Wenn ein Leben zu Ende ist

Ich habe Jahre damit verbracht, bei jedem Tod nachzurechnen, wieviele Jahre länger als meine Mutter die aktuell verstorbene Person leben durfte. 20 Jahre? 30 Jahre? Sogar 40 Jahre?

Ich verstehe Trauer. Aus tiefstem Herzen. Das sind Gefühle, die ich nie mehr in meinem Leben vergessen werde. Gefühle, die ich niemandem wünsche. Und auch Gefühle, die ich eigentlich nie wieder erleben will. Doch ich weiss, dass ich das werde. Irgendwann. Und ihr auch. Leider.

Auf den ersten Blick fallen mir zwei Dinge ein, die ich jedoch nicht verstehe in diesem Zusammenhang.

Wenn eine berühmte Person stirbt… Ein Sänger, eine Schauspielerin oder halt einfach eine Person des öffentlichen Lebens. Dann schreit die Menschheit auf, seufzt sehr laut und bemitleidet sich um diesen ach so grossen Verlust. Und dann rege ich mich auf. Denn ganz bestimmt ist dieser Tod für irgendwelche Menschen ein grosser Verlust. Nämlich für die Angehörigen und Freunde dieser Person.
Vielleicht verstehe ich das einfach nicht gut genug und ich möchte auch niemanden angreifen oder verletzen, aber um ehrlich zu sein, wen oder was vermissen WIR den schon? Dass diese Person neue Filme oder neue Musik produziert? Dass wir in der Klatschpresse von ihr lesen, ihre Fotos sehen? Mehr ja nicht, denn wir kennen sie nicht. Uns wird es nicht fehlen, mit ihr zu sprechen, mit ihr etwas zu unternehmen usw… Wir sind nur schockiert über diesen Tod und schon in ein paar Tagen widmen wir unsere Aufmerksamkeit etwas anderem.
Natürlich finde ich solche Todesfälle auch traurig oder schade oder tragisch, je nachdem. Aber tief berühren tut mich das eigentlich nicht und ich bin ganz bestimmt nicht oberflächlich. Wohl in diesem Fall eher einfach realistisch.

Das zweite, das ich nicht so richtig verstehe ist, dass Leute von „viel zu früh“ sprechen, wenn über 80- oder 90Jährige sterben. Natürlich weiss ich, dass es einem immer zu früh vorkommt, wenn jemand stirbt, weil man ja möchte, dass sie überhaupt nie sterben. Und doch finde ich, dass man einfach auch vernünftig sein muss. Wenn jemand 40 oder 50 ist oder sogar auch 70, dann ist das wirklich zu früh, zu jung zum Sterben. Trotzdem passiert es. Oder Kinder, Jugendliche, junge Leute. Das versteht man nicht, so ein Tod erscheint uns sinnlos und grausam. Eine Tragödie! Da werden Menschen einfach viel zu früh aus dem Leben gerissen, ohne die Chance gehabt zu haben, ihr Leben zu Ende zu leben. Sie hinterlassen uns traurig und voller Unverständnis, ohne Erklärungen, ohne Antworten.
Wenn aber jemand alt ist, hat er sein Leben gelebt und es ist einfach Zeit, zu gehen. Wir wissen, dass unser Leben begrenzt ist. Wir kennen so ungefähr die Lebenserwartung eines Menschen. Niemand wird 150 Jahre alt… Wenn jemand über 80 Jahre alt ist wissen wir, dass er vielleicht noch 10 Jahre, vielleicht weniger, vielleicht aber auch mehr, wenn er Glück hat, leben darf. Das ist einfach realistisch.

Das ändert jedoch nichts an der Traurigkeit eines Todes. Gar nichts. Und das ist mir vollkommen bewusst. Aber ich glaube, es ändert etwas im Verständnis. Der Tod eines alten Menschen löst bestimmt nicht all die „Warum“-Fragen auf wie der Tod einer jungen Person.
Ich verstehe, dass es zu früh ist für die Menschen, die einen anderen Menschen nicht loslassen und verlieren möchten, ja. Total.

Und trotzdem ist es der Lauf der Zeit…

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