
Aimai (曖) ist ein japanisches Wort und bedeutet so viel wie absichtlich unklar, weich umrissen, nicht eindeutig festgelegt.
Das Schriftzeichen 曖 setzt sich aus Elementen zusammen, die mit Licht und Schatten verbunden sind – etwas, das nicht ganz hell ist, aber auch nicht dunkel. Etwas, das da ist, aber nicht vollständig greifbar.
Im Japanischen wird aimai oft verwendet, wenn Aussagen bewusst offen bleiben. Wenn man nicht alles direkt ausspricht. Wenn zwischen den Zeilen genauso viel Bedeutung liegt wie in den Worten selbst.
Und ich glaube, wir im Westen haben manchmal ein kleines Problem mit Aimai. Wir streben oft nach Klarheit, nach Definitionen und Labels.
Aber das Leben lässt sich nicht so oft in eine ganz bestimmte, einzige Schublade versorgen. Es steckt voller unterschiedlicher Aspekte, Hintergründe und unendlich vielen Nuancen. Vieles kann man so oder so sehen, je nachdem.
Es ist oft aimai. Gefühle sind ebenfalls oft aimai. Manchmal liebt man und ist gleichzeitig verletzt. Manchmal ist man dankbar und trotzdem traurig. Manchmal weiss man, dass etwas richtig ist, aber kann es nicht logisch erklären.
Beziehungen sind aimai. Nicht jede Verbindung braucht eine offizielle Bezeichnung. Ist es Freundschaft oder ist man „Bekannte“? Ist es Liebe? Zuneigung? Entfernte Bekannte? Kennt man sich einfach nur? Situationship? Oder was?
Nicht jedes Gefühl braucht eine Überschrift, manchmal ist es einfach nicht möglich. Nicht alles ist klar definierbar. Manchmal ist es aimai.
Und auch wir Menschen selbst sind aimai. Wir verändern uns. Wir widersprechen uns. Wir tragen Licht und Schatten gleichzeitig in uns. Mal fühlen wir uns so, mal so.
Vielleicht ist Aimai gar kein Mangel an Klarheit, sondern so etwas wie ein Raum, in dem Dinge wachsen dürfen, ohne sofort bewertet zu werden. Ein Raum, in dem nicht alles entschieden werden muss, in dem wir nicht gezwungen sind, sofort zu wissen, wer wir sind.
Manche Wahrheiten sind zu fein oder zu komplex, um sie direkt auszusprechen. Manche Gefühle verlieren ihre Magie, wenn man sie zu sehr analysiert und seziert.
Aimai lässt Platz für Zwischentöne. Für Andeutungen. Für das Vielleicht…


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