Wer war Gabriele Münter?


Ich habe eine Frau entdeckt und gemerkt, dass da ganz viel Interessantes dahinter steckt. Ein Mensch, Schicksal, ein Leben.

Gabriele Münter wurde 1877 in Berlin geboren, in eine wohlhabende bürgerliche Familie.

Ihre Eltern unterstützten ihre künstlerischen Interessen und als beide früh starben, erbte sie ein Vermögen, das ihr etwas Seltenes schenkte: finanzielle Unabhängigkeit.

Und doch war ihr Weg nicht einfach frei. Ende des 19. Jahrhunderts durften Frauen in Deutschland nicht regulär an staatlichen Kunstakademien studieren. Die Türen waren schlicht verschlossen für sie. Also ging sie Umwege. Sie besuchte die Damen-Kunstschule des Künstlerinnen-Vereins in München, Ausbildungsorte für Frauen, die aber nicht denselben Status hatten wie die Akademien für Männer.

Später studierte sie an der Kunstschule Phalanx in München. Dort begegnete sie Wassily Kandinsky. Eine künstlerische und persönliche Verbindung nahm ihren Anfang und wird ihr Leben tief prägen.

Abendlandschaft mit weissem Mond, 1938

Doch auch schon vorher hat Gabriele künstlerisch einiges getan. 1898 reiste sie mit ihrer Schwester mehrere Monate durch die USA, etwas, was für eine junge Frau dieser Zeit sehr aussergewöhnlich war. Sie fotografierte, beobachtete, hielt fest. Man spürt in ihren späteren Bildern noch diese Klarheit: nichts Überladenes, kein unnötiges Ornament. Reduktion. Farbe. Ausdruck.

Gemeinsam mit Kandinsky wurde sie 1911 Mitbegründerin der Künstlergruppe Der Blaue Reiter.

Ihre Häuser, in Murnau gemalt, leuchten in kräftigem Blau, Gelb und Grün… Nicht etwa, weil sie exakt so aussahen, sondern weil sie sich für sie so anfühlten. Münter malte nicht die äussere Wirklichkeit, sondern ihre innere Wahrnehmung davon. Dunkle, oft schwarze Konturen umrahmen Häuser, Bäume und Figuren und geben den Bildern Struktur und Halt. Und ihre Porträts zeigen keine glatt geschönten Gesichter, sondern Ausdruck, Stimmung, Gedanken. Nicht nur Oberfläche, sondern Innenleben.

Gabriele Münter stand lange im Schatten von Kandinsky. Nicht, weil sie weniger konnte oder weniger talentiert war, sondern weil Geschichte oft aus einer männlichen Perspektive erzählt wurde und wird.

Die Beziehung zu Kandinsky endete schmerzhaft. Während des Ersten Weltkriegs verliess er Deutschland und trennte sich später von ihr. Für Münter war das ein tiefer Einschnitt, persönlich wie künstlerisch. Und trotzdem malte sie weiter. Vielleicht erst recht.

Was mich besonders berührt: Während der NS-Zeit, als viele Werke des Expressionismus als „entartet“ galten, versteckte Münter in ihrem Haus in Murnau zahlreiche Gemälde. Sie rettete dadurch einen bedeutenden Teil der Werke Kandinskys durch die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ohne sie wären viele dieser Arbeiten verloren gegangen.

1957, zu ihrem 80. Geburtstag, schenkte sie der Stadt München eine Auswahl ihrer eigenen Bilder, alle Werke Kandinskys aus ihrem Besitz und mehrere Gemälde von Künstlern des Blauen Reiters.

Sie hätte sie behalten können. Verkaufen. Verschwinden lassen oder was auch immer. Stattdessen entschied sie sich fürs Bewahren und fürs Weitergeben.

Gabriele Münter war eine unabhängige Frau, ihrer Zeit voraus. Aber sie musste sich in einer Männerwelt behaupten. Sie wurde lange übersehen, nicht beachtet.

Gabriele Münter starb 1962. Ihre Farben leuchten weiter.

Man muss nicht im Mittelpunkt stehen, um bedeutend zu sein. Alles Gute zum 149. Geburtstag, liebe Gabriele Münter!

Blumen vor Landschaft, 1945

Bilder: Internetfund

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.