Gesundheit.

Gesundheit.
Vermutlich ist sie neben der Erde auf der wir wohnen, das höchste Gut, das wir besitzen. Und vermutlich ist sie ebenfalls neben der Erde, auf der wir wohnen, das was wir am meisten für selbstverständlich nehmen.
Bis wir es nicht mehr haben.

Das ist nicht abnormal. Es ist menschlich. Wir neigen dazu, das was wir haben, nicht mehr zu sehen bzw ganz schnell als selbstverständlich anzunehmen UND es dann nicht mehr zu sehen.

Um die Gesundheit dreht sich schon seit einer Weile irgendwie alles. Und irgendwie aber auch nicht. Denn die Gesundheit scheint mir da an zweiter oder dritter Stelle zu stehen, denn es geht um allerlei anderes. Vielleicht vor allen Dingen um Macht. Um Frustration. Um Gemeinschaft und Zusammenhalt. Um Freiheit. Um Geld. Manchmal um Leben und Tod. Und überhaupt.

Es geht ums Impfen oder ums Nicht-Impfen und um jeden selbst, aber auch um einander. Klar ist da jeder für sich selbst verantwortlich. Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten wissen ja, dass sie möglicherweise an Corona erkranken und nicht viel davon spüren. Es besteht aber auch die Möglichkeit, an Corona zu erkranken und wenn es ganz schlimm kommt auf der Intensivstation behandelt werden zu müssen. Das wäre dann ein sogenannt schwerer Verlauf. Es besteht auch die Möglichkeit, selber einen leichten Verlauf zu haben, aber jemanden anzustecken, der dann leider schwer krank wird. Das ist das Risiko, das jeder selber trägt. Und ich hoffe, ich schreibe das hier neutral, denn ich habe nicht vor, da etwas zu werten. (Bei Geimpften minimiert sich dieses Risiko um ein Vielfaches, sie können aber auch erkranken.)
Wenn es vielen Menschen so ergeht, dass sie auf die Intensivstation müssen, besteht irgendwann die „Gefahr“, dass diesen nicht mehr genügend Kapazität (=Personal, Apparaturen, Räume, Betten) zur Verfügung stehen für alle Patient*innen, die diese benötigen würden. Das sind nicht nur Corona-Patienten, sondern zB Unfallopfer, Menschen, die medizinische Notfälle erleiden und auch nach Operationen kann es vorkommen, dass man auf die Intensiv muss zur Beobachtung oder für länger. Ich würde sagen, das ist dann auch der Grund, dass Operationen verschoben werden, denn bei Komplikationen würde das lebensgefährlich enden.

Meinem Bruder erging es ja vor vielen Jahren nach einem schweren Motorradunfall so. Er musste unter anderem am Gehirn operiert werden, um nicht zu sterben und lag danach für mehrere Wochen auf der Intensivstation im Inselspital Bern. Die Zeit vor der Operation war kritisch, die Operation war es ebenfalls und auch noch eine ganze Weile danach ging es noch um Leben und Tod. Er hat überlebt. Dank OP und der Versorgung auf der Intensivstation.
Als Angehörige habe ich es damals übrigens auch sehr geschätzt, dass das Personal dort nicht nur genügend Zeit für ihn, sondern auch für uns hatte, denn das war für uns alle eine aussergewöhnlich schreckliche Situation.

Ich glaube, wir Menschen blenden solche Sachen gerne aus. Wir denken, das könne einem selbst nicht passieren. Das passiert nur immer andern.
Die Möglichkeit, einen Autounfall zu haben und dabei schwer verletzt zu werden ist klein und doch passieren solche Unfälle jeden Tag und es trifft immer jemanden.
Die Möglichkeit, einen Hirnschlag zu haben, ist auch klein. Und doch passiert auch das täglich.
Die Möglichkeit, dass bei einer Operation Komplikationen entstehen, sind ebenfalls wohl eher klein und doch passiert es.
Es trifft immer jemanden, der wohl auch immer gedacht hat, ihm könne das nicht passieren.
In all diesen Fällen sind Menschen darauf angewiesen, dass ihnen schnell und professionell geholfen wird. Das bedeutet vieles, nicht nur dass ein leeres Spitalbett für ihn da ist. Ich glaube, es bedeutet ganz fest, dass das zuständige Personal zurechnungsfähig ist, nicht total übermüdet und dass es Zeit für ihn hat neben den andern Patienten, die auch versorgt werden müssen.

Uns Menschen interessiert sowas mehrheitlich erst, wenn es UNS oder uns nahestehende Personen betrifft. Erst dann ist Krebs ein Arschloch. Erst dann ist es wahnsinnig, wie diese Raser fahren. Erst dann ist diese Kreuzung zu gefährlich. Erst dann braucht es einen Radweg. Erst dann wird darüber geredet, ob es einen Zebrastreifen braucht. Erst dann schätzen wir die Arbeit des Gesundheitspersonals. Erst dann.

Ich habe bis jetzt nur über die körperliche Gesundheit gesprochen. Es gibt auch noch die psychische. Genau wie wir jederzeit körperlich an etwas erkranken können oder uns in einem Unfall oder Unglück verletzen können, können wir jederzeit psychisch erkranken. Viele denken, dass es dafür äussere Einwirkungen bräuchte, zB ein schlimmes Ereignis, ein Trauma oder eine schwierige Situation, aber das stimmt nicht. So wie wir alle Knochen haben, die brechen können, ein Herz, das einen Infarkt erleiden kann oder ein Gehirn, das krank werden kann, haben wir auch eine Psyche, die einfach so krank werden kann.

Es ist ein Glück, körperlich gesund zu sein. Und es ist noch das viel grössere Glück, psychisch gesund zu sein.
Ich habe jahrelang mit Menschen gearbeitet, die mit einer psychischen Erkrankung leben lernen müssen. Das ist schwierig. Psychisch kranke Menschen werden in unserer Gesellschaft sehr stigmatisiert. Anders als bei vielen körperlichen Erkrankungen ist eine psychische nicht sichtbar. Nicht fassbar. Schwierig zu verstehen.
Für psychisch kranke Menschen ist es schwierig, in unserer Gesellschaft zu funktionieren. Sie nehmen Dinge anders wahr als wir, haben Ängste, Zwänge, sind zT weniger belastbar (unserem Wertesytstem entsprechend meine ich). Sie benehmen sich manchmal anders, manchmal irritierend, manchmal auffällig, viele aber eigentlich so unauffällig, dass sie verschwinden.

Hat bisher auch niemanden interessiert, wenn man ehrlich ist.

Jetzt aber, in der letzten Zeit, wird die psychische Gesundheit aber zum Thema und das ist ja gut so. Ich finde es auch sehr verständlich, dass die Pandemie an vielen nicht spurlos vorbei gegangen ist. Psychisch. Es gibt Menschen, denen die Einschränkungen seelisch auf den Magen schlagen. Auch begreiflich, denn es ist eine Krise. Eine Situation, die wir nicht so gut einschätzen können, auch wenn wir das möchten. Viele Nachrichten, viele Meinungen, Einschränkungen, offenbar sehr viel Misstrauen und in der Zwischenzeit auch viel Aggression und Frustration.

Ich möchte darauf hinweisen, dass es aber auch sehr viele bereits psychisch kranke Menschen gibt. Schon vor der Pandemie gegeben hat. Das sind Menschen, die immer psychisch krank sind. Das ist nicht dasselbe wie wenn man eine Krise hat, denn diese geht vorüber.
Für viele von ihnen bedeutet die Bewältigung des Alltags bereits eine riesige Herausforderung, die Pandemie macht es noch schwieriger.

Nun interessieren sich ja Menschen für die psychische Gesundheit, denen das ganze Thema bis vor kurzem noch egal war. Und eigentlich sind die Gründe dafür ja egal, Hauptsache es wird zum Thema.
Aber ist es tatsächlich echtes Interesse, ehrliches Engagement? Oder sind es einfach Argumente gegen die Massnahmen? Parolen? Oder weil es sie nun plötzlich selber betrifft?
Ich weiss, dass die Massnahmen unschön sind. Wir möchten sie alle nicht haben und dennoch werden sie von einem Teil der Bevölkerung als möglichen Weg zum Ziel als sinnvoll angesehen. Andere fühlen sich eingeschränkt und es tut ihnen nicht so gut. Ich möchte aber dazu sagen, wenn es um psychische Gesundheit geht, höre ich von vielen Menschen mit einer psychischen Erkrankung, dass die Massnahmen für sie zwar schwierig sind, aber dass sie ihnen auch Sicherheit vermitteln.
Es gibt also auch da immer beide Seiten und wer auch immer sich für etwas einsetzt, tut es immer nur aus eigener Sicht und oft aus eigenem Interesse.

Sich um die psychische Gesundheit zu kümmern ist ja Prävention und ich steh ja total auf Prävention, egal wo. Also Probleme wenn möglich gar nicht entstehen zu lassen, statt sie danach mühsam lösen zu müssen. Das ist oft möglich.

Also finde ich es gut, dass wir im Strassenverkehr gewisse Regeln einhalten müssen, denn das vermindert die Anzahl der Verkehrsunfälle.
Ich verstehe es, dass wir beim Motorrad- und Fahrradfahren oder auch beim Reiten und Skifahren einen Helm anziehen sollen. Das vermindert die Gefahr von schweren Kopfverletzungen bei allfälligen Unfällen.
Ich reibe mich im Sommer mit Sonnencreme ein, damit ich keinen Sonnenbrand bekomme. Das verhindert Schmerzen und die Gefahr einer Hauterkrankungen.
Ich finde es gut, Kinder und Jugendliche ausreichend aufzuklären, um Übergriffe, Krankheiten und ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden.
Ich finde es auch gut, Jugendliche aufzuklären betreffend Drogen und Rauschmittel, in der Hoffnung sie würden es lassen.
Ich finde es total sinnvoll, mir Gutes zu tun, mich auszuruhen, Freude zu erhöhen und Stress möglichst zu vermindern, das fördert meine Gesundheit, physisch wie auch psychisch.
Ich weiss, dass ich nicht gut schlafe, wenn ich abends noch Kaffee trinke, deswegen mach ich es nicht.
Ich kontrolliere bei meinem Auto regelmässig den Ölstand und tanke, wenn das Lämpchen leuchtet, sofort, weil ich nicht scharf auf eine Panne bin.
Ich gehe nur Mammographie, obwohl ich gesund bin, um Brustkrebs früh zu erkennen, würde er denn auftreten.
Ich kaufe dem Kind Winterschuhe, bevor der erste Schnee fällt.
Ich gehe mit den Meerschweinchen zum Arzt, wenn eines krank ist, bevor es plötzlich tot im Gehege liegt.
Ich nehme im Winter Vitamin-D-Tropfen, weil ich weiss, dass ich sonst zu einem Mangel neige und mich dann ganz furchtbar fühle.
Ich habe das Kind und mich gegen einige Krankheiten impfen lassen, um nicht daran zu erkranken.
Ich schaue auf dem Fahrplan, wann der Bus fährt, wenn ich eine Reise machen möchte.
Ich rufe vorher an, wenn ich jemanden besuchen möchte, damit der auch tatsächlich Zeit hat.
Ich schreibe vor dem Einkaufen eine Liste, damit ich nichts vergesse.

Prävention ist für mich Vorausdenken und erspart mir oft viel Ärger und Situationen, auf die ich keine Lust und Nerven habe.

Sorge zu sich selbst und aber auch zu einander zu tragen ist für mich auch Prävention, denn grad eine gute psychische Gesundheit ist ein guter Boden für alles andere, was darauf wachsen soll.
Lohnt sich.