
Geht es dir manchmal auch so, dass du ein altes Foto siehst und es dich dann mega interessiert, wer diese Person war und sogar darüber hinaus, wie ihr Leben so war? Ich finde das etwas ganz Spannendes und ich finde sowieso, dass besonders Frauengeschichten zuwenig Raum einnahmen neben Männergeschichten. Deswegen erzähle ich einige davon.
Bei Fawzia Fuad ging es mir genauso.
Vielleicht liegt es an ihrem Gesicht. An dieser beinahe zeitlosen Schönheit, wegen der sie später mit Hollywoodstars wie Hedy Lamarr und Vivien Leigh verglichen wurde. Vielleicht aber auch an ihrem Blick, der auf vielen Bildern erstaunlich ernst und distanziert wirkt.
Hinter diesen Fotografien verbirgt sich jedenfalls eine Geschichte, die sehr viel weniger märchenhaft war, als die Bilder vermuten lassen.
Fawzia wurde am 5. November 1921 im Ras-el-Tin-Palast in Alexandria geboren. Ihr Vater war König Fuad I. von Ägypten, ihre Mutter Königin Nazli Sabri. Ihr älterer Bruder Faruq bestieg 1936 den ägyptischen Thron.
Fawzia wuchs also in einer Welt auf, die wir heute fast nur noch aus historischen Filmen kennen: Paläste, Bedienstete, Empfänge, Schmuck, Staatsbankette und strenge höfische Regeln.
Und doch konnte selbst eine Prinzessin über eine der wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens kaum selbst bestimmen.
1938 wurde beschlossen, dass Fawzia den iranischen Kronprinzen Mohammad Reza Pahlavi heiraten sollte. Wie du vermutlich ahnst, ging es dabei keinesweg um Liebe.
Im Gegenteil. Die Verbindung sollte zwei Königshäuser und zwei wichtige Länder des Nahen Ostens näher zusammenbringen. Für die noch junge iranische Pahlavi-Dynastie bedeutete eine Verbindung mit dem traditionsreichen ägyptischen Königshaus zusätzliches Prestige. Ägypten wiederum erhoffte sich stärkeren politischen Einfluss und engere Beziehungen zu Iran.
Fawzia war gerade einmal 17 Jahre alt, als sie Mohammad Reza am 15. März 1939 im Abdeen-Palast in Kairo heiratete. Ihr Bräutigam war 19.
Besonders bemerkenswert finde ich dabei: Die beiden kannten sich praktisch nicht. Berichten zufolge hatten sie sich vor ihrer Hochzeit lediglich einmal gesehen. Ich glaube, das war nicht ungewöhnlich.
Aus zwei jungen Menschen wurde damit ein königliches Paar, das gleichzeitig politische Erwartungen zweier Staaten erfüllen sollte.
Sogar Fawzias Staatsangehörigkeit wurde zur Staatsangelegenheit. Die iranische Verfassung verlangte für einen zukünftigen Thronfolger eine iranische Mutter. Deshalb erhielt Fawzia 1939 die iranische Staatsangehörigkeit. Die Frage, welche Nationalität ein 17jähriges Mädchen hatte, war plötzlich entscheidend für die Zukunft einer Dynastie.
1940 kam die gemeinsame Tochter Shahnaz Pahlavi zur Welt.
Ein Jahr später änderte sich Fawzias Leben erneut dramatisch. 1941 musste Reza Schah, ihr Schwiegervater, abdanken. Sein Sohn Mohammad Reza bestieg mit gerade einmal 21 Jahren den iranischen Thron. Damit wurde Fawzia Königin von Iran.
Nach aussen sah alles vollkommen aus. Eine wunderschöne junge Königin, ein junger Schah, ein Kind, Paläste und eine Zukunft an der Spitze eines Landes.
1942 erschien Fawzia sogar auf dem Titelblatt des amerikanischen Life Magazine, fotografiert vom berühmten britischen Fotografen Cecil Beaton. Ihre Schönheit machte sie international bekannt. Aber Fotografien erzählen eben nur die Hälfte einer Geschichte.
Fawzia fühlte sich in Iran offenbar zunehmend unglücklich. Sie war weit entfernt von ihrer Familie und ihrer ägyptischen Heimat, sprach zunächst kaum Persisch und fand nur schwer Zugang zum iranischen Hof. Auch das Verhältnis innerhalb der Familie ihres Mannes war problematisch.
Hinzu kam etwas, das in einer königlichen Ehe damals von enormer Bedeutung war: Fawzia hatte eine Tochter geboren – aber keinen männlichen Thronfolger.
Die politische Ehe, die zwei Dynastien miteinander verbinden sollte, begann auseinanderzufallen.
1945 verliess Fawzia Iran und kehrte nach Ägypten zurück. Die endgültige Scheidung wurde 1948 anerkannt. Eine besonders schmerzhafte Konsequenz war, dass ihre Tochter Shahnaz in Iran blieb.
Fawzia war gerade einmal 27 Jahre alt. Ihr Leben als Königin war vorbei.
Das ist nun vielleicht der Teil ihrer Geschichte, den ich fast am schönsten finde. Denn Fawzias Leben endete nicht mit der gescheiterten königlichen Ehe. 1949 heiratete sie erneut. Ihr zweiter Ehemann war Ismail Chirine, ein ägyptischer Diplomat und späterer Politiker. Mit ihm bekam sie zwei weitere Kinder, Nadia und Hussein. Die beiden blieben bis zu Chirines Tod 1994 verheiratet.
Diesmal war Fawzia keine junge Frau, die als Verbindung zwischen zwei Dynastien ausgesucht worden war. Und vielleicht war gerade das ihr eigentliches Glück.
Dann holte die Geschichte sie allerdings noch einmal ein. 1952 wurde ihr Bruder König Faruq durch die ägyptische Revolution gestürzt. Die Monarchie, in die Fawzia hineingeboren worden war, verschwand.
Aus der ägyptischen Prinzessin und ehemaligen Königin von Iran wurde eine Privatperson.
Erstaunlicherweise blieb sie in Ägypten. Sie verbrachte einen grossen Teil ihres späteren Lebens in Alexandria und hielt sich weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Sie schrieb keine Memoiren und erzählte der Welt nie ausführlich ihre eigene Version jener Jahre am iranischen Hof.
Vielleicht macht gerade dieses Schweigen sie bis heute ein wenig geheimnisvoll.
Fawzia Fuad starb am 2. Juli 2013 in Alexandria. Sie wurde 91 Jahre alt.

Wenn ich heute ihre Fotografien anschaue, sehe ich deshalb nicht nur diese aussergewöhnlich schöne Frau. Ich sehe ein junges Mädchen, dessen Hochzeit Staatsangelegenheit war.
Eine 17Jährige, die einen Mann heiratete, den sie kaum kannte.
Eine ägyptische Prinzessin, die ihre Heimat verliess und Königin eines anderen Landes wurde.
Eine Mutter, die bei ihrer Rückkehr nach Ägypten ihre Tochter zurücklassen musste.
Und schliesslich eine Frau, die nach all dem noch mehr als sechs Jahrzehnte weiterlebte.
Fawzia erlebte das Ende der ägyptischen Monarchie. Sie erlebte Jahrzehnte später auch den Sturz der Pahlavi-Dynastie ihres ersten Mannes während der iranischen Revolution von 1979.
Zwei Königshäuser hatten ihre Ehe einst miteinander verbinden sollen. Am Ende überlebte Fawzia beide Monarchien.
Hinter all den wunderschönen Schwarz-Weiss-Fotografien stand eine Frau, deren Leben viel bedeutender war als das Märchen, das diese Bilder auf den ersten Blick erzählen…


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