
Im Februar 2018 habe ich hier von meiner Schwägerin Val geschrieben: Valerie
Schwägerinnen bleibt man übrigens auch nach der Trennung / Scheidung. Schwägerschaft ist nicht auflösbar. Ausser durch den Tod und das ist jetzt passiert. Val ist diese Woche gestorben. Sie hat eine lange, beschwerliche Reise mit ihrer Lewy-Body-Demenz hinter sich.
So ist der Tod sicher auch ganz oft eine Erlösung und zwar für alle Beteiligten. Das ist vielleicht etwas, was man so nicht sagt, aber es ist trotzdem wahr. Aber die Erlösung ist natürlich nur ein Teil dieser ganzen Sache. Damit fällt einiges an Gefühlen dann vielleicht weg, zB die Angst davor, was noch kommen wird, also zB vor noch mehr Leiden oder vor dem Tod. Diese Ängste empfand ich während den Krebs-Erkrankungen meiner Eltern ja beide Male als sehr schlimm. Vielleicht bei meinem Vater noch schlimmer, weil ich die ähnliche Erfahrung ja schon bei meiner Mutter gemacht hatte und mir ungefähr vorstellen konnte, was noch kommen könnte… Bei der Erkrankung meiner Mutter war ich da vielleicht noch weniger vorbelastet und dann auch völlig unvorbereitet auf ihren Tod.
In einer solchen Situation, also beVOR jemand dann stirbt, wartet man darauf, hat Angst davor, hofft, dass es nicht passiert oder noch nicht, wünscht sich Erlösung und dass diese Person loslassen und friedlich einschlafen kann, wünscht sich aber gleichzeitig, er / sie würde noch kämpfen und alles würde wieder gut werden…
Das ist psychisch sehr anstrengend. Tausend Gedanken, tausend Gefühle…
Ich kann mich gut daran erinnern, wie es war als mein Vater gestorben ist. Mich hats umgehauen vor Trauer. Und trotzdem stand ich nun vor einer klaren Situation, einer klaren Tatsache. Er war jetzt gestorben. Ich musste mir keine Sorgen mehr machen, keine Angst mehr davor haben. Das, wovor ich mich am meisten gefürchtet hatte, war nun eingetreten.
Die Situation war da.
Man sagt ja oft, Vorfreude sei die schönste Freude und vielleicht ist Vorangst auch die schlimmste Angst, denn man (oder ich) malt sich alles ja dann meistens noch schlimmer aus als es vermutlich dann sein wird.
Diese abgrundtiefe Trauer, wenn man jemanden Nahestehenden an den Tod verliert, ist ein furchtbares Gefühl. Ich finde, diese Leere in sich auszuhalten, die da entstanden ist, wo das Teilchen von uns fehlt, das sie mitgenommen haben, ist ganz ganz schwer. Das was fehlt ist so riesengross und so unglaublich schmerzhaft. So, dass nichts und niemand daran etwas ändern könnte. Erst mit der Zeit fliessen die Erinnerungen und all das, was von ihnen bei uns geblieben ist, in diese Wunde und sie schliesst sich ganz langsam wieder.. Schmerz wird zu Erinnerung und wir gewöhnen uns daran, dass sie nicht mehr da sind.
Ich habe Val seit Jahren nicht mehr gesehen. Nachdem mein Mann und ich uns getrennt hatten, hatte ich nicht mehr so die Gelegenheit, nach England zu gehen. Ich war mit der einen Tochter von Val immer mal in Kontakt und wusste, wie es ihr so geht. Mit Val selber in Kontakt zu sein, war aber nicht mehr möglich. Deswegen kann ich jetzt auch nicht sagen, dass sie mir fehlen wird, denn sie war schon länger nicht mehr aktiv ein Teil meines Lebens, weil das einfach gar nicht ging. Ich bin da ganz ehrlich. Ich neige auch nicht so dazu, mich da in etwas hinein zu steigern.
Es gibt Menschen, die trauern um verstorbene Stars oder um Menschen, die sie kaum kannten. Und natürlich sind das traurige Gegebenheiten und auch ganz oft erschütternde Schicksale. Ich überlege mir dann immer, ob dies einen Einfluss auf mich und mein Leben haben wird und grenze mich da auch ab. Ich kann auch Dinge traurig oder tragisch finden, ohne darin zu versinken…
Als ich Val zum letzten Mal gesehen habe, hat sie mich zwischendurch erkannt und dann wieder nicht. Sie sass beim Familienessen neben mir und wusste von ihrer Body-Lewy-Demenz. Diese war bereits deutlich da, Val hatte aber noch Momente, in denen sie so wie vorher war und einfach sich selbst. Sie sagte, dass sie sich nicht mehr die ganze Zeit genau erinnert, wer ich sei, dass sie sich aber wohl fühle mit mir. Sie war sehr fröhlich an diesem Tag und hat viel gelacht. Es war schön.
Ich glaube, ich habe an diesem Tag Abschied genommen von Val. Ich habe sie danach nicht mehr gesehen und sie hätte mich auch gar nicht mehr erkannt.
Danach ging es dann schnell bergab, die Demenz nahm ihren Lauf. Kurze Zeit später war ihr Körper davon sehr betroffen und einfach alles an ihr. Sie konnte sich nicht mehr so gut mitteilen bzw immer weniger und war auf sehr viel Pflege angewiesen.
Ich habe Val sehr geliebt. Immer. Vom ersten Moment an bis zum letzten. Auch in den letzten Jahren und auch jetzt habe ich nie meine Liebe und meine innere Verbindung mit oder zu ihr verloren. Klingt vielleicht komisch, aber es ist tatsächlich so. Als ich sie vor Jahren zum letzten Mal gesehen habe und auch die Jahre später hatte ich immer wieder das Gefühl, dass wir einander noch sooo viel zu sagen hätten. Dass wir eigentlich noch gar nicht fertig gewesen wären miteinander. Aber das war ja alles gar nicht mehr möglich.
Val hatte meiner Tochter und mir immer Geburstagskarten und auch Weihnachtskarten geschickt. Als sie das dann schon bald nicht mehr tun konnte, weil sie nicht mehr schreiben konnte und weil sie sich nicht mehr an uns und unsere Geburtstage erinnern konnte, hat ihr Mann das für sie übernommen. Ich finde das so wunderbar von ihm. Und Val hat immer unterschrieben, jedes Jahr zittriger und kraxeliger, halt so gut es ging. Die letzte Karte kam für meine Tochter zwei Tage bevor Val gestorben ist.
Mich hat das, zusammen mit der Nachricht von ihrem Tod wirklich sehr emotional gemacht. Diese ganz besondere letzte Karte kommt in unsere Erinnerungskiste.
Da hat eine wunderwunderschöne Frau – innerlich und äusserlich – dieses Leben verlassen… Schön, dass sie da war und schön, dass ich sie kennen und lieben durfte.



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