
Edith Sitwell… geboren 1887 in England, wuchs sie im aristokratischen Familienhaus Renishaw Hall auf, zwischen grossen Räumen, gepflegten Gärten und Erwartungen, die enger waren als die dicken Mauern selbst. Von aussen betrachtet war es ein privilegiertes Leben, das sie führte. Innen jedoch fühlte es sich oft anders an. Ihre Kindheit war geprägt von Strenge und Kritik. Ihr Vater galt als exzentrisch und kontrollierend, ihre Erscheinung wurde kommentiert, ihr Anderssein früh bemerkt.
Vielleicht beginnt genau dort ihre Geschichte, denn Edith Sitwell lernte früh, dass Zugehörigkeit nicht immer geschenkt wird. Manchmal muss man sie sich selbst erschaffen.
Sie war für eine Frau damals überdurchschnittlich gross und auffallend, mit einem Gesicht, das nicht dem damaligen Schönheitsideal entsprach. Und statt sich kleiner zu machen, wurde sie grösser. Sie trug Turbane, lange Mäntel, schwere Ringe, dramatische Silhouetten — sie trat auf, als würde sie sagen: Ja, schaut mich ruhig an.
Was manche Exzentrik nannten, war vielleicht Selbstschutz oder Mut.
Sie schrieb Gedichte, aber eigentlich schrieb sie Klang. Worte wurden bei ihr zu Bewegung, zu Rhythmus, zu Musik. Ihr berühmtes Projekt Facade war keine stille Literatur, sondern eine Aufführung. Gedichte wurden gesprochen, begleitet von Musik, fast wie ein Vorläufer moderner Spoken-Word-Performances. Sie wurde von vielen nicht verstanden.
Doch Edith blieb sich selbst und sich selbst treu, denn sie schrieb nicht, um zu gefallen. Sie schrieb, weil sie musste und weil sie es so liebte.
Sie liebte ebenfalls, wenn auch anders, leiser, weniger öffentlich, als man es vielleicht erwartet. Ihr engster emotionaler Kreis bestand oft aus intensiven Freundschaften, tiefen geistigen Verbindungen. Besonders nahe stand sie dem russisch-englischen Maler Pavel Tchelitchew, dessen Kunst sie unterstützte und mit dem sie eine lebenslange, komplexe Verbundenheit teilte. In einer Zeit, in der Gefühle zwischen Menschen selten frei benannt werden konnten, bewegten sich viele Beziehungen im Raum zwischen Freundschaft, Bewunderung und unausgesprochener Nähe.
Vielleicht war Liebe für sie weniger Besitz als Resonanz.
Auch mit ihren Brüdern, den Schriftstellern Osbert und Sacheverell Sitwell, verband sie eine aussergewöhnliche künstlerische Partnerschaft. Gemeinsam bildeten sie eine Art literarische Gegenwelt zum konservativen England ihrer Zeit.
Während des Zweiten Weltkriegs zeigte sich eine andere Seite von ihr. Ihre Gedichte wurden ruhiger, ernster, voller Mitgefühl. Sie schrieb über Verlust, über Menschlichkeit, über das Zerbrechliche im Menschen. Gleichzeitig stellte sie sich offen gegen Faschismus und Antisemitismus, aber nicht laut politisch, sondern moralisch klar.
Viele beschrieben sie als einschüchternd. Andere als warmherzig. Und bestimmt hatte sie von beidem etwas.
Wer sie traf, erzählte von einer Stimme, die Räume füllte und Augen, die gleichzeitig wachsam und traurig wirkten. Sie konnte verletzlich sein, humorvoll, stolz, grosszügig. Eine Frau, die sich ihre Würde selbst gebaut hatte.
Vielleicht war sie nie wirklich angepasst. Aber sie wurde anerkannt. Später erhielt sie hohe Ehrungen, wurde zur Dame Commander des British Empire ernannt und galt als eine der bedeutendsten Stimmen der englischen Literatur. Und doch blieb ein Teil von ihr immer das Mädchen aus Renishaw Hall, das gelernt hatte, dass Anderssein nicht das Ende einer Geschichte ist. Sondern ihr Anfang.
Stell dir vor, wie sie durch die Gärten ihres Elternhauses ging. Zwischen Hecken und alten Bäumen, mit einem Gedanken, der noch kein Gedicht war. Vielleicht wusste sie damals schon, dass Kunst daraus entsteht, sich selbst nicht zu verlassen.
Und vielleicht ist das bis heute ihr Vermächtnis an uns: Du musst nicht unbedingt in die Welt passen, um in ihr Spuren zu hinterlassen…


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