Ich glaube, es mangelt mir nicht an Unsportlichkeit, sondern sehr stark an der Chance dafür, sportliche Aktivitäten auszuüben und dies ist tatsächlich keine Ausrede.
Was ich zB wahnsinnig gut beherrsche, ist der SPAGAT. Ich würde sogar behaupten, ich kann den aussergewöhnlich gut, fast elite-mässig. Ich bin sehr stretchig. Ja, wirklich. Jahrelang trainiert, jeden Tag, oft sogar täglich mehrere Male, bis er irgendwann fast schmerz- und anstrengungsfrei in meinem Alltag integriert war.
Der Spagat zwischen meinem Bedürfnis nach sozialen Kontakten, Abwechslung, mal weggehen, in die Ferien fahren, ein 0815-normales Leben führen, Ausflüge machen, spontan sein usw. und den Bedürfnissen meiner Tochter im Autismus Spektrum, für die solche Dinge wahnsinnig schwierig, energieraubend und vieles gar nicht oder nur sehr bedingt möglich sind. Das ist ein Spagat mit sehr weit gespreizten Beinen, es überdehnt oftmals ziemlich, muss ich sagen.
In der Mitte davon ist meine Verantwortung als Mutter.
Für das Wohlbefinden meiner Tochter, also zB genügend Rückzugsmöglichkeit sowie Zeit und Raum für Regeneration zu bieten, es ihr zu ermöglichen, ihre Bedürfnisse zu leben, sie nicht andauernd einer Überreizung und Überforderung auszusetzen, sie ernst zu nehmen in ihren Grenzen und Möglichkeiten, Zusammenbrüche aufzufangen bzw wenn. möglich, es präventiv gar nicht soweit kommen zu lassen, Unsicherheiten zu erklären, zusammen anzugehen, ihre Fähigkeiten und Ressourcen zu erkennen und auch zu fördern sowie auch ihre Grenzen und sie dabei zu begleiten, diese zum einen kennenzulernen und zum andern auszuprobieren, diese ein wenig auszuweiten, um Fortschritte und Entwicklung möglich zu machen, selbständig zu werden. Herauszufinden, zu welcher Spagat-Spannweite SIE fähig ist zwischen Anpassung / Masking und sich selber sein, um daran nicht kaputt zu gehen.
Da zu sein.
Die ganz normalen Aufgaben und Verantwortungen einer Mutter tragen, in meinem Fall alleinerziehend.
Der Spagat, (Zeit und Energie für) ein soziales Umfeld zu haben, obwohl meine Tochter das nicht gut kann, wenn man das so sagen darf. Ein soziales Umfeld für MICH, weil ich ja nicht austistisch bin und es brauche, damit es mir gut geht. Es ist übrigens nicht so, dass sie es nicht auch brauchen würde, aber das ist dann auch einer der vielen Spagate, die SIE auch macht. Als Mutter ist es auch meine Aufgabe, SIE darin zu unterstützen, soziale Kontakte überhaupt zu haben, zu pflegen, sie darin zu begleiten. Also zu Terminen, sie mitnehmen zu Besuchen oder Besuch empfangen, sie darauf vorbereiten, währenddessen begleiten, danach auffangen. Sie daran erinnern, whatsapp Nachrichten nicht unbeantwortet zu lassen, sich wieder mal zu melden usw., Gesagtes oder Handlungen anderer zu erklären und manchmal meine auch.
Der Spagat, arbeitstätig zu sein und dort zuverlässig, flexibel, voller Energie und fit und all das andere, oben genannte, nicht zu sehr oder gar nicht zu vernachlässigen. Einen guten Job zu machen, das ist mir mega wichtig. Und ebenso wichtig ist es mir, einen Job zu machen, den ich liebe und bei dem ich meine Erfahrung und mein Wissen, einbringen kann, mich auch entwickeln kann und einfach glücklich bin. Ich habe soooo ein Glück, dass ich das genau so habe.
Der Spagat, arbeitstätig und eine alleinerziehende Mutter eines Kindes Autismus Spektrum zu sein und zB den Haushalt nicht total zu vernachlässigen.
Der Spagat, mega vielseitig interessiert zu sein und nur für weniges Zeit zu haben, dies dann dafür aber von ganzem Herzen zu lieben und zu geniessen.
Der Spagat, das alles zu managen und trotzdem zB für die Schule möglichst gut erreichbar zu sein, falls mal etwas wäre oder Fragen auftauchen und auch für Termine wie Arzt, Zahnarzt, Gynäkologin oder was auch immer, genügend Zeit zu haben. Nicht zu vergessen Papierkram und Termine mit der IV, Krankenkasse und überall immer wieder kämpfen, dass wir zu unserem Recht kommen. Einsprachen machen, nachfragen, wehren, unzählige Formulare ausfüllen, Termine wahrnehmen.
Der Spagat, allem gerecht zu werden und dabei auch sich selber wenigstens so gut es geht, zB genügend zu schlafen oder eben, auch mal (ausser Spagat) noch richtigen Sport zu machen oder so.
Der Spagat, nicht 100% arbeiten bzw verdienen zu können, aber eigentlich 100% Ausgaben zu haben.
Der Spagat, immer mal wieder damit umzugehen, dass andere meine Erziehung oder meinen Umgang mit meiner Tochter als „schlechte Erziehung“ urteilen, weil sie Autismus nicht verstehen.
Der Spagat, mega belastbar zu sein und immer das Gefühl zu haben, andere sähen einen als nicht genügend belastbar.
Der Spagat, sehr eingebunden, leistungsfähig und engagiert zu sein von Morgen früh bis Abends spät und dann irgendwie abends zur Ruhe kommen zu können, um zu schlafen.
Ich finde eigentlich, dass der grösste Spagat der ist, dass es eine wahnsinnig wundervolle „Aufgabe“ ist, ein Kind in seiner Entwicklung begleiten zu dürfen und ich es tatsächlich sehr liebe. Gerade auch, wenn nicht alles gradlinig und so wie andere es normal finden, läuft. Das ist abwechslungsreich und spannend und etwas sehr, sehr wichtiges, denn so wie ich das jetzt mache, prägt dies das weitere Leben meiner Tochter. Und das ist nicht nur bei uns so, sondern das ist die Situation ALLER Eltern.
Den Spagat sehe ich darin, dass wir nach wie vor in einer Gesellschaft leben, in der diese Wichtigkeit nicht gewertschätzt wird und dass einem ganz oft statt Unterstützung Hindernisse angeboten werden. Dass Ausgrenzung immer noch einfacher und logischer ist als Inklusion und Teilhabe. DAS finde ich etwas sehr schwieriges und da mache ich mir auch immer wieder grosse Sorgen in Momenten, in denen ich etwas hadere, obwohl ich im grossen und ganzen tatsächlich sehr zuversichtlich bin. Also, dass ich nur etwas ganz Normales mache, nämlich mein Kind aufziehen und es obwohl ich alles daran liebe, manchmal soooooo anstrengend finde, weil man mit Spagat nicht so gut auch noch über Hindernisse springen kann…
Ach ja, und natürlich nicht zu vergessen der Spagat, das Gefühl zu haben herumzujammern, wenn ich davon erzähle und auch zu wissen, dass es Menschen gibt, die beim Zuhören von einigen meiner alltäglichen Situationen überfordert sind. Also sozusagen sind SIE überfordert von MEINEM Leben. Ja, klingt wie ein Scherz, hab ich tatsächlich schon oft erlebt. 😂
Ich kann ja nur von mir erzählen. Klar ist aber, dass es unzähligen Familien GENAU SO oder ähnlich geht wie uns. Das ist alles total normal.
Eigentlich meeeega geil, was man alles so unter einen Hut bringen kann! Da freu ich mich manchmal auch für mich selbst und über mich selbst. 😊
Ich habe mein Leben sehr gern, es könnte aber manchmal tatsächlich etwas entspannter sein. Ich mache einfach immer das Beste aus allem und I see the heart in everything und so geht das eigentlich ganz gut.
Das sind so meine heutigen Gedanken zum Samstag, dankbar für vieles was war, ist und noch kommen wird…


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