Drei kleine Superhelden – Tina und der Stern im Gras


Der Morgen war noch kühl und das Gras hielt den Tau fest, als hätte die Nacht vergessen, ihn mitzunehmen.

Jimmy prüfte wie immer zuerst den Napf. Arja sass beim Eingang und hörte den Vögeln zu und Tina lief ihre morgendliche kleine, sehr wichtige Runde. Eine Runde, bei der sie selbst noch nicht wusste, wonach sie suchte.

Da blieb sie plötzlich stehen. Im Gras, zwischen zwei Löwenzahnblättern lag etwas. Es war klein und rund. Und es fing das Licht ein. Ein goldener Kreis mit winzigen Steinchen. Jeder Sonnenstrahl blieb kurz darin hängen, als würde er überlegen, ob er weiterziehen oder bleiben wollte.

Tina hielt den Atem an. „Ich habe etwas gefunden“ sagte sie leise. Jimmy hörte sie und kam sofort. „Ist es essbar?“

„Nein“ sagte Tina. „Es ist zu wichtig und sehr wertvoll.“

Arja trat näher und betrachtete das Funkeln. „Es sieht aus, als hätte die Nacht einen kleinen Stern verloren“ sagte Tina.

Und von diesem Moment an war es kein Gegenstand mehr, sondern ein Schatz. IHR Schatz. Tina legte sich daneben, sie bewachte ihn beim Fressen. Sie schlief neben ihm ein.

Und jedes Mal, wenn die Sonne wanderte, wanderte sie mit, damit das Licht weiter darin wohnen konnte.

Jimmy verstand es nicht ganz. „Er macht nichts. Liegt nur da.“ meinte er.

„Doch“ sagte Tina. „Er ist da und glitzert so schön.“

Arja sagte nichts. Sie sah, wie vorsichtig Tina daran vorbeiging, als könnte man Glanz erschrecken.

Am Nachmittag kam die Menschen-Mama ins Gehege. Sie brachte frisches Heu und blieb plötzlich stehen.
„Oh!“ sagte sie leise und hob den kleinen Kreis aus dem Gras. „Mein Ohrring! Hier habe ich ihn also verloren!“

Tina erstarrte!
Die Menschen-Mama nahm ihn. Einfach so! Und steckte ihn ein.
Der Platz im Gras blieb leer zurück. Das Leuchten und Glitzern war weg. Tina lief suchend im Kreis, schnupperte, wartete.
„Sie hat den Stern einfach mitgenommen“ flüsterte sie. Jimmy schob vorsichtig ein besonders schönes Salatblatt zu ihr. Aber sie rührte es nicht an.

Arja setzte sich neben sie. Eine Weile sagten beide nichts. Der Wind bewegte das Heu, die Sonne bewegte sich langsam weiter…

Tina war traurig, sass lange beim leeren Platz im Gras. Sie wusste nicht genau, was fehlte, nur dass sie nicht so fröhlich war wie sonst. Das Fressen schmeckte irgendwie nach nichts. Die Schatten sahen gewöhnlich aus und selbst das Rascheln der Blätter klang, als hätte es etwas vergessen.

Sie lief sie zum Löwenzahn und nachher zum Häuschen, als könnte der Glanz sich verlaufen oder versteckt haben und den Weg zurück zu ihr suchen. Aber sie fand ihren Schatz nirgends.

Jimmy blieb in ihrer Nähe, ohne viel zu sagen. Und Arja setzte sich einfach neben sie. Einfach da sein.
Tina fühlte sich wie ein Lied, dem die letzte Note fehlte.

Am Abend öffnete sich die Tür und die Menschen-Mama kam mit frischem Heu hinein. Tina schaute nur kurz hin und blieb dann ganz still.
Am Ohr der Menschen-Mama funkelte es. Ein kleiner Stern. Und am anderen Ohr auch. Zwei!! Das Licht hüpfte bei jeder Bewegung mit, tanzte im Gras, glitt über das Holz und landete direkt vor Tinas Pfoten.

Tina trat näher. Nicht zögernd wie am Morgen, sondern vorsichtig staunend.
„Du bist gar nicht weg“ flüsterte sie liebevoll. Sie setzte sich hin und beobachtete, wie die Sterne mit der Menschen-Mama durch den Garten wanderten, mal hell, mal nur noch zart leuchtend, aber immer noch da.

Etwas Warmes breitete sich in ihr aus. Kein Festhalten-Wollen oder Traurig-Sein mehr. Nur Freude und Glück. Tina machte einen kleinen Freudensprung. so plötzlich, dass Jimmy erschrak und Arja lachen musste.

Der Stern gehörte nicht ihr. Aber er war immer noch Teil ihrer Welt. Und diesmal fühlte sich das sogar noch schöner an…

ENDE.

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.