Ida, 1890

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Ida war zwölf Jahre alt und lebte mit ihren Eltern und ihren beiden jüngeren Brüdern auf einem kleinen Bauernhof im luzernischen Entlebuch. Das Haus war alt, die Zimmer niedrig und im Winter pfiff der Wind durch die Ritzen der Fensterläden. Die Familie besass ein paar Kühe, zwei Schweine, Hühner und einen Gemüsegarten. Reich war die Familie nicht, aber sie hatte bisher immer genug zum Leben gehabt.

Früher war Ida ein lebhaftes Mädchen gewesen. Sie hatte beim Melken geholfen, die Eier eingesammelt, Unkraut gejätet und im Herbst Kartoffeln aufgelesen. Sie war schnell gewesen, schneller als ihre Brüder und hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als eines Tages ein eigenes Pferd zu besitzen.
Doch seit drei Jahren konnte Ida nicht mehr gehen.

Es war an einem Augustnachmittag geschehen. Ida hatte ihrem Vater geholfen, Heu einzubringen. Sie sass oben auf dem beladenen Wagen, als die Pferde plötzlich scheuten. Der Wagen machte einen Ruck, Ida verlor das Gleichgewicht und stürzte rückwärts auf den harten Boden.
Zuerst hatte sie nicht einmal geweint. Sie erinnerte sich nur daran, dass sie auf dem Rücken lag und den Himmel betrachtete. Ihr Vater hatte sie hochheben wollen, doch Ida hatte geschrien, weil ihr Rücken so fürchterlich schmerzte.

Der herbeigerufene Arzt hatte eine schwere Verletzung der Wirbelsäule vermutet. Er konnte wenig für sie tun. Wochenlang lag Ida im Bett. Ihre Mutter wusch sie, wechselte die Leintücher und half ihr bei allem, was sie nicht selbst verrichten konnte. Manchmal hatte Ida Fieber und oft weinte sie vor Schmerzen. Einmal war sie so krank gewesen, dass ihre Eltern glaubten, sie würde den nächsten Morgen nicht erleben.

Doch Ida überlebte. Die Schmerzen wurden weniger, die Wunden heilten, und irgendwann konnte sie wieder aufrecht sitzen. Ihre Arme und Hände waren kräftig geblieben und sie spürte ihre Beine noch, wenn auch nicht überall gleich gut. Manchmal konnte sie einen Fuss ein wenig bewegen, aber stehen konnte sie nicht. Sobald sie versuchte, Gewicht auf ihre Beine zu verlagern, gaben diese nach.
Der Arzt hatte ihren Eltern erklärt, dass sich daran wahrscheinlich nichts mehr ändern würde. Ihre Mutter hatte damals geweint, der Vater hatte lange geschwiegen.

Drei Jahre später war Ida ein schmales Mädchen mit dunklen Zöpfen und wachen Augen. Sie sass tagsüber meistens in einem gepolsterten Holzstuhl, den ihr Vater eigens für sie hatte anfertigen lassen. Zwei kleine Räder waren daran befestigt, sodass man sie wenigstens innerhalb des Hauses und auf dem ebenen Vorplatz bewegen konnte.
Doch allein kam Ida damit kaum vorwärts. Die Türschwellen waren hoch, der Hofplatz uneben und der Weg zur Strasse führte über festgetretene Erde und lose Steine. Wenn Ida nach draussen wollte, musste jemand ihr helfen.

Am meisten vermisste sie die Schule. Vor ihrem Unfall hatte sie die Dorfschule besucht. Sie hatte gerne gelesen und gerechnet und ihr Lehrer Herr Lötscher hatte einmal gesagt, dass sie einen besonders guten Kopf habe. Doch nach dem Unfall war sie nicht mehr hingegangen.
Niemand hatte ihr ausdrücklich verboten, die Schule zu besuchen. Es war einfach nicht möglich gewesen, sie jeden Morgen den langen Weg hinzubringen, die Stufen zum Schulzimmer hinaufzutragen und am Mittag wieder abzuholen.
Ihre Eltern hatten dafür keine Zeit. Der Vater arbeitete von früh bis spät und die Mutter hatte neben dem Haushalt und den Kindern nun auch noch Idas Pflege übernommen.

Manchmal brachte der Lehrer ihr ein altes Schulbuch vorbei. Gelegentlich durfte sie die Aufgaben ihrer Brüder mitlesen, aber regelmässigen Unterricht erhielt sie nicht. Dabei hätte Ida so gerne weitergelernt.

Die Familie hatte sich nach dem Unfall verändern müssen. Früher hatte Ida viele kleine Arbeiten übernommen, die nun an ihrer Mutter hängen blieben. Sie konnte kein Wasser mehr holen, nicht mehr im Garten arbeiten und auch nicht mehr die Hühner versorgen. Ihre Brüder waren noch jung und brauchten selbst viel Anleitung.
Die Mutter stand oft vor Tagesanbruch auf. Sie versorgte die Kinder, heizte den Herd ein, bereitete das Frühstück zu und half ihrem Mann im Stall. Dazwischen musste sie Ida beim Waschen, Anziehen und beim Gang auf den Nachtstuhl helfen.
Ihr Rücken schmerzte vom vielen Heben.

Sie liebte ihre Tochter, daran bestand kein Zweifel. Aber es gab Tage, an denen sie so müde war, dass sie kaum noch sprechen mochte. Einmal hatte Ida gehört, wie ihre Eltern abends in der Küche miteinander redeten.
«Wenn sie nur wieder ein bisschen auf die Beine käme» hatte ihr Vater gesagt. «Sie könnte uns so viel helfen.»
Ihre Mutter hatte geantwortet: «Sie hilft doch, so gut sie kann.»
«Ich weiss. Aber du weisst auch, was ich meine.»

Ida hatte sich damals die Decke über den Kopf gezogen. Sie wusste sehr wohl, was ihr Vater meinte. Auf einem Bauernhof musste jeder mithelfe, selbst kleine Kinder hatten ihre Aufgaben. Ida war nun zwölf Jahre alt, sass auf ihrem Stuhl und brauchte manchmal mehr Hilfe, als sie geben konnte.
Sie wollte niemandem zur Last fallen. Deshalb hatte sie begonnen, sich eigene Arbeiten zu suchen. Ihre Mutter hatte ihr das Nähen beigebracht. Zuerst waren es einfache Säume gewesen, dann das Flicken von Strümpfen und Hemden. Inzwischen konnte Ida beinahe alles ausbessern, was im Haushalt anfiel. Sie nähte Knöpfe an, stopfte Löcher und fertigte aus Stoffresten kleine Beutel.
Auch beim Rüsten von Gemüse half sie. Ihre Mutter stellte ihr eine Schüssel auf den Tisch und Ida schälte flink Kartoffeln, putzte Bohnen oder sortierte die Äpfel, die im Herbst eingelagert wurden.
Sie konnte die Eier zählen, die Vorräte notieren und ausrechnen, wie viel Geld ihre Mutter am Markt eingenommen hatte. Das machte sie besonders gerne.

Immer donnerstags fuhr ihre Mutter mit dem kleinen Wagen nach Willisau ins Städtli. Dort verkaufte sie, was auf dem Hof übrig blieb: Gemüse, Eier, gelegentlich Äpfel und manchmal ein paar Laibe selbst gebackenes Brot.
Früher hatte Ida ihre Mutter oft begleitet. Seit dem Unfall war das selten geworden. Doch an einem Kilbi-Montag im Oktober hatte Ida so lange gebettelt, bis ihre Mutter schliesslich nachgab. Sie durfte mit an den grossen Markt in Willisau. Ihr Vater hob sie auf den Wagen und setzte sie auf einen mit Decken gepolsterten Platz. Ida klammerte sich an die Seitenwand, während das Pferd langsam losging.

Jeder Stein auf dem Weg liess den Wagen holpern. Manchmal schmerzte ihr Rücken, trotzdem war Ida glücklich. Sie sah die Felder, die Bauernhäuser und die Menschen, die ihnen entgegenkamen. Sie roch das feuchte Gras und den Rauch aus den Kaminen. Es war, als würde die Welt, die sie sonst nur vom Fenster aus betrachtete, plötzlich wieder ein Stück grösser.

Auf dem Markt half sie ihrer Mutter, die Eier zu zählen und die Münzen entgegenzunehmen. Manche Leute kannten Ida noch von früher.
«Ach, das arme Mädchen» sagte eine Frau und betrachtete ihre Beine. «Kannst du denn immer noch nicht laufen?»
Ida schüttelte den Kopf.
«Du musst halt ganz fest beten» meinte die Frau. «Vielleicht hilft der liebe Gott.»
Ida sagte nichts. Sie hatte schon sooooo oft gebetet.
Eine andere Frau beugte sich zu ihrer Mutter und fragte, während Ida direkt daneben sass: «Versteht sie denn alles noch richtig?»
Ihre Mutter richtete sich auf. «Natürlich versteht sie alles. Sie kann nur nicht gehen.»
Ida wurde rot. Aber nicht vor Scham über ihre Behinderung, sondern vor Ärger.

Später sagte sie zu ihrer Mutter: «Die Leute meinen wohl, wenn die Beine nicht gehen, geht der Kopf auch nicht mehr.»
Ihre Mutter musste lachen.
«Manche Leute denken eben nicht besonders weit.»
«Dann sollten sie vielleicht einmal ihren eigenen Kopf untersuchen lassen» antwortete Ida.
Ihre Mutter lachte noch mehr.

Doch nicht alle Menschen waren unfreundlich oder ungeschickt. Der Bäcker Moritz Amrein, der seinen Laden gleich neben ihrem kleinen Marktstand hatte, gab ihr eines seiner Willisauer Ringli zum probieren. Es war süss und lecker und ganz hart. Das muss aber so sein, erklärte er ihr.
Frau Stutz vom Krämerladen beim Obertor schenkte ihr manchmal ein Stück Kandiszucker.
Die alte Frau Bucher, die am Markt Kräuter verkaufte, brachte Ida manchmal einen Anschnitt ihres Birnenbrotes.
Ein Junge aus dem Nachbardorf, der mit seinem Vater Käse verkaufte, setzte sich in den ruhigen Stunden zu ihr und erzählte ihr Geschichten.
Ida freute sich, als eine Kundin eines Tages einen kleinen Stoffbeutel, den sie selbst genäht hatte, kaufte.
«Hast du den gemacht?» fragte sie.
Ida nickte.
«Dann möchte ich nächste Woche zwei davon.»

An diesem Abend sass Ida lange am Küchentisch und nähte. Sie war müde und trotzdem überglücklich. Das war ein ereignisreicher Tag! Ihre Mutter stellte ihr eine Kerze hin, obwohl sie mit dem Licht sparsam umgehen mussten.
In den folgenden Wochen fertigte Ida weitere Beutel, einfache Schürzen und kleine Nadelkissen an. Nicht alles liess sich verkaufen. Manche Leute hatten selbst kaum Geld und Stoff war kostbar. Doch gelegentlich brachte ihre Mutter etwas von Idas Arbeiten auf den Markt mit.

Es war nicht viel, aber Ida freute sich über jeden Rappen. Sie bewahrte ihre Münzen in einer kleinen Holzdose auf. Sie musste eine ganze Weile sparen, bis sie die 3 Franken für ein Buch zusammen hatte. Am liebsten würde sie die Geschichte von Heidi lesen, von der der Lehrer mal erzählt hatte. Dort kam nämlich auch ein Mädchen vor, das nicht gehen konnte.

Als ihre Mutter wieder auf den Markt nach Willisau fuhr, fragte sie bei Konrad Kneubühler nach, der im Städtli eine Druckerei betrieb und früher auch als Buchbinder gearbeitet hatte. Das Buch hatte er nicht vorrätig. Aber er versprach, sich zu erkundigen, ob er es beschaffen könne.

Einige Wochen später brachte Idas Mutter ein kleines, in Papier eingeschlagenes Päckchen mit nach Hause. Darin lag «Heidis Lehr- und Wanderjahre» von Johanna Spyri. Ida strich vorsichtig über den Einband. Noch nie hatte sie ein so schönes Buch besessen. Und dieses gehörte ganz allein ihr.

Im Dorf hatte sich inzwischen jeder an Idas Zustand gewöhnt. Manche besuchten sie regelmässig, andere kamen nur selten vorbei. Es gab Kinder, die sie selbstverständlich in ihre Spiele einbezogen, wenn diese am Tisch oder im Hof stattfinden konnten. Es gab solche, die sie nachäfften oder ihr nachriefen: «Lahme Ida! Lahme Ida!», während sie mit steifen Beinen über die Strasse humpelten. Ida tat dann so, als würde sie nichts hören. Aber manchmal dachte sie noch am Abend daran, wenn sie längst wieder zu Hause war.
Besonders schlimm fand Ida aber das Mitleid. Sie konnte es nicht mehr hören, wenn jemand sagte, wie traurig ihr Leben doch sei.

Natürlich war sie manchmal traurig. Sie vermisste das Rennen, das Klettern, das Tanzen. Sie vermisste es, einfach aufzustehen und irgendwohin zu gehen, ohne vorher jemanden bitten zu müssen. Manchmal hasste sie ihren Stuhl so sehr, dass sie am liebsten dagegengetreten hätte, was natürlich nicht ging. Dann wurde sie noch wütender.
Dann half es ihr, in ihrem Heidi-Buch über Klara zu lesen.

Es gab auch schöne Tage. Tage, an denen sie mit ihren Brüdern Karten spielte, mit ihrer Mutter lachte oder stundenlang in einem Buch las und dabei alles um sich herum vergass.

Eines Abends fragte Ida ihren Vater, ob er ihr einen besseren Stuhl bauen könnte. Einen mit grösseren Rädern, die sie selbst mit den Händen bewegen konnte. Ihr Vater betrachtete die Zeichnung, die sie angefertigt hatte.
«Das ist nicht so einfach» sagte er.
«Ich weiss.»
«Und billig wird es auch nicht.»
«Ich habe etwas Geld gespart.»
Er sah sie an. «Wie viel?»

Ida holte ihre Holzdose. Ihr Vater zählte die Münzen und lächelte ein wenig. «8 Franken 35. Das reicht noch nicht. Aber ich werde mit dem Wagner sprechen. Vielleicht fällt uns etwas ein.»

Ida wusste, dass ihr Vater nichts versprochen hatte. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, dass jemand mit ihr über ihre Zukunft sprach und nicht nur darüber, was sie alles nicht mehr konnte.
Später, als die Kinder schliefen, sass ihre Mutter noch am Küchentisch. Sie machte sich Sorgen. Nicht nur um Idas Gesundheit. Sie dachte auch daran, was einmal aus ihrer Tochter werden sollte. Wer würde sich um sie kümmern, wenn sie und ihr Mann alt waren? Würden die Brüder sie aufnehmen? Würde Ida jemals genug verdienen können, um wenigstens einen Teil ihres Lebensunterhalts selbst zu bestreiten?
Eine staatliche Invalidenversicherung gab es nicht. Wenn die Familie eines Tages nicht mehr für Ida sorgen konnte, würde sie möglicherweise auf Verwandte oder die Armenfürsorge angewiesen sein. Darüber sprach die Mutter mit ihrer Tochter nicht. Noch nicht. Ida war schliesslich erst zwölf Jahre alt.

Aber Ida dachte selbst längst über ihre Zukunft nach. Sie wollte nicht ihr ganzes Leben am Fenster sitzen. Sie wollte Bücher lesen, Dinge lernen und vielleicht einmal mit ihrer Näharbeit Geld verdienen. Sie wollte weiterhin auf den Markt fahren und Menschen kennenlernen.
Vielleicht würde sie eines Tages sogar einen Brief an eine Zeitung schreiben. Sie wusste noch nicht, worüber. Aber sie wusste, dass sie etwas zu sagen hatte.

An einem kühlen Oktobermorgen sass Ida vor dem Haus. Ihr Vater hatte ihren Stuhl über die Schwelle gehoben, und ihre Mutter hatte ihr eine warme Decke über die Beine gelegt. Auf der Strasse gingen die Kinder zur Schule. Ida hörte ihr Lachen und sah ihnen nach. Dann nahm sie ihr Buch zur Hand.
Sie war zwölf Jahre alt. Sie konnte nicht gehen, sie brauchte Hilfe bei Dingen, die andere Menschen ganz selbstverständlich allein erledigten. Ihr Leben war schwieriger geworden und niemand konnte ihr versprechen, dass es eines Tages leichter sein würde. Aber Ida war nicht nur das Mädchen, das vom Heuwagen gefallen war. Sie war ein Mädchen, das gerne rechnete, das wunderbar nähen konnte, das manchmal freche Antworten gab und das sich mehr Bücher wünschte, als ihre Eltern bezahlen konnten.
Und während die anderen Kinder längst im Schulzimmer sassen, schlug Ida die nächste Seite auf…

3 Antworten zu „Ida, 1890“

  1. Du schreibst schön.

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Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.