
Ich erinnere mich an einen Aufsatz, den wir in der Schulzeit mal schreiben mussten. Es ging um unser Haus / unsere Wohnung und wir mussten schreiben, auf welches Zimmer darin wir am ehesten verzichten könnten. Ein Junge aus der Klasse hat geschrieben „das Zimmer meines Bruders“ und ich fand das damals so überraschend clever. Offensichtlich soooo überraschend clever, dass ich mich Jahrzehnte später noch daran erinnern kann.
Auf Dinge von andern zu verzichten, ist einfach. Genau genommen ist das natürlich auch gar kein Verzichten.
Wir können gut auf den Frieden in Nahost verzichten (so lange es nur weit genug weg ist und uns nicht zu sehr einschränkt).
Wir können gut auf all die Väter, Mütter oder Kinder verzichten, die irgendwo auf der Welt im Krieg, unter Trümmern oder an Hunger sterben. Es sind ja nicht unsere.
Wir können gut auf den Urlaub von andern verzichten, Hauptsache wir haben unseren.
Wir können tip top auf gut ausgebildetes und auf genügend Personal im Gesundheits- und Sozialwesen verzichten, denn wir sind ja gesund, haben keine Beeinträchtigung und sind noch jung.
Auf Rampen bei Eingängen oder Aufzüge in Gebäuden können wir gut verzichten, denn wir benötigen sie nicht.
Andere Menschen können darauf aber nicht verzichten.
Wir leben in einem der sichersten Länder der Schweiz. Wir müssen eigentlich kaum Angst haben vor irgendwelchen Katastrophen oder Gefahren und falls doch etwas wäre, sind wir gut versichert. Abgesichert. Deswegen müssen wir uns die Frage gar nicht wirklich stellen, was denn wäre, wenn WIR mal Hilfe von andern bräuchten. Was wäre dann?
Ich mache mir diese Gedanken, wenn ich an Flüchtlinge denke zum Beispiel. Wenn wir flüchten müssten und ich würde mein Kind verlieren oder irgendwas. Ich wäre sehr, sehr dankbar, wenn ihr jemand helfen und sie in Sicherheit bringen würde.
Ich glaube, alle Eltern aus der ganzen Welt denken so. Abgrenzen ist gut, Mitgefühl haben kann man trotzdem und ich glaube, man kann ganz viel tun, um andern vieles etwas leichter zu machen ohne selbst auf viel verzichten zu müssen.


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