
Es war ein schöner Sommermorgen. Warm, aber noch nicht zu heiss, wie es in den letzten so oft war.
Die Menschen-Mama kam zum Gehege. Arja bemerkte sie sofort. Wie immer lief sie zu ihr hin. Sie stellte sich an den Rand des Geheges, streckte neugierig die Nase nach oben und liess sich über den Kopf und am Kinn von ihr streicheln.
Louie beobachtete das aus sicherer Entfernung. Er verstand Arja manchmal wirklich nicht. Menschen waren riesig. Wirklich riesig. Und diese Hände erst! Trotzdem stand Arja einfach da und liess sich anfassen, als wäre das das Normalste auf der Welt.
„Hallo, kleine Arja“ sagte die Menschen-Mama und kraulte Arja hinter dem Ohr. „Soooo ein liebes Meerschweinchen!“
Arja schloss zufrieden die Augen. Doch dann veränderte sich etwas. Die Hände der Menschen-Mama bewegten sich ein kleines bisschen anders. Arja öffnete die Augen. Oh!! Sie kannte diesen Blick. Die Menschen-Mama wollte sie hochheben.
Streicheln war eine Sache. Hochgehoben werden, eine ganz andere. Arja drehte sich um und lief davon so schnell sie konnte.
„Arja!“ sagte die Menschen-Mama lachend. „Jetzt komm schon.“ Arja dachte nicht im Traum daran.
Einmal um das Häuschen herum.
Zum nächsten Häuschen.
Unter der Brücke hindurch.
Hinter der Menschen-Mama vorbei.
Noch einmal zurück.
Louie schaute begeistert zu. Das wurde ja plötzlich interessant. Schliesslich war die Menschen-Mama doch schneller. Sie nahm Arja vorsichtig hoch und setzte sie auf ihren Schoss.
Louie erstarrte. Sie hatte Arja gefangen! OMG!!! Er duckte sich ein wenig und schaute aus sicherer Entfernung zu.
Die Menschenmama schaute Arjas Augen an. Dann ihre Ohren. Sie strich vorsichtig durch ihr langes weisses Fell, schaute nach den Pfötchen und fühlte ganz sanft über ihren kleinen Körper. Dann setzte sie Arja auf die Waage und sagte 1020 Gramm.
„Alles bestens“ sagte sie zufrieden und schon sass Arja wieder im Gehege.
Louie lief sofort zu ihr. „Was hat sie mit dir gemacht?“
„Mich angeschaut.“
„Angeschaut?“
„Ja.“
„Warum?“
Arja zuckte mit den Ohren. „Weil Menschen-Mamas manchmal wissen wollen, ob es uns gut geht.“
Louie dachte darüber nach. Das klang eigentlich gar nicht so schlimm.
Dann sah er die Menschen-Mama.
Und die Menschen-Mama sah ihn.
Oh nein! Louie drehte sich um und rannte.
„Louie!“ rief die Menschen-Mama.
Louie verschwand im ersten Häuschen. Eine Hand kam näher. Louie schoss auf der anderen Seite wieder hinaus.Unter die Brücke!
Hinter den Tunnel!
Ins nächste Häuschen!
Wieder hinaus!
Die Menschen-Mama versuchte es von links.
Louie rannte nach rechts.
Sie versuchte es von rechts.
Louie rannte nach links.
Er war so klein und schnell wie der Blitz! Spass war das ganz und gar nicht, nein. Er hatte Angst!
Arja sass mitten im Gehege und beobachtete das Ganze.
„Louie“ sagte sie irgendwann „du machst es nur schlimmer.“
„ICH RETTE MEIN LEBEN!“ rief Louie und verschwand wieder in einem Häuschen.
Die Menschen-Mama seufzte.
Louie rannte.
Die Menschen-Mama wartete.
Louie steckte vorsichtig die Nase aus dem Häuschen. Sie war noch da. Er zog die Nase wieder zurück und verzog sich in die hinterste Ecke.
Eine Weile geschah gar nichts. Vielleicht hatte sie aufgegeben. Ganz langsam kam Louie hervor. Ein Schritt. Noch einer… Und plötzlich waren da zwei Hände.
„Hab dich!“
Louie glaubte, sein kleines Herz müsse ihm aus der Brust springen. Es klopfte wie verrückt.
Er sass ganz still in den Händen der Menschen-Mama und wusste nicht, was jetzt passieren würde. Doch nichts Schreckliches geschah Die Menschen-Mama hielt ihn ganz vorsichtig.
„Du kleiner Wirbelwind“ sagte sie leise. „Wie süss du bist, kleiner Louie.“
Sie schaute seine Augen an.
Seine Ohren.
Sein Fell.
Seine Pfötchen.
Dann strich sie ihm ganz sanft über den Rücken und setzte ihn auch auf die Waage. „630 Gramm.“
„Alles gut bei dir, du bist ein gesunder, kleiner Junge.“
Und ehe Louie überhaupt verstanden hatte, was passiert war, spürte er wieder Boden unter den Füssen. Er war zurück im Gehege.
Sofort rannte er zu Arja.
„Das war’s?“
„Das war’s.“
„Sie wollte mich nur anschauen?“
„Das habe ich dir doch gesagt. Es ist nicht schlimm. Das Einfangen mag ich aber auch nicht und ich renne auch jedesmal davon.“
Louie setzte sich neben sie. Sein Herz klopfte immer noch ein bisschen schneller als sonst. Dann kam die Menschen-Mama noch einmal.
Louie wollte gerade davonrennen. Doch diesmal hielt sie nur etwas Grünes in der Hand. Gurke.
Arja bekam ein Stück und auch Louie bekam ein Stück. Louie biss hinein und kaute. Dann schaute er zur Menschen-Mama.
Vielleicht waren diese grossen Hände doch nicht ganz so gefährlich. (Vor allem, wenn danach Gurke kam.)
Arja knabberte zufrieden an ihrem Stück.
„Siehst du?“ Louie kaute.
„Trotzdem renne ich nächstes Mal wieder.“
Arja sah ihn an. „Das dachte ich mir. Ich auch.“
Beide musste lachen und quieken, so lustig fanden sie das.
ENDE.


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