
Échappée ist ein französisches Wort, das entkommen oder entschlüpfen bedeutet. Es kann eine Flucht oder ein Ausbrechen meinen, aber auch einen freien Durchblick, eine kleine Öffnung zur Aussicht, oder literarisch einfach einen kurzen, kostbaren Moment ausserhalb des Gewöhnlichen. In Wörterbüchern taucht es deshalb zugleich als Ausbruch, als Blicköffnung und als kurzer Zwischenraum auf.
Es ist eigentlich ein wunderschönes Wort, weil es Freiheit nicht gleich riesengross denkt. Nicht als dramatisches Davonlaufen für immer oder als totalen Neuanfang, sondern als etwas Kleines, Feines.
Eine échappée kann ein bewusster Atemzug sein. Eine Tasse Kaffee allein am Fenster. Der Umweg durch eine stille Strasse. Das kurze Vergessen dessen, was uns auf der Seele drückt. Ein paar Minuten, in denen das Leben sich eicht anfühlt.
Ich glaube, wir brauchen gar nicht immer die grosse Befreiung, sondern viel öfter diese kleinen Öffnungen im Tag. Momente, in denen etwas in uns aufatmet, in denen wir spüren, dass wir nicht nur funktionieren, nicht nur tragen, nicht nur durchhalten. Sondern dass da noch etwas anderes ist: Weite. Leichtigkeit. Bewegung. Ein inneres Fenster, das sich für eine Weile öffnet, so dass wir tief einatmen und wieder ausatmen können.
Gerade deshalb gefällt mir dieses Wort sehr gut. Weil es anerkennt, dass das Leben manchmal eng sein kann. Voll mit Verantwortung, mit Gedanken, mit Erwartungen und Druck, mit allem, was uns festhält. Und trotzdem gibt es sie, diese kleinen Auswege. Diese Ritzen im Alltag, durch die Licht fällt.
Eine échappée muss gar nicht spektakulär sein. Sie kann ganz unscheinbar daherkommen.
Als Lied im Auto, leises Geniessen und Aufsaugen oder lautes Mitsingen…
Als Wind auf der Haut und im Haar…
Als ein Satz in einem Buch, der uns plötzlich zurück zu uns selbst bringt, weil er berührt, weil er so sehr passt…
Als Blick in den Himmel zwischen zwei Terminen…
Als Lächeln, das nicht viel ändert und doch für einen Moment alles noch ein bisschen schöner macht…
Vielleicht ist das das Schönste an diesem Wort, dass es nicht verspricht, dass wir für immer frei sein müssen, um uns frei zu fühlen. Manchmal reicht ein einziger Augenblick. Ein kurzer Schritt hinaus aus dem inneren Käfig. Ein Moment der Erleichterung. Eine kleine Flucht zurück zu sich selbst.
Und vielleicht sollten wir solche échappées viel ernster nehmen. Nicht nur so als Nebensache oder als Luxus, sondern als etwas, das uns gut tut und manchmal sogar rettet. Échappées sind nämlich Prävention, kleine Rettungsanker. Weil wir nicht nur grosse Ferien brauchen oder ein anderes Leben, sondern manchmal nur einen Spalt in der Mauer, durch den wir wieder sehen können, dass noch immer ein Horizont liegt…


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