Ich möchte euch Lisa Gherardini vorstellen


Ich möchte euch heute eine Frau vorstellen, die die ganze Welt kennt.

Und doch kennt sie niemand wirklich.

Bevor ich beginne, möchte ich ehrlich sein: Nicht alles, was wir über sie meinen zu wissen, ist lückenlos historisch belegt. Vieles stammt aus alten Quellen, aus Archivdokumenten, aus kunsthistorischen Forschungen und manches ist eine Annäherung, eine Rekonstruktion.

Vielleicht passt genau das zu ihr.

Die meisten von uns kennen ihr Gesicht. Dieses ruhige, beinahe schwebende Lächeln. Den Blick, der uns folgt, ohne sich festzulegen. Das Gemälde hängt heute im Louvre in Paris und wurde Anfang des 16. Jahrhunderts von Leonardo da Vinci gemalt: Die berühmte, bezaubernde Mona Lisa.

Doch die Frau auf diesem Bild war sehr wahrscheinlich keine Königin, keine Heilige, keine legendäre Schönheit mit dramatischer Geschichte…

Ihr Name war, so wird vermutet, Lisa Gherardini, geboren 1479 in Florenz. Sie war verheiratet mit einem wohlhabenden Seidenhändler namens Francesco del Giocondo, mit dem sie mehrerer Kinder hatte.
Eine Frau ihrer Zeit. Eine Frau der Renaissance.

Zeitgenössische Quellen, unter anderem der Künstlerbiograf Giorgio Vasari, erwähnen, dass Leonardo da Vinci ein Porträt von „Lisa del Giocondo“ malte. Archivfunde aus Florenz stützen diese Annahme. Ganz beweisen lässt sich dennoch nicht jedes Detail. Aber die meisten Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker gehen heute davon aus, dass SIE die weltberühmte Mona Lisa ist.

Was wir nicht wissen: Was sie dachte, während sie Modell sass. Ob sie gern lachte. Ob sie ungeduldig war. Ob sie müde war vom Stillhalten. Ob sie ahnte, dass ihr Gesicht Jahrhunderte überdauern würde.

Leonardo begann das Porträt um 1503. Vermutlich war dies ein Auftrag des Ehemannes. Solche Aufträge waren in wohlhabenden Familien üblich- Etwa zur Feier eines Hauskaufs oder der Geburt eines Kindes. 
Leonardo da Vinciarbeitete mit einer Technik, die Übergänge weich wie Nebel erscheinen lässt – Sfumato. Keine harten Linien oder klaren Grenzen.
Vielleicht ist es genau das, was ihr Lächeln so lebendig macht. Es entzieht sich und verändert sich je nach Blickwinkel.

Später nahm Leonardo das Bild mit nach Frankreich. Warum er es offenbar nie an den Auftraggeber übergab, weiss man nicht genau. Auch hier bleiben Fragen offen.
Ich habe mich gefragt, wie er wohl auf den Namen Mona Lisa kam. Lisa ist ja klar, das ist ihr Vorname.
Mona ist eine verkürzte Form von „Monna“ und dies wiederum ist eine Kürzung von „Madonna“.
Madonna bedeutete damals ganz schlicht „meine Dame“ oder „gnädige Frau“.

Also heisst „Mona Lisa“ eigentlich: Frau Lisa oder etwas höflicher Meine Dame Lisa.

Über Lisas späteres Leben weiss man nur wenig. Dokumente deuten darauf hin, dass sie im Alter zeitweise in einem Kloster lebte, möglicherweise in der Nähe einer ihrer Töchter. Sie starb 1542. Man geht davon aus, dass sie wahrscheinlich 62 oder 63 Jahre alt wurde, was ein beachtliches Alter war für eine Frau in der Renaissance. Viele Menschen starben deutlich früher, auch wenn wohlhabendere Familien wie ihre bessere Lebensbedingungen hatten.
Auf dem Bild wird sie wohl so 24 Jahre alt gewesen sein.

Es ist schon spannend. Es gibt weder ein überliefertes Tagebuch, berühmte Zitate oder sonst etwas von ihr. Und doch ist sie das wohl bekannteste Gesicht der Welt oder zumindes eines davon.

Das zeigt, wie viele Frauen gelebt haben, geliebt haben, Kinder grossgezogen haben, gehofft und gewirkthaben, ohne dass ihre Geschichten festgehalten wurden. In ihrem Fall reicht ein einziges Bild, um eine Spur zu hinterlassen, die Jahrhunderte überdauert.

Vielleicht ist ihr Lächeln deshalb so geheimnisvoll. Nicht, weil es etwas verbirgt, sondern weil wir hineinlesen, was wir suchen.

Eine Frau, von denen wir kaum etwas wissen, uns jedoch in ihrem Lächeln ein bisschen verlieren….

Hinterlasse einen Kommentar

About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.