
Ianfu… ein japanisches Wort, das ja eher weich und harmonisch klingt. Wenn man die Sprache nicht kennt, hat man keine Ahnung, welch furchtbare Geschichte und auch was für grausame Schicksale dahinterstecken.
Ich erzähle es dir.
Ianfu bedeutet im Japanischen wörtlich übersetzt „Trostfrau“.
Eine Bezeichnung, die eigentlich nach Wärme und Fürsorge klingt…
Sollte man meinen…
Doch hinter diesem Wort liegt kein Trost und auch nichts Gutes. Nur Schweigen und sehr viel Leid.
Während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges ab 1937 und später im Zweiten Weltkrieg errichtete das japanische Kaiserreich in den von ihm besetzten Gebieten sogenannte „Troststationen“. Militärbordelle, organisiert oder zumindest geduldet durch militärische Strenge und Bürokratie.
Dorthin kamen Frauen und Mädchen. Ja, viele waren Kinder. Viele von ihnen aus Korea, damals eine japanische Kolonie. Andere aus China, den Philippinen, Indonesien, Taiwan oder weiteren Teilen Südostasiens. Manche wurden mit Versprechen gelockt… Arbeit als Näherin, als Köchin, als Helferin. Andere wurden direkt verschleppt und wieder andere standen unter massivem Druck lokaler Behörden.
Die grosse Mehrheit der soganennaten Trostfrauen wurde tatsächlich aus andern Ländern verschleppt oder unter Zwang rekrutiert. Aus Gebieten, die damals vom japanischen Kaiserreich besetzt und kontrolliert waren.
Hunderttausende Frauen und Mädchen wurden von japanischen Soldaten als Zwangsprostituierte versklavt.
Was folgte, war kein Dienst und kein freiwilliges Arbeiten. Es war systematische sexuelle Gewalt. Tag für Tag. Oft mussten sie mehrere Soldaten bedienen, manchmal Dutzende. Zeitzeuginnen sagen aus, dass pro Tag bis zu 40 Männer eine einzige Frau vergewaltigten. Über Jahre hinweg.
Krankheiten, Hunger, Angst und Isolation gehörten zum Alltag. Die meisten starben dort oder verschwanden spurlos.
Es gab auch Überlebende… wenige.
Es gibt keine Zahlen, da diese Frauen nicht registriert wurden. Es interessierte schlichtweg niemanden, sie waren wertlos…
Nach Kriegsende kehrten einige nach Hause zurück.
Für all die betroffenen Frauen ging der Krieg aber nicht einfach zu Ende, als die Waffen niedergelegt wurden.
Viele kehrten mit Verletzungen zurück, die niemand sehen wollte. Körperliche Wunden und Schmerzen begleiteten sie ein Leben lang. Die meisten konnten keine Kinder mehr bekommen. Viele litten unter Krankheiten, die nie richtig behandelt wurden.
Und die unsichtbaren Wunden… Angst, Schuldgefühle, Erinnerungen, die nachts zurückkehrten… Die Frauen haben schlimmste Traumata erlitten.
In ihren Heimatländern fanden sie oft kein Verständnis. Sexualisierte Gewalt war ein Tabu. Die meisten schwiegen aus Scham oder weil ihnen niemand glaubte und wenn sie davon erzählten, wurde ihnen nicht zugehört, nicht geglaubt und sie wurden sie ausgegrenzt.
Jahrzehnte lang lebten diese Frauen mit Geschichten, die ihre Leben so wahnsinnig prägten, die aber keinen Platz hatten.
Erst in den 1990er-Jahren begannen Überlebende öffentlich zu sprechen. Ältere Frauen standen vor Kameras und erzählten von den jungen Mädchen, die sie einmal gewesen waren. Von Namen, die sie verloren hatten. Von Körpern, die nicht ihnen gehörten. Von den Gewalttaten, die Soldaten ihnen angetan hatten…
Heute leben nur noch wenige von ihnen. Hochbetagte Frauen, über neunzig oder hundert Jahre alt. Einige sprachennoch bis zuletzt vor Denkmälern oder Gerichten, weil sie wollten, dass man zuhört. Dass ihre Namen nicht verloren gehen, dass diese Greueltaten an ihnen gehört werden.
Bis heute ist ihre Geschichte Teil diplomatischer Spannungen in Ostasien. Fragen nach Verantwortung, Entschuldigung und Entschädigung werden unterschiedlich beantwortet. Manche sehen offizielle Stellungnahmen als ausreichend an, andere als ungenügend.
Erinnern ist in solchen Fällen nichts anderes als das Versprechen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, dass niemand verschwinden oder ungehört bleiben soll.
Deswegen ist es so wichtig, zuzuhören, wenn jemand erzählt.



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