Das Leben geniessen

Einfach ist es momentan nicht. Das grosse C ist allgegenwärtig, schwebt wie ein grosser Brocken über uns allen, wirft seinen Schatten auf die Erde, auf das Leben und auf uns. Das Virus ist das eine, die vorgeschriebenen Schutzmassnahmen das andere. Es schränkt uns ein und es beeinflusst uns in unserem Denken und Handeln. Momentan ist vieles nicht möglich. Ach, was sage ich. „Momentan“… es geht ja schon eine ganze Weile so.

Wir gehen alle gemeinsam durch eine Krise, es gibt keinen einzigen, den es nicht betrifft. Das ist etwas, was wir noch nie zuvor erlebt haben. Es ist wie ein Tunnel. Das Licht am Ende ist nicht sichtbar, keine Ahnung, wie lang der Tunnel noch ist. Wir haben im Sommer gemeint, wir wären draussen, aber wir haben uns geirrt…
Der Tunnel macht uns krank und diese Krankheit ist unsichtbar und ansteckend. Um uns gegenseitig zu schützen halten wir einen gewissen Abstand und tragen Masken vor Mund und Nase. Das ist nicht schön, aber leider notwendig, um gesund zu bleiben. Zuviele Kranke könnten wir nicht mittragen und das möchten wir verhindern.

Einige von uns fühlen sich ganz okay, geil findet’s aber grad keiner. Andere fühlen sich psychisch nicht gut oder sogar richtig schlecht. Dafür gibts ja genügend Gründe Jeder hat sein Bündel auf dem Rücken und das Gehen ins Ungewisse verpufft ganz schön viel Energie. Und dennoch, wir helfen einander so gut es geht, denn wir müssen da alle durch.
Alle müssen auf so viel verzichten. Niemand wünscht es sich, in diesem Tunnel festzustecken für weiss nicht wie lange.
Es gibt auch Kranke. Immer mehr sind es, denn Infizierte stecken einander an. Und es gibt Tote. Anfangs waren es einzelne, aber es werden immer mehr.

Unterschiedliche Menschen gehen unterschiedlich mit Krisen um. Wie so oft im Leben gibt es kein Richtig oder Falsch, schlussendlich kennen alle den Weg nicht. Einige von uns sind erfahrene Höhlen- und Tunnelforscher, die machen das beruflich und sie sind dafür angestellt worden, um uns durch diese Krise zu führen.
Sie waren in ganz vielen Tunnels, in vielen Höhlen, haben darüber gelesen und jahrelang studiert und wissen ganz schön viel. Aber dieser Tunnel hier, der ist noch total unerforscht. Er ist neu. Er ist unberechenbar. Auch die Fachleute müssen laufend dazu lernen und die neuen Erkenntnisse mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung vergleichen, um neue Ergebnisse zu erhalten.
Die Zeit läuft weiter. Einige oder vermutlich viele von uns werden krank, einige davon schaffen es nicht, andere werden schnell wieder gesund. Es ist nicht bei jedem dasselbe.

Im Tunnel stossen wir immer wieder auf Abzweigungen, die verheissungsvoll aussehen. Es gibt viele Wege. Eine Tunnelkarte hat niemand. Manche von uns möchten abbiegen, sie wittern eine Abkürzung, eine Vereinfachung und ein schnelleres Ende dieser elenden Sache.
Langsam geht die Geduld zu Ende und auch das Durchhaltevermögen. Hier gibt es auch Höhlenforscher, die andere Theorien vertreten und die auch erfahren sind. Aber leider kennen auch sie diesen Tunnel nicht, auch wenn sie noch so überzeugt sind von ihrer Meinung.
Und einige sagen, sie seien Höhlenforscher, aber sie sind es gar nicht. Sie sehen aber vertrauenswürdig aus und können gut sprechen. Sie verbreiten ihre Meinung überall auf den sozialen Medien und einige schliessen sich ihnen an, weil sie ihnen glauben.

Möglicherweise gibt es mehrere Ausgänge oder verschiedene Wege, die dorthin führen. Man weiss es erst irgendwann später, wenn man retour blicken und die Sache auswerten kann. Jetzt weiss man das noch nicht. Auch die nicht, die es zu wissen meinen.

Möglicherweise denken ziemlich viele, dass ihre Meinung nicht einfach nur ihre Meinung ist, sondern DIE Wahrheit. Und die muss natürlich auch jedem verkündet werden.
Vermutlich denken auch ziemlich viele, dass das eigene Spüren der Situation ebenfalls das Wahre und auf alle andern übertragbar ist.
Ich glaube, wenn es einem bewusst ist, dass dem nicht so ist, merkt man auch, dass man nicht unbedingt ein Video mit seiner Meinung veröffentlichen muss.
Aber das ist ja auch jedem selber überlassen, wie immer.

Aber genug.
Der Titel dieses Textes heisst „Das Leben geniessen“. Schwierig irgendwie, wenn man in diesem Tunnel steckt.
Aber weisst du was? Wir stecken gar nicht wirklich in einem Tunnel. Wir stecken überhaupt nicht fest. Es ist eine schwierige Situation. Ungewiss. Und wenn man viel darüber nachdenkt, ist es durchaus sehr beunruhigend. Wir kennen den Ausgang dieser Sache nicht und wir wissen auch nicht, was bis dahin noch alles geschieht. Wir hören zuviel, wir lesen zuviel und auch die Stimmen derer, die im Tunnel in eine ganz andere Richtung gehen, die sind verwirrend. Was ist richtig? Das nicht zu wissen, ist belastend.

Auch die sogenannten Massnahmen sind belastend, auch wenn sie wohl notwendig sind. Einige wehren sich, glauben an eine Verschwörung oder zumindest daran, dass es entweder ohne Massnahmen auch oder sogar besser ginge oder dass diese uns mehr schaden als das Virus. Es gibt auch Menschen, die auf all das verzichten möchten und es okay finden, die Menschen, die sehr krank werden, hinter uns zu lassen. Menschen, die auch okay finden, wenn viele von uns daran sterben, weil der Tod ja zum Leben gehört.

Aktuell ist es ja so, dass wir in der Schweiz wirklich sehr, sehr viele Menschen haben, die an Covid19 erkrankt sind und auch viele, die täglich sterben. Nicht mehr nur einer oder zwei pro Tag. Jetzt sind es 30 oder mehr pro Tag.
Ich habe gelesen, dass es wohl bald los geht mit der Triage. Das bedeutet, dass die Ärzte entscheiden müssen, wer behandelt wird und wer nicht, weil die Ressourcen der Krankenhäuser ausgehen werden. Es wird also abgeschätzt, bei wem sich lebensrettende Massnahmen lohnen und bei wem nicht. Wahnsinn, dass es soweit kommen kann. In UNSEREM zivilisierten und wohlhabenden Land. Ich fasse es nicht…. wirklich.

Ich habe auch gelesen, dass offenbar viele betagte Menschen sich nicht behandeln lassen möchten und sterben oder sterben werden. Auch das ist Triage, vom Patienten selbst entschieden. Ich denke nicht, dass diese Menschen alle tatsächlich sterben möchten bzw dass es ihnen egal ist, an Corona zu sterben. Ich bin mir ganz sicher, dass viele von ihnen noch ein paar schöne Jahre vor sich hätten. Wohlverdiente Jahre.
Aber wie ist es wohl, wenn man von überall her hört und liest, dass die Alten nicht geschützt werden sollen, weil sie ja eh bald sterben? Dass die Alten eine Last sind? Dass sie wertvolle Krankenhausplätze besetzen?
Ich denke mal, solche Aussagen hinterlassen ihre Spuren und vielleicht denkt so der eine oder die andere, dass ihr oder ihm kein Recht auf Krankenhauspflege bzw. kein Recht auf Gesundung zusteht.
Wie schlimm ist das denn, bitte?


Schon wieder vom Thema abgekommen und das zeigt die Problematik auch grad recht gut. Es ist gar nicht einfach, auf andere Gedanken zu kommen, Covid19 wirft seine Schatten irgendwie überall hin.
Umso wichtiger, dass wir uns Auszeiten schaffen. Dass wir es schaffen, auch mal abzuschalten, runter zu fahren und uns zu entspannen und zu erholen. Mal nicht an all das zu denken.
Jede und jeder auf seine bzw ihre Art und Weise.

Ich finde das schwierig, sogar fast unmöglich. Ich habe damit nicht erst seit Corona Schwierigkeiten, sondern eigentlich seit der Trennung von meinem Ex-Mann. Seitdem ich allein bin mit dem Kind und die Verantwortung für ganz vieles allein trage, fällt es mir sehr schwer, diese auch mal loszulassen. Im Spannungsfeld zwischen Arbeit und allein für eine Familie zu sorgen.
Ich bin es am Lernen. Die Corona-Situation macht es nicht einfacher.

Wenn die Welt rund um mich herum verrückt spielt, dann lebe ich umso mehr in meiner kleinen Welt mit meiner Tochter und da ist alles in Ordnung. Das ist mein warmer, sicherer Kokon.
Ich sehe all die kleinen, schönen Dinge. Ich liebe meine Wohnung, in der ich mich geborgen und wohl fühle. Ich mache es uns hier gemütlich mit einer schönen Atmosphäre, zufriedenen Meerschweinchen, einem glücklichen Kind. Das ist meine Oase.
Ich sehe gerne die schönen Dinge, die mir überall wo ich hingehe, begegnen. Die wunderschöne Tasse mit dem guten Kaffee, die „meine“ Lieblings-Coiffeuse mir hinstellt. Die zwei Stunden Auszeit, die ich dort letzte Woche in friedlicher Atmosphäre genossen habe.
Schöne Begegnungen sind auch mit Distanz, mit Maske, per Telefon oder Social Media möglich. Natürlich sind sie ohne Abstand und ohne Maske viel schöner, aber was bringt es nun, mich darüber zu ärgern und das was ich nicht habe, in den Mittelpunkt zu stellen? Ich finde es viel aufbauender zu sehen, was ich kann und was ich habe.

Ich gehe gern spazieren und fotografiere viel. Gerade momentan finde ich, dass es draussen manchmal atemberaubend schön aussieht. Wenn die Sonne durch den Nebel scheint oder wenn es dünne Nebelschwaden über dem Boden hat und oben blauen Himmel. Die Bäume und Wälder, deren Blätter sich verfärben und dann zu Boden fallen.
Die Wärme der Sonne, wenn sie strahlt ist noch immer beachtlich und tut richtig gut.
Tief durchatmen, die frische Luft in der Lunge und auf der Haut spüren, das lädt alle inneren Akkus auf. Das tut richtig gut. Immer. Und besonders jetzt.
Ich finde auch, dass die Herbstabende ihren ganz besonderen Reiz haben. Sich einkuscheln in der warmen Stube, eine Kerze anzünden, einen heissen Tee trinken und die Welt und ihre Themen einfach draussen lassen.

Es gibt mega viel Schönes. Manchmal kleine Dinge, aber sie wahrzunehmen ist ermutigend. Es ist nicht alles nur Corona, es gibt auch ganz viel anderes. Um ehrlich zu sein, wenn man sich nicht einredet, eingeschränkt und seiner Freiheit beraubt zu sein, kann man sogar ziemlich normal leben. Und Normalität hilft, sich besser zu fühlen.

Natürlich weiss ich, dass es gerade jungen Menschen fehlt, abends wegzugehen und einander zu sehen. Das verstehe ich sooo, denn es ging mir vor xxxxx Jahren ja nicht anders. Ein Samstagabend zuhause war undenkbar. Aber ich glaube, die Jungen sind ja auch klug und die verstehen das Warum.
Ausgenommen von meinen Aussagen sind auch Menschen, die durch die Corona-Situation ihre Arbeit verloren haben oder verlieren werden, die grosse Existenznöte haben, ihre Arbeit nicht ausüben können usw. Das ist natürlich wieder ganz etwas anderes.

Das Leben geniessen. Das ist auch jetzt möglich und vielleicht war es noch nie zuvor so wichtig wie genau jetzt.






2020 – Jenseits der Komfortzone

2020
Ein Jahr, das uns aus unserer Komfortzone gezerrt, ja geradezu katapultiert hat… Dass so eine Situation hier bei uns mal eintreffen könnte, das haben bestimmt die wenigsten erwartet. Auch wenn in vergangenen Jahren immer mal wieder irgendwo auf der Welt Krankheiten gewütet und Todesopfer gefordert haben, der Kelch ging an uns vorbei. Und wir fühlten uns sicher.
Aber dieses Mal ist alles anders. Auch wir sind betroffen. Und ich habe das Gefühl, es gibt immer noch viele, die das nicht wahrhaben wollen. Viele, die sich noch immer sicher fühlen. Viele, die den Berichten der Fachpersonen nicht glauben mögen. Oder anders vorgehen würden. Viele, die von den vielen Nachrichten von Medien und selbsternannten Experten verwirrt und verunsichert sind. Viele, die sich aufhetzen lassen.

2020
Ein Jahr, das anders ist.
Ein Jahr, das uns zwingt, auch selbst anders zu leben, uns anders zu verhalten. Anders als gewohnt, anders als es uns beliebt. Aus unseren Gewohnheiten gerissen. Ausgang ungewiss.
Der Grund dafür ist ein Virus. Man sollte meinen, das sei einfach eine Krankheit und das Ziel sei es, dass nicht zuviele daran sterben. Aber das wäre zu einfach. Es geht nicht (oder nicht allen) um Menschenleben, sondern ums Geld oder andere Dinge.
Es geht vielleicht schlussendlich allen darum, möglichst wenig von dem, was wir besitzen zu verlieren, so scheint es mir.

Es scheint mir, als hätten momentan fast alle Angst, ihr Liebstes oder Wichtigstes zu verlieren. Und über diese Angst wird weder gesprochen, noch wird sie vermutlich vor sich selbst zugegeben.
Nie war es leichter, die Werte und Haltungen anderer zu erkennen. Sie werden von jedem sozusagen auf der Zunge getragen.

Für die einen ist das, worum sie Angst haben, ihre eigene Gesundheit, ihr Leben und das nahestehender Personen. Ich könnte mir vorstellen, diesen Menschen fällt es leichter, sich an die Sicherheits-Bestimmungen des Bundes zu halten. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist alles, was die zuständigen Experten empfehlen oder verordnen zu wenig oder sowieso das Falsche.
Andere haben Angst, ihre finanzielle Grundlage, ihr Einkommen oder ihre Existenz zu verlieren. In dieser Situation findet man sich wohl in einem Gewissenskonflikt wieder, könnte ich mir vorstellen. Entweder hält man das Virus für gefährlich und die Schutzmassnahmen für richtig und gefährdet mit dieser Meinung seine eigene Existenz oder man verniedlicht das alles, macht sich lustig, um diese Existenz halt zu retten.
Genau so kommt es mir vor, wenn ich zB Videos von einigen Clubbesitzern, irgendwelchen Veranstaltern oder Künstlern, die nicht auftreten können, sehe. Statements und Meinungen, die viele Menschen hören und auf die viele Menschen viel geben und ganz vergessen, dass der Typ, der da im Video spricht, keine Ahnung hat von alldem, denn er ist ein Komiker oder ein Kneipenbesitzer.

Für viele ist das, was sie zu verlieren fürchten, ihre ganz persönliche Freiheit und darunter kann man sehr vieles verstehen. Die Freiheit, überall hin zu reisen oder fahren, wo man gerade hin möchte. Die Freiheit, in der Freizeit zu unternehmen, worauf man grad Bock hat… Konzerte, Sportanlässe, Kino, Parties, Clubs…. Die Freiheit, sich von niemandem etwas sagen lassen zu müssen. Die Freiheit, sich mit Menschen zu treffen, sich näher zu kommen, Körperkontakt. Die Freiheit, shoppen zu gehen, zu konsumieren. Die Freiheit, grenzenlos zu sein.
Die Freiheit, sich die Hände nicht dauernd zu waschen und die Freiheit, ohne Maske im Gesicht irgendwo hin zu gehen. Und schlussendlich wohl auch die Freiheit, selbst darüber entscheiden zu können, sein eigenes Leben und das anderer zu gefährden.
Das mit den Freiheitseinbussen betrifft schlussendlich ja alle. Nur können die einen die Gründe bzw. den Zweck davon verstehen und andere weniger, einige können besser damit umgehen als andere.

Ich empfinde Menschen seit Corona sehr zweigeteilt. Vermutlich ist es normal und immer so, in der momentanen Situation ist es einfach so deutlich sichtbar. Manchmal kommt es mir vor, als seien es verschiedene Fronten. Ohne gemeinsames Ziel.

Ich überlege mir schon, warum das so ist. Ich überlege mir auch, warum man so Angst hat, unterdrückt oder manipuliert zu werden. Warum man so Angst hat, dass einem jemand etwas Böses will. Warum man so Angst hat, den Fachleuten zu vertrauen. Oder sind diese Ängste eine Kompensation für etwas ganz anderes? Vielleicht damit, dass man Angst hat, sich mit der tatsächlichen Situation auseinander zu setzen?

Ich bin schon ein Schaf genannt worden, das ohne zu hinterfragen der Schar hinterher läuft. Aber das stimmt nicht. Ich hinterfrage sehr vieles. Myself included. Aber ich muss auch sagen, ich habe keine Zeit dafür, mir Gedanken darüber zu machen, wie und warum der Bund oder sonst irgendeine höhere Macht dem Volk und mir persönlich schaden möchte. Ich sehe auch keinen Grund darin. Ich bin mir einfach ganz sicher, dass dem nicht so ist. Ich bin mir sicher, dass die bestmöglichen Lösungen gefunden werden, um möglichst wenige Leben zu verlieren, was wohl an zweiter Stelle steht, und möglichst unserer Wirtschaft nicht zu sehr zu schaden. Wobei dies wohl unumgänglich ist. Ich habe das Gefühl, viele denken da nur in eine Richtung oder nicht weit genug. Es ist nicht damit gemacht, keine Lokale zu schliessen oder den Konsum der Menschen nicht einzuschränken, denn wenn irgendwann (bald) dann sehr, sehr viele Menschen krank sind, werden diese so oder so schliessen müssen, weil viel Personal krank ist und nicht arbeiten kann und die Kunden ebenfalls krank sind und nicht konsumieren können. Meiner Meinung nach gilt es, genau dies zu verhindern.
Ich glaube, die Regierung versucht momentan genau dies zu erreichen mit einem Mittelweg zwischen Menschenleben retten, Gesundheitssystem nicht zu überlasten und die Wirtschaft zu retten. Und dabei sind die Verantwortlichen sehr unter Druck. Und sie sind die Arschlöcher für einige, egal was sie entscheiden.

Es wäre einfach, wenn man das mit Geld regeln könnte, wie wir es mit so vielen tun. Aber das geht nicht. Und immer dann, wenn wir Menschen etwas leisten müssen, wird es uns sehr schnell zuviel und wir verniedlichen das Problem, machen uns darüber lustig und suchen einen Schuldigen. Das beobachte ich nicht nur bei Corona, sondern zB auch beim Umweltschutz bzw. dem Klimawandel und in der Flüchtlingskrise.

Ich glaube, das Klima zwischen den Menschen wird kälter, es entstehen Fronten und Aggressionen. Eine andere Meinung zu haben, das ist schwierig… Es wird schnell emotional und persönlich. Wir sind empfindlich. Ich auch. Ich merke sogar, dass ich Angst habe, dass jemand sich angegriffen fühlen könnte, wenn ich hier über dieses Thema schreibe und mir fünfmal überlege, ob ich das veröffentlichen kann, weil ich niemanden verärgern oder verlieren will.
Viele kommen an ihre Grenzen oder bereits darüber hinaus. Psychisch. Das ist begreiflich. Und statt bei sich zu schauen, ist es immer einfacher, andere anzufeinden. Menschen, Methoden.

Und manchmal habe ich Angst, dass die Konflikte die daraus entstehen, viel schlimmer sein werden als Covid19.




Same procedure again…

Vielleicht gibt es nichts interessanteres als ein Menschenleben, denn wo Menschen leben passiert ganz schön vieles. Viel Alltägliches, viel Routine, viel Schönes, Neues und Wunderbares. Viel Trauriges, Schreckliches und grosse Schicksale.

Für jeden ist wohl das eigene (Er-)Leben der Massstab, an dem andere gemessen werden. Manchmal finden wir, dass unser Erlebtes das Tollste ist und manchmal das Schlimmste von allen. Manchmal denken wir, wir müssten am meisten tragen, am meisten erdulden und erleiden. Wir wünschen uns irgendwas (eine Freundin, ein Kind, ein Auto, heiraten, einen neuen Job, ein Erlebnis, Ferien, einen Hund….), erreichen (bekommen, kaufen…) es…
Und dann dauert es nicht lange und es wird zur Routine. Wir haben uns dran gewöhnt, kennen es in- und auswendig, sooooo interessant ist es gar nicht mehr, wir langweilen uns damit ein bisschen…
Wir wünschen uns, aus der Routine ausbrechen zu können, möchten etwas Neues, Anderes erleben, finden unseren Alltag öde und zu unspektakulär. Immer dieselben Abläufe, derselbe Trott…

Manche brechen dann tatsächlich aus, erleben Neues und Spannendes und fühlen sich damit auch selbst wieder begehrenswerter und interessanter… und auch das Neue wird irgendwann Alltag. Same procedure again…

Bei andern ist es andersrum. Sie werden aus dem Alltag rausgerissen, weil irgendwas passiert. Etwas, was unsere ganze Aufmerksamkeit fordert, unsere ganze Energie und uns in sich aufsaugt. Zum Beispiel, wenn man der Partner einer solchen Person ist, die etwas Neues erleben will bzw es tut. Oder halt andere Sorgen, es gibt davon ja genügend und für jeden seine ganz persönlichen kleineren oder grösseren Katastrophen.

2020 ist ja so ein Jahr. Das hat es wirklich in sich.
Es ist mein zweites Jahr seit der Trennung. Man sagt, das erste sei das schwierigste und das war es auch, in vielerlei Hinsicht bzw vermutlich vor allem, weil die persönliche Befindlichkeit noch krisenhaft und ansonsten alles neu und ungewohnt war.
Jedenfalls erinnere ich mich sehr gut an Ende 2019. Ich habe mich auf 2020 gefreut. Auf ein Jahr, das besser werden sollte und noch ein bisschen einfacher vielleicht. Wieder ruhiger werden, vielleicht sogar wieder ein bisschen glücklich manchmal… Nicht, dass ich das 2019 nie war, aber da war bzw ist noch viel Luft nach oben.

Und dann kam Corona mit all seinen Konsequenzen. Das wäre eigentlich schon genug, noch mehr Schwierigkeiten braucht echt keiner. Aber wir wissen es ja. Da wo ein Hund hin pisst, pissen dann all die andern auch hin.
(Ich hab gedacht, ich erfinde mal ein neues Sprichwort. 🙂 )

Ich kann sagen, Corona selbst hatte auf mich keine allzu grossen Auswirkungen. Während des Lockdowns natürlich schon, wie in verschiedenen Texten beschrieben. Ich fand das furchtbare zwei Monate und hätten die noch länger gedauert, ich hätte es nicht mehr geschafft, alles unter einen Hut zu bringen. Während einige die Ruhe und das Nichtstun sooo sehr genossen haben und dies sogar in Langeweile überschwappte, waren für mich bei Homeschooling und Arbeit 24 Stunden pro Tag zu wenig. Und ich sehr unentspannt. Gut, dass es dann mal vorbei war bzw. der Lockdown und ein paar Massnahmen gelockert wurden.
Seitdem fühle ich mich eigentlich nicht eingeschränkt, mein Leben verläuft ziemlich normal. Ausser dass ich mich auf Abstand achte und wirklich viel weniger soziale Kontakte habe, ist alles normal. Und wir sind gesund geblieben bisher, das ist gut.
Ich rege mich nicht darüber auf, dass ich weder auf Konzerte noch auf Parties kann, denn das tu ich aus andern Gründen sowieso schon länger nicht mehr. Also gehts mir eigentlich ganz gut, trotz den Massnahmen, die wir einhalten, um Corona möglichst nicht weiterzuverbreiten.

Aber es ist echt viel anderes dieses Jahr. Ich löse eine schwierige Situation und schwupps, die nächste ist schon da. Es ist tatsächlich momentan ziemlich energieraubend, sich die meiste Zeit über irgendwas grosse Sorgen zu machen. Und es ist schwierig, dies zu machen, ohne dass das Kind etwas davon mitbekommt. Ich versuche es, aber es ist nicht mehr immer möglich zur Zeit.

Natürlich schaffe ich es. Ich schaffe alles. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Es gibt keine Alternative. Es sind immer Dinge, die ich im Moment zwar als dramatisch erlebe, wohl weil meine Energie schwindet, die aber lösbar sind.
Ich schaue in die Welt hinaus und sehe ganz andere Probleme. Die richtig grossen. Andere Menschen, die mit Situationen zu kämpfen haben, in denen es ihnen nicht möglich ist, selbst eine Lösung zu finden. Zum Beispiel all die Menschen, die aus ihrem Zuhause geflüchtet sind, in Moria eingepfercht waren und jetzt irgendwo sind. Viele wohlhabende Länder, viele wohlhabende Menschen rundherum wollen davon nichts wissen.
Rassismus nimmt zu. Rechtsradikales Denken. Und es wird geduldet, ja sogar unterstützt. In der Schweiz, in Deutschland, in den USA.
Menschen haben Angst. Die einen, dass sie eingeschränkt werden. Ihrer Rechte beraubt. Sie schreien es raus, sie wollen keine Diktatur, keine Massnahmen gegen Corona. Flüchtlinge sollen dort bleiben wo sie sind oder gleich zurück in ihr Land gebracht werden. Die SVP nennt die Flucht „eine Reise ins Traumland“. Es wird nicht weit gedacht, nicht in die Weite geschaut. Die Angst ums eigene Portemonnaie verhindert so manches, egal in welchem Bereich… Umweltschutz, Flüchtlingswesen, Corona und Gesundheitswesen…
Es geht ums Geld. Einige Musiker oder Künstler stellen sich gegen die Corona-Massnahmen, hetzen und motivieren auch andere sich aufzulehnen. Aber ist dieses Engagement ehrlich oder gehts da einfach nur um die eigenen Interessen? Natürlich verstehe ich, dass sie schon eine Weile wenig oder gar kein Geld verdienen können und das ist schlimm. Aber vielleicht sollte man da sein Beweggründe doch ein wenig mehr hinterfragen?

Jeder von uns hat ein einziges Leben, das er leben muss oder im besten Fall darf. Jeder hat ein Recht auf ein schönes Leben. Ich finde es nicht in Ordnung, dass zu meinen Gunsten andere leiden müssen oder der Planet kaputt gemacht wird. Ich bin fürs Miteinander und fürs Einander helfen, auch wenn sich das nicht immer so einfach gestaltet. Ich würde mich immer für die Schwächeren einsetzen. Leider ist es so, dass dies sehr oft auf der finanziellen Ebene statt findet und genau da sind mir momentan recht die Hände gebunden. Aber irgendwann wird dies anders aussehen. Und das Finanzielle ist nur ein Teil der Unterstützung, es gibt noch andere.
Typischerweise schweife ich wieder mal ziemlich ab…

Also. Zurück zum 2020.
Ich hatte mir für dieses Jahr ja vorgenommen, mich wieder mehr am sozialen Leben zu beteiligen. Mich wieder öfter mit andern treffen. Freundschaften pflegen. Vielleicht sogar im Leben neuer Menschen aufzutauchen bzw. sie bei mir. 2020 macht es mir nicht einfach, muss ich sagen. Aber es ist, wie es ist. Als alleinstehende Frau mit Kind fühle ich mich aber tatsächlich ziemlich isoliert manchmal. Ich habe voll Bock drauf, Menschen zu begegnen, hinter deren Fassade zu gucken und Lebensgeschichten zu hören. Ist dies nicht irgendwie das Salz in der Suppe des Lebens?
Mir ist in der letzten Zeit aufgefallen, dass es mir fehlt, meine Gedanken oder halt auch meine Sorgen mit jemandem besprechen zu können. Es ist nie jemand da, der zuhört, wenn ich krank vor Sorge bin oder mich in etwas hineinsteigere. Niemand, der sich wirklich interessiert. Niemand, der mit mir am gleichen Strick zieht. Mir fehlt kein Partner, ich wünsche mir auch keinen. Aber trotzdem vermisse ich diesen Teil. Ich kann das nicht alles in mir drin behalten, denn das macht mich krank. Aber teilen kann ich es auch nicht bzw ein paar Dinge erzähle ich schon, ich bin da ja eher offen. Aber das ist längst nicht alles und genau das, was man nicht erzählt, plagt einem doch irgendwie tief drinnen ganz besonders stark.
Das ist wohl der nächste Punkt, an dem ich arbeiten werde und dann kommt dann wieder ein neues Thema. Wir kennen es….

Das Reifen und Entwickeln hört nie auf und irgendwie ist es wohl gut so.
Und ich wünsche mir ein kleines bisschen mehr Routine und Alltag und gleichzeitig auch ein kleines bisschen mehr Abwechslung, spannende Menschen, mehr Kommunikation.

Ende.

Dinge gehen zu Ende, es ist unweigerlich so. Immer. Unendlichkeit existiert in einem menschlichen Leben nicht und wenn doch, dann nur in unseren Wünschen und Träumen.

Enden sind manchmal ganz okay und manchmal überhaupt nicht.

Was bin ich jedes Mal traurig, wenn ich ein gutes Buch (eigentlich viel zu schnell) zu Ende gelesen habe und es irgendwie nicht genügend genossen habe? Verschlungen, Sätze überlesen, um möglichst schnell alles in mir aufzusaugen. Und am Ende bleibt immer ein kleines Bisschen Leere und es dauert eine kleine Weile, bis ein nächstes Buch diese wieder auszufüllen vermag.

Wir freuen uns auf einen besonderen Augenblick oder einen Tag, auf Weihnachten, Urlaub und Geburtstage und wenn wir ehrlich sind, ist vielleicht die Vorfreude viel ergiebiger als der Moment selbst, denn sie dauert unter Umständen viel länger und lässt uns erschaudern, glücklich sein und uns alles in den schönsten Farben ausmalen. Wenn der besondere Moment dann da ist, ist er auch schon wieder vorbei und was bleibt, sind Erinnerungen.

Gerade gestern habe ich darüber geschrieben, wie es ist wenn ein Leben endet. Ein Ende und ein Abschied für immer und auch für ewig, obwohl ich gerade eben geschrieben habe, dass es die Unendlichkeit gar nicht gibt. Und doch scheint es sie zu geben, nämlich im Tod. Im Nichts. Oder auch nicht. Niemand weiss es, einige glauben irgendetwas.

Freundschaften enden, Menschen leben sich auseinander, finden neue, interessantere Menschen, mit denen sie sich verbinden und Zeit verbringen möchten. Das ist der Lauf der Zeit. Normal. Und doch ist auch das manchmal mit loslassen verbunden und loslassen ist vielleicht mit losreissen verbunden und vielleicht tut das dann einem von beiden mehr weh als dem andern.
Und manchmal ist längst nicht alles ein Ende, was wie ein Ende aussieht. Manchmal ist es nur ein Warten, ein Zwischenraum und die Angst vor dem Ende, die uns etwas zusammenphantasieren lässt.

Ich glaube, wir füllen so manche innere Leere mit einem Menschen. Einem, der ganz genau das ist, was wir brauchen. Ganz genau das, was uns glauben macht, wir wären nicht leer, nicht zerbrochen. Es ist schön, dass es das gibt. Und aber auch unschön, wenn dieser Mensch dann nicht mehr da ist, denn dann werden wir auf unser inneres Leer-Sein zurück geworfen und das ist vielleicht das allerschlimmste Gefühl von allen.
Leere ist schwer auszuhalten. Für mich jedenfalls.
Und dennoch tu ich es, wenn sie mal da ist. Muss.

Ich glaube, wenn wir vermögen, alle diese leeren Stellen in unseren Herzen selbst auszufüllen und wir mit uns selbst zufrieden und glücklich sind, dann sind wir bereit für die Liebe. Denn dann brauchen wir nicht mehr, kompensieren wir nicht mehr, sind wir nicht mehr abhängig, sondern sind wirklich frei für jemanden.

die Liebe

Ich finde, es geht im Leben immer darum, etwas Gutes aus dem zu machen, das man hat oder bekommt. Oder das Bestmögliche. Dinge umzudrehen, um zu schauen, wie es auf der andern Seite aussieht. Fünf Schritte retour gehen, um es von dort aus zu betrachten oder ganz nah ran zu gehen, um etwas wirklich ganz genau sehen zu können.

Es geht darum,
in Tumult und Lärm die Ruhe zu finden.
In der Dunkelheit das Licht und
in einem Haufen Dreck den Schatz.

In Berg- und Talfahrten die Balance.
In Streit und Krieg den Frieden und
in der Krise die Chance.

Im Dickicht und Gestrüpp den Weg.
Im Chaos und Wirrwar die Ordnung und
in der Kälte die Wärme.

In der Trauer den Trost.
In Verzweiflung und Angst die Hoffnung und
in der Angst die Hand, die uns hält.

Im Bösen das Gute.
Im Hässlichen das Schöne und
in allem die Liebe.

Der Tag, an dem meine Mutter starb.

Mein Grossvater ist gestorben, als ich sechs war. Ich kann mich daran erinnern, dass er zuhause im Bett lag und sehr krank war und meine Patentante mit mir ins Zimmer ging, damit ich mich von ihm verabschieden sollte. Ich wollte nicht, auch daran erinnere ich mich, musste aber.
Das war der Vater meines Vaters. Der andere Grossvater ist vor meiner Geburt gestorben. Ich glaube, er war so um die 50 und hatte einen Herzinfarkt. Das war ein paar Tage vor der geplanten Hochzeit meiner Eltern und so kam es, dass an diesem Tag statt eine Hochzeit eine Beerdigung stattfand.
Meine Grossmütter wurden beide sehr alt und obwohl ich sie sehr geliebt habe und natürlich traurig war, war ihr Tod irgendwie okay für mich. Das klingt jetzt bestimmt falsch. Ich will damit sagen, dass wenn jemand über 90 ist, der Tod halt nicht mehr so unerwartet und plötzlich kommt wie dann, wenn jemand jünger ist. Wir kennen die Lebenserwartung des Menschen in ungefähr und müssen damit leben, dass keiner 150 oder 200 wird. Traurig ist das natürlich trotzdem, man versteht es aber vielleicht einfach besser.
In vielen meiner Kindheitserinnerungen kommen meine Grossmütter vor, besonders die eine, und ich denke auch Jahre nach ihrem Tod noch viel an sie. Nicht mehr so vermissend, aber liebevoll und dankbar. Das sind einfach super Erinnerungen.

Eine ganz andere Erfahrung machte ich mit dem Tod, als er sich meine Mama holte. Sie war seit etwa einem Jahr krebsfrei. Ich glaube, wir gewöhnten uns langsam daran, uns keine Sorgen mehr zu machen und entspannter zu sein, als sie starke Rückenschmerzen unbekannter Herkunft bekam. Die gingen nicht mehr weg. Als es immer schlimmer wurde, half ich ihr viel im Haushalt, nahm ihr Arbeiten wie z.B. das Einkaufen und die Wäsche ab.
Ich glaube, ich hatte damals das Thema Krebs total ausgeblendet, was mir jetzt sehr schräg vorkommt. Es war doch irgendwie offensichtlich, dass er zurück war… Aber ich wusste es nicht oder wollte es nicht wissen. Oder vielleicht erinnere ich mich total falsch an all das, ich weiss es nicht. Leider kann ich niemanden mehr fragen, der das wüsste.
Irgendwann musste sie dann ins Krankenhaus, war etwa zwei Wochen dort und verliess es nicht mehr lebend. So schnell ging das. Dort erfuhr ich, dass sie wieder Krebs hat und zwar jetzt einfach überall, es war zu spät für alles. Es war ein Schock. Und alles ging viel zu schnell.

Die letzten drei Tage lag sie auf der Intensivstation. Am Abend bevor sie starb waren mein Vater, mein Bruder und ich noch bei ihr. Sie stand unter Morphium und war aber noch bei Bewusstsein. Sie sagte, dass sie noch nicht sterben will.
Am nächsten Morgen hätte ich eigentlich Schule gehabt. Ich hatte dieses komische, unruhige und ungute Gefühl schon beim Aufwachen, diese Vorahnung… und statt in die Schule fuhr ich früh morgens schon ins Krankenhaus. Dort wurde ich von einer Ärztin empfangen und in ein Zimmer geführt, wo sie mir erklärte, dass sich der Zustand meiner Mutter sehr verschlechtert habe und ich nun entscheiden müsse, ob man sie künstlich beatmen soll oder nicht. Sie empfahl es nicht, denn eine Chance aufs gesund werden gäbe es nicht und der Beatmungsschlauch könnte zusätzliche Infektionen hervor rufen.

Aber gestern Abend hat meine Mama ja noch gesagt, sie wolle nicht sterben….

Ich wollte zu ihr.
Sie war noch bei Bewusstsein, konnte aber nicht mehr sprechen. Ich fragte sie, ob die Ärzte es ihr erklärt hätten und sie nickte. Und dann fragte ich sie, ob sie einverstanden sei und sie nickte wieder…. Ich bin auch nach 22 Jahren noch wahnsinnig dankbar dafür, dass sie noch zustimmen konnte.
Ich rief meinen Vater an, der bei der Arbeit war und gleich los fuhr. Und dann fuhr ich nach Hause zu meinem Bruder, um ihm alles zu erklären und ihn abzuholen. Er hatte drei Jahre zuvor einen ganz schlimmen Motorradunfall mit bleibenden Schäden erlitten und war zu dieser Zeit noch in Rehabilitation.
Als wir im Krankenhaus ankamen, war meine Mutter nicht mehr bei Bewusstsein.

Ich hatte mal gelesen, dass Menschen manchmal ganz lange nicht sterben bzw. loslassen können, weil sie denken, es ginge nicht ohne sie. Meine Mutter hat wahnsinnig gelitten, als mein Bruder den Unfall hatte und an den Folgen fast gestorben war. Es war eine unerträglich schlimme Zeit für die ganze Familie und ganz besonders für meine Mutter.
Er hatte sich unterdessen einigermassen erholt, war aber noch in Rehabilitation. Viele Therapien usw. Und sie begleitete und unterstützte ihn bei allem, denn er konnte alleine nirgends hin und war noch sehr eingeschränkt in seinen Bewegungen und auch sonst. Ich wusste, dass sie sich grosse Sorgen um ihn machte.
Ich fragte meinen Bruder, ob ich ein paar Minuten allein mit ihr sein dürfe und sagte ihr in dieser Zeit, dass Papa und ich auf meinen Bruder aufpassen werden, dass sie sich keine Sorgen machen solle und dass sie gehen darf.
Danach dauerte es nur noch ein paar Minuten bis das Gerät, an dem sie hing, anfing zu piepen und den Herzstillstand anzeigte.
So tapfer wie das alles klingen mag, ich war nicht tapfer. Nur vernünftig und ich wollte sie nicht mehr leiden sehen, ich hielt das nicht aus. Ich wollte nicht, dass sie stirbt. Ich wollte, dass alles wieder gut wird, dass sie gesund wird und alles einfach vorbei ist. Aber ich wusste, das wird nicht geschehen, also sollte sie loslassen und in Frieden sterben können.

Mein Vater kam erst kurz nach ihrem Tod an und das war gut so. Ich glaube, meine Mutter hat gewusst, dass er das nur schlecht hätte ertragen können.

Nun war sie also tot, meine Mutter. Viel zu früh.
Irgendwie war das immer mein Alptraum und etwas, was ich mir nie vorstellen konnte. Ein Elternteil zu verlieren. Ich wurde mit dieser Situation relativ früh in meinem Leben konfrontiert und ich muss sagen, ich war nicht bereit dafür. Es hat wirklich sehr lange gedauert, bis ich da einigermassen drüber hinweg gekommen bin.

Ostern 1995 war der Unfall meines Bruders und im September 1998 ist meine Mutter gestorben. Mich hat das beides durchgeschüttelt und ich glaube, ich hatte nach dem ersten Ereignis gar nicht genug Zeit, wieder richtig Boden unter den Füssen zu bekommen, als er mir erneut weg gezogen wurde. Ich wusste es damals nicht, aber jetzt denke ich, dass ich traumatisiert war. Ich hatte Angstzustände. Verlustängste. ich erinnere mich gut daran, wie ich jedesmal Panik hatte, wenn ich die Sirene der Ambulanz durchfahren hörte. Diese Angst, es sei meinem Bruder oder meinem Vater etwas passiert und die ging erst weg, wenn ich anrief und fragte, ob alles okay ist. Natürlich war immer alles okay, nur ich nicht, ich war gestört. (Mit der Zeit ging das dann aber wieder weg, unterdessen bin ich wieder ziemlich normal.) Ich hatte auch jahrelang Schuldgefühle, weil ich sie damals nicht aufgefordert habe, zu kämpfen, zu überleben und nicht aufzugeben… Sehr, sehr lange. Unterdessen nicht mehr. Es war alles richtig, so wie es war.
Mein Bruder konnte damit viel besser umgehen als mein Vater und ich, ich glaube, das hat mit seiner Hirnverletzung zu tun. Papa hat nicht viel darüber geredet, aber ich weiss, dass er es schwierig fand.

Neun Jahre später starb er ja dann auch an Krebs. Von dieser Begegnung mit dem Tod erzähle ich ein anderes Mal, es ist genug für heute. Als ich kurz nach seinem Tod die Wohnung räumte, waren all die Anziehsachen usw. von meiner Mama immer noch im Kleiderschrank und das tat mir damals so Leid. Ich glaube, er fand das alles viel schwieriger als ich wusste und ich hätte mehr für ihn da sein sollen, habe es aber nicht gemerkt und nicht gekonnt zu dieser Zeit.

Das alles ist 22 Jahre her und mir geht es sehr gut. Ich vermisse meine Mutter an manchen Tagen oder in manchen Situation noch, aber nicht mehr so oft und nicht mehr so schmerzlich wie am Anfang. Aber seit ich selber Mutter bin und halt seitdem ich alleinerziehend bin. Ich hätte es meinem Kind so gegönnt, Grosseltern zu haben und meinen Eltern, mein Kind zu kennen, weil es so ein tolles ist.
Aber im grossen und ganzen habe ich mich längst daran gewöhnt, dass sie nicht mehr da sind. Ich muss ehrlich gestehen, dass die Erinnerungen an meine Mutter langsam verblassen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie sie jetzt wäre, 22 Jahre älter…

Und so heilt die Zeit vielleicht doch ein wenig die Wunden, wenn wir sie nur lassen…







Sie wären ja sowieso gestorben…

Zwei Monate Corona und es fällt schwer, weiterhin durchzuhalten. Es geht uns allen so, ich weiss. Ich tu’s trotzdem. Durchhalten. Ich bin froh, dass die Zahlen der Neuinfizierten momentan nicht mehr hoch sind und mir wäre es recht, wenn sie nicht nochmal drastisch ansteigen würden. Ich vermisse vieles, denn ich bin ein Mensch, der nicht soooo einfach auf soziale Kontakte verzichten will. Mach ich aber. Natürlich. Für alleinstehende bzw alleinlebende Menschen bedeutet dies, dass man jetzt seit mehr als 8 Wochen keinen so gut wie keinen direkten Kontakt zu andern erwachsenen Menschen hatte. Mir fehlt das sehr. Die Aktivitäten, auf die wir momentan ebenfalls alle verzichten, fehlen mir nicht.

Mich ärgern am ganzen Corona-Zeugs momentan eigentlich die Reaktionen bzw Aussagen von einigen, die ich null nachvollziehen kann. Und ich bin tatsächlich ein Mensch, der vieles versteht und vieles nachvollziehbar findet, auch wenn’s nicht meine Meinung ist.

Heute habe ich zB gelesen „Ich glaube nicht an Corona“. Also was? Was bedeutet das? Ich glaube nicht an Corona? Glaubt man da auch nicht an Ohrenschmerzen oder den Noro-Virus? Denkt man, Dinge an die man nicht glaubt, existieren nicht? Wie praktisch! Wenn man also nicht an Krebs glaubt, ist man safe. An all die psychischen Krankheiten muss man auch nicht zwangsläufig glauben, denn sie sind eh nicht immer klar ersichtlich.

Oder meinte diese Person, Corona werde nur vorgetäuscht? Da gibt es ja dann so einige zum Teil sehr interessante (bescheuerte, durchgedrehte, psychotische, gestörte, extrem fantasievolle) Geschichten und ich möchte behaupten, jemand mit einem gesunden Menschenverstand und ohne Wahnvorstellungen weiss, dass das alles Kacke ist.

Nach wie vor ist auch die Meinung, Corona sei nicht so schlimm und es würden daran viel weniger Menschen sterben als an einer Grippe, weit verbreitet.

Heute hat mir eine Frau in einer dieses Thema betreffende Facebook-Diskussion geschrieben, dass diese Menschen ja sowieso gestorben wären. Diese Aussage finde ich noch dümmer als andere. Und sehr pietätlos. Ich habe darauf geantwortet, dass man das dann ja auch bei Krebs- oder Unfalltoten sagen kann. Oder bei Suiziden, bei Totgeburten und eigentlich grad immer, wenn jemand stirbt. Denn jeder wird sterben. Irgendwann… Haupsache, es sterben andere. Fremde. Dann kann uns das getrost egal sein? Sie bejahte diese Aussage.

Ich finde auch, wenn jemand 95 ist, dann wird er vermutlich nicht noch weitere zehn Jahre leben. Und dennoch hat er ein Recht auf seine restliche Lebenszeit, es ist nicht egal, wenn er morgen an Corona stirbt. Es ist nie egal. Eigentlich war ich immer der Meinung, dass ein Menschenleben so ziemlich das wertvollste sei, das es gibt, oder? Mir hat jetzt eben noch eine geschrieben, dass dass die „natürliche Selektion“ sei. Die Schwachen nimmts. (Siehe Bild unten)

Da frage ich mich, in welcher Phase der moralischen Entwicklung solche Menschen stecken geblieben sind… Da gehört wohl dann auch die Meinung mit hinein, dass zB behinderte Menschen, die ja irgendwie zu unseren Schwächsten gehören, auch keine Berechtigung zum Leben haben? Und wir ist es mit Aborten? Und Kranken? Ist ja egal, wenn die jetzt an Corona erkranken und evtl sterben, natürliche Selektion. HAUPTSACHE, ES TRIFFT NICHT MICH. Gehts noch dümmer und taktloser? Was ist da falsch gelaufen in der Erziehung? In der Vermittlung von Werten? So ziemlich alles, oder?

Leute, ganz ehrlich. Personen mit einem solchen Menschenbild machen diese Welt zu einer schlechten. Das ist meine Meinung. Genau so ein Mensch hat vor 90 Jahren mal Deutschland angeführt. Ein menschenhassendes Arschloch, dem Menschenleben nichts wert waren. So einer regiert momentan die USA. Ich würde nicht sagen, dass er menschenhassend ist, aber ganz bestimmt ist er gleichgültig ihnen gegenüber. IHM gehts ja gut.

Diese Gleichgültigkeit und diese Abwertung von Menschen… Ich finde das nicht nur unschön, sondern auch erschreckend. Und dann wundert man sich, warum die Welt ist, wie sie ist!

In Clubs gehen, ausgehen, sich seiner Freiheiten nicht berauben lassen wollen, auf Kosten der „Schwächsten“… Ich rege mich über so etwas wirklich sehr auf. Vielleicht weil ich weiss, wie Verluste sich anfühlen, vielleicht aber auch einfach, weil ich kein Misanthrop bin.

  • Diese Facebook-Unterhaltung von heute… Ich habe betr. „natürliche Selektion“ dieser Dame geantwortet, dass also ihrer Meinung nach zB behinderte Menschen auch keine Daseins-Berechtigung hätten usw. Ihre Antwort, siehe Foto (ich werde es unten übersetzen). Danach habe ich nicht mehr zurück geschrieben…:
  • Übersetzung: Klar ist ein Menschenleben wertvoll, aber wenn eine Krankheit kursiert, nimmts halt immer zuerst die Schwachen. 🤷🏼‍♀️ Und nur, weil jemand behindert ist, heisst es nicht, dass er zu den Schwachen gehört oder zu denen, die sterben müssen, aber mit unserem Gesundheitssystem, wo die Leute immer älter werden, braucht es irgendwie auch einen natürlichen „Feind“, der die Population in Zaun (sie meint Zaum) hält… weil erschiessen wie bei den Tieren darf man sie ja nicht und auch wenn man dürfte, würde ich zuerst die Dummen holen. (Also sich selbst…)

    Ich weiss auch nicht, was ich da noch sagen soll… Aber mit dieser Einstellung wird das nichts mit einer besseren Welt und ich hoffe von Herzen, dass diese Frau zu einer winzig kleinen Minderheit gehört.

    Die (fehlende) Wertschätzung von Care-Arbeit und Erziehung

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    Dasselbe Volk, das auf dem Balkon fürs Gesundheitspersonal applaudiert, zieht über Eltern bzw. vor allem wohl über Mütter her, denen die letzten zwei Monate alles zuviel wurde… Und dieselben Menschen merken nicht, dass sie sich da selbst widersprechen, denn es geht um Wertschätzung und um die Aufwertung der Arbeit, die „früher“ und auch oft heute noch vor allem von Frauen, aber nicht nur, z.B. in Familien übernommen wurde und wird. Es geht um die Pflege, um die Erziehung, die Arbeit in der Familie und im Haushalt. Um unbezahlte oder schlecht bezahlte Arbeit, wenn wir ehrlich sind.
    Die Angst vor dem Corona und die Angst davor, vielleicht auf Gesundheitspersonal angewiesen zu sein, falls man erkrankt, hat ein bisschen wach gerüttelt. Aber nur ein bisschen und eigentlich auch nur, um den eigenen Arsch zu retten, wenn ihr mich fragt. Geht’s dabei tatsächlich darum, sich für bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung für das Personal in diesem Sektor oder ging es einfach darum, sie alle schön bei Laune zu halten? Sie zu ermuntern, sich weiterhin den Arsch aufzureissen und nicht aufzugeben, denn wir alle sind potenzielle Patienten und wir alle möchten gerettet werden, falls es hart auf hart kommt.

    Und was ist mit dem Personal in Alters- und Pflegeheimen, die wohl seit Jahren knapp sind an Mitarbeitenden und alles ihnen mögliche tun, um den betagten Menschen einen angenehmen und glücklichen Lebensabend zu bieten. Diese Arbeit ist weitaus mehr als „nur“ Pflege, worauf sich aber viele Institutionen wohl reduzieren mussten. Dabei ist es doch ebenso wichtig, Zeit zu haben für diese alten Menschen. Ein Schwätzchen zu halten zwischendurch. Zuzuhören, denn ich könnte mir vorstellen, dass sie zum Teil echt viel zu erzählen haben, zu verarbeiten haben. Spazieren zu gehen, einfach Zeit zu haben, ohne von Klient zu Klient zu hetzen.
    Vielleicht sehe ich das ganz falsch, keine Ahnung. Ich habe keinen Einblick in solche Institutionen, meine Worte sind einfach meinem Vorstellungsvermögen entsprungen und vom Gefühle her würde ich sagen, total unrealistisch sind sie nicht.

    Dasselbe tut das Personal in Institutionen, zB für behinderte Menschen. Tagein, tagaus, egal was passiert. Betreuungsarbeit ist soooo viel mehr als nur Arbeit.
    Und da spreche ich jetzt in Wir-Form, denn in diesem Bereich arbeite ich. Am Anfang meiner Tätigkeit habe ich mit Jugendlichen gearbeitet (Dissozialität und später mit Jugendlichen mit psychischen Problemen oder Lernschwierigkeiten). Danach zog es mich in ein Kleinkinderheim, wo Kinder wohnten, die aus irgendwelchen Gründen nicht zuhause wohnen konnten oder durften. Später betreute ich psychisch kranke Erwachsene und danach nochmal Jugendliche und seit ein paar Jahren nun erwachsene Männer und Frauen mit einer geistigen Behinderung. Wie es typisch ist im sozialpädagogischen Bereich, habe ich immer im stationären Bereich gearbeitet. Die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, haben also dort gewohnt, manchmal für immer, manchmal für eine längere Phase oder einfach für eine Weile.

    In meiner Arbeitszeit begleite ich also Menschen, die mit mir sozusagen ihre Freizeit verbringen. Ich arbeite in ihrem Zuhause. Und ich bin eine sehr wichtige Bezugsperson, für einige sogar die wichtigste, die sie momentan haben. Das ist eine grosse Verantwortung, die soll mit Sorgfalt getragen werden wie alles andere in diesem Beruf ebenfalls

    Ich bin noch in Kontakt mit zwei, drei Jugendlichen, die ich damals einen Teil auf ihrem etwas holprigen Weg begleitet habe. Unterdessen sind sie natürlich erwachsen und eigentlich gar nicht so viel jünger als ich es bin. Es hat einige dabei, die als Kind fast ausschliesslich in Heimen gelebt und unter den Beziehungsabbrüchen zu ihren Bezugspersonen sehr gelitten haben. Denn wenn eine Betreuerin kündigt, verliert der betreute Mensch unter Umständen eine ihr sehr nahestehende Person. Eine, die ihm zugehört hat, die ihm geholfen hat einige seiner Ziele zu erreichen, eine die konstant immer wieder da war, eine auf die er sich verlassen konnte, eine die ihn in seinen Schwierigkeiten unterstützte und in seinen Fähigkeiten bestätigte und förderte. Und halt einfach Zeit mit ihm verbrachte und zwar in seinem Wohnbereich, was ja etwas sehr privates ist. Es gibt auch Bereiche in unserer Arbeit, wo man dem Klientel körperlich sehr nah kommen muss, z.B. wenn man ihnen beim waschen helfen muss oder sowas. Ich muss das nicht und mir wäre das auch gar nicht gegeben. Ich habe mir mein berufliches Umfeld immer so ausgesucht, dass Pflege da nicht dazu gehört.
    (Bei all diesen oft privaten Themen und unserem Aufhalten im Privat- und manchmal sogar im Intimbereich dieser Menschen ist eine professionelle Beziehung und Vorgehensweise neben Fachkenntnissen natürlich sehr wichtig.)

    Ich finde es sehr wichtig, dass mit all diesen Menschen gut ausgebildete Fachkräfte arbeiten. Jeder Mensch hat ein Recht darauf und auch ganz bestimmt vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich. Und genau da wird am ersten gespart, wenn gespart werden muss. Seit Jahren. Oder seit immer?
    Wie wäre es, wenn es im Coiffeurgeschäft zu wenig Angestellte hätte und die Coiffeuse kaum richtig Zeit für euch hätte und deswegen allen die selbe Frisur und Farbe auf den Kopf knallen würde? Oder wie wäre es, wenn der IT-Mann, der gerade arbeitslos ist, beim Bäcker als unausgebildete (Billig-)Arbeitskraft arbeitet und dort Brötchen backt? Sie wären günstig und es gäbe viele, aber sie wären trocken und hart wie Stein. Oder wie wäre es, wenn der Gärtner nicht mehr soooo Bock auf seinen Beruf hat und statt Hecken nun lieber Zehennägel schneidet, davon aber keine Ahnung hat? Oder wie wäre es, wenn die Bundesregierung sparen müsste und überall schlecht qualifizierte Präsidenten die Staaten regieren würden? Wäre das auch in Ordnung?

    Den Berufen im Gesundheits- und Sozialbereich wird keine grosse Wichtigkeit, kein grosser Stellenwert zugeschrieben. Noch immer. Obwohl das Dienstleistungen sind, die die meisten von uns irgendmal in unserem Leben in Anspruch nehmen werden müssen.
    An der Haltung der breiten Bevölkerung hat auch Corona nichts geändert, das sind Meinungen und Haltungen, die wir Menschen in unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten, Jahrhunderten in uns verankert haben. Wertvorstellungen, die wir übernehmen, Generation für Generation. Da wird ein bisschen applaudiert und das war durchaus nett, versteht mich nicht falsch. Aber bringts jemandem etwas? Nein. Es würde all diesen Berufsleuten und den betreuten Personen weitaus mehr helfen, wenn ihr sie auch wertschätzt, wenn ihr gesund seid. Und vor allem, wenn ihr bei Wahlen und Abstimmungen an die Institutionen im Gesundheits- und Betreuungswesen denkt und Parteien wählt, die sich für soziale Anliegen einsetzen.

    Wir denken ja, dass wir in einer aufgeklärten Gesellschaft leben. Offen und modern. Und schon recht emanzipiert. Aber das stimmt nicht. Und die vergangenen acht Wochen haben dies sehr deutlich gezeigt, finde ich.
    Die Schulen wurden geschlossen und das war bestimmt eine gute Entscheidung. Und da ist man wohl davon ausgegangen, dass eine Familie aus einem Vater, einer Mutter und einem, zwei oder drei Kindern besteht. Ein Elternteil arbeitet, im traditionellen Rollenverständnis wohl der Vater, und die Mutter ist Hausfrau und ist dementsprechend zuhause. Deswegen ist es gut machbar, die Kinder zuhause erstens zu betreuen und zweitens sie beim sogenannten Homeschooling zu begleiten. Mehrere Stunden am Tag.

    In dieser Planung wurden ganz viele vergessen und meiner Meinung nach auch ziemlich verheizt. Nämlich die berufstätigen Mütter und auch die alleinerziehenden Mütter, die ja meistens auch berufstätig sind, denn sie müssen Geld verdienen, um eine Familie zu ernähren. Der Arbeitgeber erwartet 100prozentigen Einsatz und in einer Krisenzeit vermutlich noch mehr als das. Zu Recht, denn er ist ja auf diese Fachkraft angewiesen und bezahlt ihr am Ende des Monats ihren Lohn.
    Es war ganz selbstverständlich, dass Mütter das alles irgendwie auf die Reihe kriegen. Ich finde, da wurden sie wirklich überhaupt nicht ernst genommen erstens in ihrer beruflichen Tätigkeit und zweitens auch als Mutter. Es war z.B. selbstverständlich, dass eine Frau Homeschooling machen kann mit den Kindern, während sie gleichzeitig Homeoffice machte. Aber Homeoffice bedeutet eigentlich, dass zuhause gearbeitet wird und zwar genau so viele Stunden wie normalerweise am Arbeitsort. Ja, wirklich. Aber wie soll denn das gehen, wenn die Kinder zuhause sind man neben dem eigentlichen Job auch noch Lehrerin sein soll? Andere müssen am Arbeitsort arbeiten, währenddem sie gleichzeitig zuhause die Kinder betreuen sollten. Da entsteht viel Druck, viel Stress, zeitlich und energiemässig, denn alles will gut gemacht werden bzw. alles will gemacht werden.

    Ich habe jeden Morgen ab 8 Uhr mit dem Kind Schulsachen gemacht. Den ganzen Morgen. Das Kind hat nicht immer gleich gut gearbeitet. Zuhause ist die Ablenkung grösser und die Mama ist irgendwie auch anders als die Lehrerin. Da kann man auch mal bocken und trödeln und frech sein und überhaupt. Wir waren bis Ostern auf uns selbst gestellt, wir haben einen grossen (riesig) Stapel Broschüren und Bücher bekommen mit einer Liste, was die nächsten drei Wochen abgearbeitet werden muss. Danach haben wir nichts mehr von der Schule gehört, wir mussten auch nichts abgeben zum korrigieren oder so. Nach Ostern dasselbe noch einmal, dieses Mal war aufgelistet, welche Aufgaben wir in der ersten und welche in der zweiten Woche erledigen sollten. Es war viel zu viel, wenn ihr mich fragt. Zwei Bastelarbeiten waren dabei, die haben dem Kind Spass gemacht und wir durften der Lehrerin Fotos davon schicken. Leider kam darauf keine Reaktion, was ich traurig fand und auch irgendwie unfreundlich, wenn ich ehrlich bin.

    Ich habe immer versucht, während diesen gut drei oder vier Homeschooling-Stunden zwischendurch etwas im Haushalt zu machen, eher so semi-erfolgreich.
    Dann gekocht und auch währenddessen von Küche zum Kind am Esstisch hin und her und her und hin, bis es dann alles versorgen durfte und wir assen. Danach ein bisschen spielen und aufs Sofa liegen (ich), durchatmen und dann das Kind bei seinem Vater abliefern und zur Arbeit gehen bis abends um 20 /21 Uhr. Wenn ich dann abends müde nach Hause kam, hatte er das Kind in meiner Wohnung zu Bett gebracht und wartete bis ich kam, um dann selbst in die Nachtschicht zu gehen. Meistens war das Kind noch wach und ich erledigte noch ein paar Sachen (Meerschweinchen überprüfen und eventuell Heu nachfüllen, Wäsche aufhängen, Geschirrspüler leeren oder füllen usw.), bis ich dann erschöpft neben dem Kind lag, ihm den Rücken krabbelte, bis es einschlief. Ich schlief auch ein, obwohl ich noch sooo gerne geduscht hätte. Ich mach das am Morgen… denn um 06.15 klingelt wieder der Wecker.
    So war das MI, DO und SA immer. Montags hatten wir am Nachmittag beide frei und Zeit, spazieren oder Radfahren zu gehen. Dienstags arbeitete ich morgens und wir mussten den ganzen Nachmittag für die Schule arbeiten. Freitags hatten wir am Nachmittag auch frei, meistens habe ich da aber dann etwas im Haushalt gemacht, damit ich nicht alles sonntags machen musste.

    Also. Wenn eine Mutter sowas dann erzählt, geht das ja sehr schnell unter jammern. Aber es ist nur erzählt. Ich muss sagen, ich bin weit über meine Grenzen hinaus gekommen und ich könnte das nicht noch einmal durchstehen. Ich fand es schön, das Kind zuhause zu haben. Bei mir. Aber durch den ganzen Druck und den ganzen Stress hatten wir zwei zeitweise auch viel Stress, die Nerven lagen zwischendurch recht blank. Es ist ja bitter, dass man sich dann rechtfertigen muss für so etwas oder dass man dann als nicht belastbar angeschaut wird. Aber ist man tatsächlich weniger belastbar als andere, wenn man das alles ganz allein macht und noch viel mehr oder ist man dann vielleicht nicht sogar super-belastbar, aber es ist einfach nicht mehr so richtig im Bereich des möglichen?
    Ja, aber dafür müsste man ja die Sichtweise ändern und das können nicht alle. Ich glaube aber, das zeigt ganz klar, dass unsere Länder auch heute noch auf diesem traditionellen Rollenbild funktionieren bzw. versuchen zu funktionieren, obwohl das längst so nicht mehr stimmt. Das geht auf die Kosten der Frauen, ganz ehrlich. Denn ich würde jetzt behaupten, die meisten Mütter machen einen riesigen Spagat und reissen sich den Arsch bis zur extremen Erschöpfung auf, weil die Kinder nicht unter der Situation leiden sollen.

    Ich habe in den letzten Tagen viel gelesen, wie andere Mütter in der Schweiz und in Deutschland diese Lockdown-Wochen erlebt haben, mit Fokus auf die Schulschliessung und die Doppelbelastung, der viele dann ausgesetzt waren bzw. Dreifachbelastung. Es gab Mütter, die haben ausgerechnet, wieviel Geld der Bund ihnen für die von ihnen wahrgenommene Betreuung schuldet oder schulden würde. Ich persönlich finde das nun schon auch überzogen, auf solche Gedanken wäre ich jetzt nicht gekommen. Aber es ist egal. Es hat z.B. bei Twitter etliche Erfahrungsberichte. Ich denke nicht, dass es dabei ausschliesslich um den finanziellen Aspekt geht, sondern über ganz viel Müdigkeit und Überbelastung und halt nicht zuletzt auch um die unbeachtete Arbeit, die Mehrbelastung, die Mütter leisten. (Wenn ich von Müttern schreibe, betrifft das natürlich all die Väter, die das ebenfalls tun, auch.)
    Sehr, sehr krass sind aber dann zum Teil die Kommentare, die auf diese Eltern reagieren. Ich schreibe euch mal einige auf, sie sind unter dem Hashtag CoronaElternRechnenAb und #CoronaEltern zu finden. (Rechtschreib- und Grammatikfehler übernehme ich, wegen zitieren und so):

    Euch sollte man die Kinder wegnehmen was stimmt nicht mit euch?????
    @EffzehEngel

    Ich schreibe übrigens keine Rechnung für meine Arbeit zuhause mit Kindern, Schulaufgaben und Haushalt.
    Ich glaube, wenn man Kinder bekommt, gehört es zum Lebensrisiko, dass man sich um sie kümmern muss.
    @Parns1

    Das italienische Restaurant um die Ecke wird Augen machen, wenn ich ihm in Rechnung stelle, dass ich acht Wochen lang selbst Pasta machen musste.
    @DandeloGale

    Beim Sex zu blöd für die Verhütung und dann dem Staat die Rechnung für die eigenen Konsequenzen präsentieren. Genau mein Humor.
    @AlterSack10

    Stell dir vor, du musst während einer weltweiten Pandemie auf DEIN Kind aufpassen! Verrückt oder? Wer will denn bitteschön auf sein eigenes Kind aufpassen?
    @Pulkz_

    #CoronaElternRechnenAb oder auch:
    Ich hatte Sex, will mich aber nicht mit den Konsequenzen konfrontieren und irgendwie sind die Bratzen, trotz des Ratgebers, echt anstrengend, also ab, weg damit, bis ich sie mit 18 vor die Tür setzen kann.
    @blckmtlbrbie

    Man bekommt mittlerweile den Eindruck, dass das Leben zu Hause zwischen Eltern und Kind einer Kriegsgefangenschaft gleicht. Warum setzt ihr Kinder in die Welt, wenn ihr diese ausschliesslich in der Kita abgeben wollt und nur „Zeit für euch“ benötigt?
    @blume_grun

    Ich würd ja eher die Kinder dafür bezahlen, das die sich mit ihren scheiss Eltern rumschlagen müssen. Ich will gar nicht wissen, wie die sich fühlen wenn ihre Eltern solche Drecksmesnchen sind.
    @itsamehmika

    Bevor ihr also in eine derart missliche Lage kommt, kneift die Nudel ab, presst die Knie zusammen. Eure ungeborene Brut wird es Euch danken. Bussi aufs Arschi, ihr Kackbeutel…!
    @MannOhneGeduld

    #CoronaElternRechnenAb sorry, aber ich kotze gleich im Strahl. Mimimimi ich hab Kinder, mimimi ich muss alles machen. Na und? Mein Mann und ich sind beide Krankenschwester/Pfleger im 3 Schichtsystem. Unser Kind lebt noch. Kommt mal klar. Ihr habt den Schlag nicht gehört.
    @Kerstin33001384

    Sehr viele Unterstellungen… Ach, und ganz vieles, das tief, tief unter der Gürtellinie ist, das ist mir sogar zu krass, um es zu zitieren. Sowas schreib ich in meinem Blog nicht. Mütter werden so zB Weicheierfotzen genannt und anderes, weil sie erzählen, wie sie es wochenlang schaffen oder fast nicht schaffen, Arbeit, Schule, Erziehung und Haushalt unter ihren Hut zu bringen. Es wird auch ganz deutlich gesagt, dass sie schlechte Mütter sind. Natürlich immer von Leuten, die nicht verstanden haben, worum es ging. Wohl sehr oft auch von Menschen, die gelangweilt zuhause rumhocken und ihr Niveau schon lang nicht mehr gesehen haben. Unterirdisch. Und trotzdem ist das wirklich sehr verletzend und zeigt, dass die Achtung vor Frauen resp. Müttern zum Teil sehr gering ist. Es ist erschreckend.
    Leider stechen mir so oft genau diese Kommentare in die Augen. Die Müdigkeit macht mich verletzlicher im Moment, das ist wohl so.

    Wirklich viele schreiben, dass Mütter, die an ihre Grenzen stossen momentan, hätten abtreiben sollen. Das ist ekelhaft. Und wenn ich mich auf dasselbe Niveau niederlassen würde, würde ich sagen, dass das wohl lieber deren Eltern hätten tun sollen, aber das würde ich nie tun.

    Es gibt auch ganz viele andere Kommentare. Es geht vielen Müttern gleich. Viele andere Menschen – Frauen und Männer – verstehen das. Vielleicht geht es da ja auch gar nicht um Geld, um Bezahlung für diese Arbeit, sondern auch sehr, sehr stark um die Anerkennung dieser Leistung. Um das Wissen, dass Familien ganz schön viel mitgetragen und dazu beigetragen haben, diese Krise durchzustehen. Haben ja auch nicht alle verstanden….

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    Homeschooling (from hell)

    So. Diesen Text schreibe ich mit erhöhtem Blutdruck und Puls bis oben hinaus, er ist also vermutlich nicht sehr objektiv.

    Homeschooling. Seit Wochen.
    Als die Schulen ja ziemlich plötzlich (und doch erwartet) geschlossen wurden, konnten wir ein paar Tage später in der Schule Aufgaben abholen, die für eine Woche reichten. Eine Woche später bekamen wir dann einen riesigen Stapel Aufgaben, die dann gleich bis zu den Osterferien reichten. Es war wirklich sehr viel und die Eltern mussten das alles selber einteilen und strukturieren. Ich muss sagen, wir haben da wirklich immer sehr fleissig und gewissenhaft dran gearbeitet und zwar mehr als 2 Stunden am Tag, denn sonst hätten wir diese vielen Aufgaben nie im Leben geschafft. Nach den Osterfeiern gabs dann nochmal Aufgaben für zwei Wochen. Die waren in Wochenaufgaben unterteilt und es war wiederum wirklich sehr viel. Letzte Woche haben wir alle obligatorischen Aufgaben geschafft. Knapp. Und mir wirklich grossen Zeitaufwand und Disziplin.
    Und diese Woche…. ich weiss es nicht…

    Irgendwie ist die Luft raus. Bei mir und beim Kind. Die letzten Wochen waren anstrengend. Ich habe wie immer gearbeitet – naja, eigentlich war ich die Hälfte der Zeit krank, ich hatte eine Nierenbeckenentzündung. Beim ersten Kranksein durfte ich nicht zum Arzt, mir wurden 10 Tage Isolation verschrieben. Danach habe ich eine Woche gearbeitet, obwohl ich mich immer noch nicht soooo gut gefühlt habe. Danach waren die Schmerzen im unteren Rücken unerträglich und ich bestand darauf, in die Praxis zu dürfen. Und dann war das eben eine Nierenbeckenentzündung. Antibiotika 1 schlug nicht an, also drei Tage später Antibiotika 2. Das half dann.
    Während der ganzen Zeit habe ich jeden Morgen zwei bis drei Stunden Homeschooling gemacht mit dem Kind, obwohl ich mich hundeelend gefühlt habe. Und während den Arbeitswochen natürlich auch. Das sind morgens zwei bis drei Stunden bzw. eher mehr plus Haushalt und kochen und dann nachmittags arbeiten gehen. Wenn das Kind bei seinem Vater war, habe ich gearbeitet. Ich hatte also jetzt zwei Monate nie eine Minute für mich oder zum Ausruhen.

    Ich bin unterdessen wieder gesund. Noch müde von diesen Medikamenten und meine Verdauung ist ganz durcheinander vom Antibiotika.

    Wir sollten jetzt gerade an den Aufgaben für die Schule sitzen. Das Kind bockt seit mehr als einer Stunde. Der Morgen war gut, ich habe gearbeitet und sie war gut gelaunt. Der Mittag war auch gut. Und als es dann losgehen sollte mit der Schule, ging es los mit Theater. Total quer gestanden. Das ganze Programm.
    Wir hatten in den vergangenen Wochen auch zwischendurch ähnliche Phasen, im grossen und ganzen ging es aber gut. Ich empfand das ganze Homeschooling aber als wahnsinnig viel Druck. Ich will, dass das gut klappt und dass mein Kind nach diesen Lockdown-Wochen kein Defizit hat, nur weil es eine alleinerziehende Mutter hat, die arbeitet und deswegen weniger Zeit für all das hat als eine Mutter, die zuhause ist oder sogar einen Mann zuhause hat, der mithilft, mit dem sie austauschen kann, der mal entlastet usw. Ich weiss, dass man sich als Alleinerziehende immer besonders beweisen muss. Da wird schnell mit dem Finger drauf gezeigt und was bei andern normal ist, ist bei Alleinerziehenden ganz schnell „sie hat es nicht im Griff“.

    Also heute läuft jetzt also nichts mehr. Ich bin heute nicht ruhig und ausgeglichen geblieben, ich habe das Kind lauthals zusammengeschissen, ja tatsächlich. Hilfreich ist sowas ja nicht, ich weiss. Das hat vermutlich den Trotzanfall des Kindes jetzt verdoppelt…
    Ich fühle mich deswegen nicht besonders gut, muss ich sagen. Aber ich bin auch nur ein Mensch.

    Eigentlich bin ich echt ganz nah dran, das ganze Homeschooling aufzugeben. Ich kann echt nicht mehr….

    Wie läuft das wohl bei andern Familien so?

    2120

    Wir schreiben das Jahr 2120.

    Ich bin eine alleinerziehende Mutter. Das ist nichts aussergewöhnliches, Eltern bzw Elternteile sind mehrheitlich alleinerziehend. Ich weiss, dass das vor hundert und mehr Jahren noch anders war. Damals waren Alleinerziehende noch eher eine Minderheit. Das hat sich verändert.

    Ich kann nur Teilzeit arbeiten, weil mir die Erziehung,  die Betreuung und die Zeit mit meinem Kind sehr wichtig sind. Ich bekomme für die Arbeit, die ich damit für die Gesellschaft leiste, einen finanziellen Ausgleich. Aus gut erzogenen Kindern werden Erwachsene, die gut auf ihren eigenen Füssen stehen und zurecht kommen. Der Vater des Kindes macht es genau so. Das Kind verbringt drei Tage pro Woche bei ihm und auch er bekommt für diese Zeit einen finanziellen Ausgleich, damit er zuhause bleiben und sich die notwendige Zeit nehmen kann. In den Firmen ist es normal, dass fast alle Teilzeit arbeiten. Es ist sogar sehr erwünscht, da man damit die psychische Gesundheit zum einen der Angestellten und zum andern der Kinder fördern kann. Es gibt nur noch wenige Menschen, die an Depressionen leiden und die Krankheit Burnout, die vor hundert Jahren sehr verbreitet war, ist sogar ganz verschwunden.

    Es ist Dienstagmorgen. Mein Kind sitzt in seinem Zimmer und hat Schule. Es ist mit dem Lehrer und der ganzen Klasse vernetzt. Jedes Kind stellt seinen Stundenplan mit Hilfe des Lehrers und der Eltern selbst zusammen. Individuell nach Interessen und Fähigkeiten.
    Es wird sehr grossen Wert auf die psychische Entwicklung und auch das seelische Wohl gelegt. Ethik steht über jedem andern Fach. Kinder sollen in ihrer Eigenartigkeit gefördert werden, sie sollen zu starken, selbstbewussten und empathischen Personen hinwachsen.
    Massgebend für die beruflichen und privaten Ziele ist der EQ, der Emotionale Intelligenzquotient. Vom allgegenwärtigen IQ und dem damit verbundenen Druck ist man schon vor langer Zeit weg gekommen. Grund dafür war vor allem die Einsicht, dass diese Prioritätensetzung die Menschen und damit auch die Gesellschaft krank gemacht hat.
    In den höchsten Rängen der Gesellschaft, in Führungspositionen, befinden sich Frauen und Männer mit hohem EQ. Empathie, Führungsqualitäten und Sorgfalt werden neben einem aussergewöhnlichen guten Fachwissen natürlich, gross geschrieben.

    Apropos Frauen und Männer… Auf das Geschlecht eines Menschen wird nicht mehr so viel Wert gelegt wie noch vor ein paar Jahrzehnten. Es gibt Menschen, die sind ganz klar männlich oder ganz klar weiblich. Es gibt aber auch andere sogenannte Geschlechter, die jedoch nicht besonders auffallen oder eine andere Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Dies gilt auch für die sexuelle Vorliebe von Menschen. Nachdem diese Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte lang sehr viel Gewicht einnahmen und auch für Verurteilungen führten, kümmert sich heute niemand mehr darum. Man ist der Meinung, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen die andern nichts angeht und so wird das auch gelebt. Gleichgeschlechtliche Paare sind heterosexuellen Paaren gleichgestellt. Es ist für mich eine unverständliche Vorstellung, dass das mal nicht so war.
    *dies gilt natürlich nicht für illegale Vorlieben. Dazu möchte ich sagen, dass uns die Gewaltverbrechen sexueller Art der Vergangenheit zB an Kindern bekannt ist. Diese sind sozusagen auf null gesunken, dank einer neuartigen Therapieform – einer Mischung aus Psychotherapie, Hypnosetherapie und dem Medikament PädExomin -, dessen sich pädophile Menschen mit Erfolg unterziehen.

    Vielleicht hast du davon gehört, dass ein schlimmer Virus vor hundert Jahren so einiges verändert hat in unserer Gesellschaft. Vor allem das gesellschaftliche und zwischenmenschliche Leben. Wir wissen nur noch aus überlieferten Berichten und von Bildern, wie das Leben damals war und finden alles sehr befremdlich. Kaum vorstellbar ist uns die grosse Distanzlosigkeit, mit der die Menschen damals zusammengelebt haben. Körperkontakt haben wir nur zu sehr nahestehenden Menschen, also vor allem in der Familie. Zu andern Menschen finden diese nie statt. Es gilt als sehr unfreundlich und respektlos andern gegenüber,  wenn man sich körperlich zu sehr nähert oder jemanden sogar berührt. Grössere Menschenansammlungen finden schon lange nicht mehr statt, es ist einfach zu gefährlich. Menschen arbeiten wenn möglich von zuhause aus oder in kleineren Gruppen. So auch in den Schulen zB. Kinder werden zum grössten Teil per Fernunterricht ausgebildet und halten sich nur wenige Stunden pro Woche in den Schulgebäuden auf. Es ist wichtig, dass sie den Umgang mit andern Menschen lernen und dafür ist dann doch die Schule ein gutes Übungsfeld.

    Viele Menschen gehen nie ohne Gesichtsmaske aus dem Haus, sie zu tragen ist jedoch freiwillig. Masken sind unterdessen zu einem stylischen Statement geworden, es gibt sie in allen Farben und Mustern und es gibt viele Menschen, die sich ohne sehr nackt fühlen. Dazu möchte ich sagen, dass unter dieser Entwicklung die Kosmetikindustrie gelitten hat. Kosmetikartikel wie Lippenstift werden nur noch spärlich verkauft.

    Der Virus, von dem ich oben gesprochen habe, hiess Covid-19. Er hat damals die ganze Welt aus den Rudern laufen lassen und dies hat sich nie mehr wieder ganz eingependelt. Die Menschheit hat versucht, zur Normalität zurück zu kehren, der Virus hat sie aber immer wieder zum Reagieren gezwungen. Er konnte trotz Impfungen und Medikamenten nicht ausgerottet werden, denn er veränderte sich stetig und griff immer wieder an. Jährlich starben und sterben viele tausend Menschen wegen ihm und wir haben gelernt, damit zu leben. Unterdessen sind wir bei Covid-120 angelangt.

    Das alles ging nicht spurlos an uns vorbei, wie du aus meinem Bericht entnehmen kannst. Wir finden es nicht (mehr) schlimm, ich glaube es ist, wie man damals Krebstote oder Suizidtote hatte. Diese haben wir übrigens nicht mehr. Krebs ist unterdessen gut heilbar und Suizide gibt es kaum noch aus oben genannten Gründen (psychische Gesundheit). Die Mehrheit der Todesfälle sind aufgrund von Covid, aber auch Verkehrstote haben wir sehr viele.
    Das mit dem Krebs war ja damals übrigens eine brisante Geschichte. Irgendwann während oder nach der ganzen Covid-19-Sache ist ausgekommen, dass wirksame Krebsmedikamente längst entwickelt worden sind, dass aber die Pharmaindustrie diese im Versteckten hielt. Aus Gründen des Profits. Diese Enthüllung war wahnsinnig. Die damals die Welt beherrschenden Pharmaunternehmen gibt es unterdessen nicht mehr.

    Ich denke, wenn jemand aus dem Jahr 2020 dies alles nun lesen würde, klänge dieser Bericht für ihn schlimm und auch recht anti-sozial wegen der Distanz usw. Aber das ist es nicht, im Gegenteil. Togetherness wird grösser geschrieben als je zuvor. Es gibt immer wieder Phasen der Quarantäne oder der Isolation, Lockdowns finden in regelmässigen Abständen statt, also immer wenn wieder ein neuer Virus auf uns einbricht.
    In dieser Zeit ist es unumgänglich, einander zu helfen, füreinander da zu sein. Nachbarn, Bekannte und Freunde oder Familien. Und dieses Zusammen-schaffen-wir-es-Gefühl zieht sich durch alles durch, nicht nur in Krisenzeiten. Ich finde das sehr schön.

    Probleme des 20. Jahrhunderts wie z.B. Armut oder auch Hungersnot gibt es nicht mehr. Es gibt Teile der Erde, die unterdessen unbewohnt sind, z.B. grosse Teile des Kontinents Afrika.
    Die Erde kann sich in Zeiten des Lockdowns immer wieder von den Strapazen, die wir ihr zusetzen, erholen. Wir sind aber auch sorgfältiger geworden, wir produzieren weniger Abfall und zB Plastik, wie es ihn damals gab, kennen wir gar nicht mehr.