
Es gibt Worte, die eine Haltung beschreiben, für die wir im Deutschen umständlich viele Sätze brauchen. Enryo ist so ein Wort.
Im Japanischen bedeutet es Zurückhaltung. Das bewusste Zurücknehmen der eigenen Wünsche oder Bedürfnisse, damit Harmonie gewahrt bleibt. Es ist nicht Schüchternheit, sondern ein feines Gespür für das Gegenüber. Enryo heisst: Ich dränge mich nicht in den Vordergrund. Ich lasse Raum.
Zurückhaltend sein aus Rücksicht auf andere Menschen.
ZB im Zug nicht laut telefonieren.
Den letzten Keks nicht zu essen, falls jemand anderer ihn möchte.
Nicht zu rauchen, wenn andere dabei sind.
Die Freundin wählen lassen, welcher Film zusammen geschaut wird.
Natürlich kann Enryo auch eine Schattenseite haben, wenn es uns zu sehr daran hindert, das Eigene zu leben oder die eigenen Grenzen oder Bedürfnisse zu beachten. Aber in seiner ursprünglichen Bedeutung steckt etwas Wunderbares: Rücksicht, das Nicht-Immer-Ich-Zuerst, die zarte Balance zwischen mir und dir.
Ich finde, genau das fehlt so oft. Ein wenig mehr Rücksichtnahme, ein bisschen weniger Lautstärke. So dass jeder von uns Raum hat, ohne dass einer ihn ganz für sich beansprucht.


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