2200


Wir schreiben das Jahr 2200.
Die Welt ist nicht untergegangen, wie es wohl seit Menschengeschichte immer wieder mal vorausgesagt wurde.

Das Leben hat sich sehr verändert. Aber das wissen die Menschen, die jetzt leben nicht so richtig. Für SIE ist das Leben im Hier und Jetzt die Realität. Es ist IHR Leben.

Entscheidungen, die irgendwann mal von ihren Vorvorvorfahren gemacht wurden, haben vieles auf der Erde bzw sogar im Universum stark verändert.
Die Menschen leben Seite an Seite mit Künstlicher Intelligenz und Robotern. Sie empfinden es weder als spektakulär, noch als futuristisch. Es ist einfach selbstverständlich. Das normale Leben.

Jeder Mensch hat eine persönliche KI.
Sie weiss, wann du aufstehen solltest.
Was du essen darfst.
Wie viel du leisten kannst.
Sie erinnert dich an Termine, an Medikamente, an Verpflichtungen.

Die persönliche KI eruiert regelmässig und automatisch die wichtigsten Gesundheitsdaten ihres Menschen und speichert sie. Davon merkt der Mensch gar nichts. Bei Auffälligkeiten oder abweichenden Werten wird der Mensch und gleichzeitig auch dessen Ärztin kontaktiert.

Jede KI trägt zB ein Barometer in sich, das die psychische Gesundheit ihres Menschen laufend überprüft. Schlaf, Stress, Überforderung, Erschöpfung, das wird alles wird erfasst und bei Bedarf gleich automatisch reguliert.
Zweck dahinter ist keineswegs Fürsorge, sondern der Mensch soll funktionstüchtig bleiben.

In den letzten zwei Jahrhunderten und auch ganz besonders in den letzten zwei Jahrzehnten ist viel passiert im Bereich Inklusion. Das war eine sehr langsame Entwicklung und nicht für alle einfach oder verständlich. Jahrzehntelang ging es immer wieder mal zwei, drei Schritte vorwärts und dann wieder einige zurück.
Und nun, im Jahr 2200 kann man sagen, dass das Ziel mit viel Durchhaltevermögen erreicht wurde.

Menschen mit körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigungen, psychischen Erkrankungen, neurodivergente Menschen oder Menschen mit chronischen Erkrankungen gehören im Jahr ganz selbstverständlich dazu.
Es ist tatsächlich auch so, dass die Ausdrücke „Beeinträchtigung“ oder „Behinderung“ zu 100%. aus dem Wortschatz der Menschheit verschwunden. Diagnosen dieser Art werden nicht mehr gemacht, denn sie sind nicht mehr wichtig. Jeder Mensch lernt, lebt, arbeitet genau so, wie es seinen Ressourcen und seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten entspricht und erhält wenn notwendig Unterstützung in den Lebensbereichen, in denen er sie benötigt.

Man hat einfach aufgehört, sie auszusortieren. Schlussendlich war das nicht einmal soooo schwierig, wie viele es sich vorgestellt hatten. Die Gesellschaft wurde dadurch wertfreier, zuvor definierte Unterschiede und Wertungen. fielen weg.
Wie bei allen andern Menschen auch, übernehmen ihre persönlichen KI ihre Assistenz geben in benötigten Mass Struktur, Erklärung, Orientierung, Erinnerung usw.

Inklusion ist kein Thema mehr. Sie ist Alltag, Normalität.

In den USA ist zB erstmals ein Mann Präsident, der mit einer kognitiven Beeinträchtigung lebt. Er führt das Land nicht allein, er muss es auch gar nicht. Entscheidungen werden gemeinsam getragen. Transparent, nachvollziehbar und das Allgemeinwohl steht im Vordergrund. Von der Gier nach Macht und Reichtum ist man weitgehendst weggekommen.

Viele nennen das einen Fortschritt, andere nennen es gefährlich und eine kleine Minderheit kämpft immer noch dagegen an, weil sie sich daran stören.

Roboter pflegen die alten Menschen, der Pflegeberuf ist fast ganz ausgestorben, denn so wie dieser praktiziert werden musste jahrhundertelang, schadete er der Gesundheit von Personal und schlussendlich dann auch als Folge derjenigen der gepflegten Menschen.
Das Wohnen im Alter hat sich verändert, ist jedoch ein anderes Thema.

Roboter bauen Häuser.
Sie reinigen und reparieren Böden, Gewässer, Wälder… soweit das überhaupt noch möglich ist.
Sie arbeiten ohne Müdigkeit, brauchen keine Pausen, die Leistung ist konstant überdurchschnittlich gut.

Die arbeitende Bevölkerungsschicht besteht fast nur noch aus den ärmeren Menschen.
Die Menschheit teilt sich in drei Gruppen auf. Die Supersuperreichen, die Reichen und die Armen. Eine Mittelschicht gibt es schon lange nicht mehr.

Die sehr Reichen und die Superreichen arbeiten nicht mehr. Oder nur noch dort, wo Macht verwaltet wird, wo der Arbeitsaufwand möglichst gering und das Gehalt möglichst gross ist. Keinesfalls dort, wo Leistungsdruck besteht und harte Arbeit, egal ob geistig oder körperlich, gefordert wird.

Die Arbeitnehmer konkurrieren mit Maschinen. Und verlieren.
Nicht, weil sie faul oder unfähig sind, sondern weil sie menschlich sind und ihre Energie und Kraft, ihr Wissen beschränkt sind.

Viele Menschen können im Jahr 2200 vieles nicht mehr.
Sie können nicht mehr rechnen.
Nicht mehr planen, ohne Mithilfe der KI.
Sie können kaum noch schreiben oder lesen und immer schlechter miteinander sprechen. Kommunikation ist schwierig geworden. Nicht, weil es keine Worte mehr oder nichts mehr zu sagen gibt, sondern weil niemand mehr gelernt hat, Gedanken auszuhalten, ohne sie optimieren zu lassen.

Es gibt aber schon auch Dinge, die dem Menschen geblieben sind, die KI nicht ersetzen kann:
Erinnern.
Träumen.
Trauern.
Lieben.
Dinge, die sich nicht automatisieren liessen und glaube mir, dies wurde durchaus probiert und nach wie vor wird daran mit Hochdruck geforscht.

Der Lebensstandard der Bevölkerungsgruppen unterscheidet sich drastisch. Während die wohlhabenden Menschen klimatisierten Zonen mit eigenem, gesäuberten Wasser und eigener Nahrung leben, wohnen ärmere Menschen in einfachen Hütten, manchmal in Wohngemeinschaften und Obdachlosigkeit ist zur Normalität geworden.
Ihnen steht ein Minimum an medizinischer Versorgung zu, während den oberen zwei Schichten nur das Beste zur Verfügung steht.
Wohnraum ist kein Recht mehr, sondern ein Privileg, sowie Kinder.

Viele entscheiden sich gegen Kinder. Nicht aus Egoismus, sondern aus Überlebensinstinkt, denn nur noch wenige der Unterschicht können sich das überhaupt leisten.

Die Sterberate bei Kindern hat stark zugenommen. Ein grosser Prozentsatz der geborenen Kinder sterben bereits im ersten Lebensjahr oder noch bevor sie volljährig werden. Krankheiten wie Masern, Keuchhusten und Kinderlähmung hinterlassen ziemlich viele Kinder mit bleibenden Folgen, falls sie überleben. Medizinische Versorgung ist, wie bereits erwähnt, nicht selbstverständlich.
Da Krankheiten wie diese wieder sehr oft auftreten, hat auch die Anzahl beeinträchtigter oder kranker Menschen zugenommen. Wie beschrieben, ist dies für die Bevölkerung nicht wirklich ein Problem, alle haben sich daran gewöhnt und sozusagen jede Familie ist betroffen.

Schwangerschaften sind planbar geworden. Optimierbar. Kinder werden kaum noch auf natürlichem Weg gezeugt. KI hilft bei der Auswahl. Eigenschaften können bestimmt werden.
Das Wunschkind ist möglich, fast perfekt. Und dennoch entstehen Fehler, Abweichungen und Mängel, denn Kontrolle ersetzt kein Leben.

Die Natur existiert noch, ist aber nicht für alle gleichermasse. zugänglich. Es gibt geschützte Gebiete, die streng überwacht werden. Für die wohlhabenden Menschen sind sie Rückzugsorte, Urlaubsorte. Für die Armen sind es Bilder, Hologramme… kaum mehr als Erinnerungen an etwas, das sie nie berühren werden.
Ein Grossteil der Weltbevölkerung hat noch nie einen richtigen, natürlichen Baum gesehen oder berührt.
Künstliche Bäume und Pflanzen gibt es jedoch überall. Sie sind so konzipiert, dass sie die für Lebewesen notwendige Photosynthese praktizieren.

Und manchmal, ganz selten, schalten Menschen ihre KI für einen Moment aus. Nur um zu spüren, wie es ist, nicht optimiert zu werden. Freier zu sein, eigenständig.

Vielleicht war das Menschlichste an uns nie unsere Intelligenz, sondern unsere Fähigkeit, uns selbst auszuhalten, unsere Imperfektion. Und genau das auch an uns und aneinander so sehr zu lieben.

Und vielleicht ist genau das unsere letzte Freiheit…

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.