Ich möchte euch Marguerite Porete vorstellen


Ein Name, der heute kaum mehr bekannt ist und doch stand einmal eine Frau mit diesem Namen im Zentrum von Paris, umringt von Menschen, die gekommen waren, um zuzusehen.

Es war der 1. Juni 1310. Man hatte einen Holzpfahl errichtet, Holzscheite wurden geschichtet.
Die Menge wartete.

Ihr Verbrechen war kein Mord, auch nicht Verrat oder Diebstahl und sie hatte sich auch nicht wegen eines Aufstandes strafbar gemacht.

Nein. Sie hatte ein Buch geschrieben.
Sie hiess Marguerite Porete.

Marguerite Porete wurde um 1250 in der Grafschaft Hennegau geboren, im Gebiet des heutigen Belgien. Wahrscheinlich stammte sie aus wohlhabenden Verhältnissen, vielleicht sogar aus dem Adel. Sie war gebildet, konnte lesen, schreiben und denken. Fähigkeiten, die für Frauen ihrer Zeit weder selbstverständlich noch erwünscht waren.

Marguerite schloss sich den Beginen an, einer religiösen Gemeinschaft. Diese Frauen lebten zwischen den Welten. Sie waren keine Nonnen, legten keine ewigen Gelübde ab. Sie gehörten keinem Orden an. Sie arbeiteten unter Armen und Kranken, lebten in Gemeinschaften, verdienten ihren Lebensunterhalt selbst und suchten Gott ohne die vollständige Kontrolle männlicher kirchlicher Autorität.
Für viele waren sie ein Zeichen gelebter Frömmigkeit. Für andere eine Bedrohung.

Frauen, die ausserhalb institutioneller Strukturen über Gott sprachen, stellten Fragen, die man lieber nicht hörte. Wer darf Wahrheit aussprechen? Wer darf Gott erklären?

Marguerite ging weiter als viele andere. Irgendwann in den 1290er Jahren schrieb sie ein Buch. „Le Miroir des âmes simples“ — „Der Spiegel der einfachen Seelen“.
Es war kein theologisches Lehrbuch oder ein Manifest, sondern ein Dialog. Allegorische Figuren sprechen miteinander: Liebe, Vernunft, Seele. Sie diskutieren über Hingabe, Freiheit, Verlust des eigenen Willens.

Im Zentrum steht eine radikale Vorstellung: Eine Seele kann Gott so nahe. kommen, dass sie keine Regeln mehr braucht, keine Rituale, keine Vermittlung durch Institutionen. Alles aus Liebe.

„Liebe ist Gott“ schrieb sie. „Und Gott ist Liebe.“

Für Marguerite bedeutete diese Vereinigung nicht Chaos oder moralische Gleichgültigkeit, sondern ein vollständiges Loslassen des Ego. Eine Seele, die nichts mehr für sich fordert, weil sie ganz im Vertrauen ruht.
Doch genau diese Idee erschütterte die kirchliche Ordnung. Wenn eine Seele direkt zu Gott finden konnte, wozu brauchte es dann Hierarchien?

Der Bischof von Cambrai erklärte ihr Buch für ketzerisch. Auf dem Marktplatz von Valenciennes wurde es öffentlich verbrannt. Man zwang sie zuzusehen, wie ihre Worte zu Asche wurden.

Sie erhielt eine einfache Möglichkeit zu überleben: Schweigen. Widerrufen. Nie wieder darüber sprechen.

Marguerite weigerte sich. Sie glaubte, dass ihr Text vom Heiligen Geist inspiriert war. Vor der Veröffentlichung hatte sie mehrere angesehene Theologen konsultiert, darunter den berühmten Magister Godfrey von Fontaines. Sie hatten keinen Irrtum erkannt.

Warum sollte sie also schweigen, nur weil ein einzelner Bischof es verlangte?

Sie schrieb weiter und sie lehrte weiter.

1308 wurde sie verhaftet und nach Paris gebracht. Achtzehn Monate lang sass sie dort in Haft. Der Inquisitor war Wilhelm von Paris, Dominikaner und Beichtvater von König Philipp IV., einem Herrscher, der gerade den mächtigen Tempelritterorden zerschlagen liess. Es war eine Zeit der Angst, der Prozesse, der Scheiterhaufen.

Man verlangte von ihr einen Eid. Sie verweigerte ihn.
Man stellte Fragen. Sie antwortete nicht. Ihr Schweigen wurde zu einer eigenen Sprache.

Eine Kommission aus einundzwanzig Theologen der Universität Paris untersuchte ihr Buch. Sie suchten nach Irrtümern, extrahierten Thesen, formulierten Anklagen. Besonders gefährlich erschien ihnen die Vorstellung einer Seele, die so vollständig in Gott aufgegangen sei, dass sie nicht mehr aus Angst vor Sünde handle, sondern aus Liebe selbst.
Eine Freiheit, die man nicht kontrollieren konnte.

Am Ende blieb ihr nur eine letzte Möglichkeit: Widerrufen oder sterben.

Marguerite widerrief nicht.

Zeitzeugen berichteten, dass sie schweigend zum Scheiterhaufen ging. Sie weinte nicht, schrie nicht, sie verteidigte sich nicht. Sie war still.

Als das Feuer entzündet wurde, soll die Menge geweint haben.

Ihr Buch wollte man auslöschen, doch Worte sind seltsam widerstandsfähig.
Abschriften überlebten anonym in Klöstern und Bibliotheken Europas. Jahrhunderte lang wusste niemand mehr, wer sie geschrieben hatte. Erst im 20. Jahrhundert erkannte man, dass hinter diesem Text eine Frau stand, deren Name beinahe verloren gegangen wäre: Marguerite Porete.

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.