
Es gibt diesen Glaubenssatz, den viele von uns tief in sich tragen, insbesondere wir Frauen: Noch ein bisschen mehr aushalten. Alles aushalten. Nicht jammern.
Aushalten = stark sein. (?)
Noch stiller werden, nicht zuviel darüber sprechen (=jammern). Noch verständnisvoller sein. Noch länger warten. Noch mehr tragen.
Wir verwechseln Stärke oft mit Durchhaltevermögen. Mit der Fähigkeit, über Grenzen hinwegzugehen. Die eigenen zuerst. Wir nennen es Anpassung, Loyalität, Rücksichtnahme. In Wahrheit ist es oft Selbstverleugnung. Grenzverletzung an sich selbst.
Das Problem ist aber ja gar nicht, dass wir zu wenig aushalten können. Vielleicht halten wir längst zu viel aus. Zu viele Erwartungen, die nicht unsere sind. Zu viele Worte, die verletzen. Zu viele Situationen, die uns klein machen. Zu viele Kompromisse, die einseitig bleiben. Beurteilungen, Bewertungen.
Nicht alles, was wir ertragen können, ist auch gesund. Und nicht alles, was wir erlauben, ist ein Zeichen von Liebe oder Reife.
Da kommt mir der Ausspruch „jede:r bekommt nur soviel, wie er / sie tragen kann“ in den Sinn. Kennst du das? Das sagt im Grunde genommen nichts anderes aus, als „es ist nicht (zu)viel. Du darfst es nicht zuviel finden.“
Grenzen zu setzen bedeutet nicht, hart oder unmenschlich zu werden. Es bedeutet, ehrlich zu werden, vor allem mit sich selbst.
Es heisst zu spüren, was mir nicht gut. Das geht zu weit. Ich möchte das nicht. Das darf enden. Und auf dieses Gefühl zu hören, sich abgrenzen, einteilen.
Selbstfürsorge beginnt nicht mit noch mehr Geduld, sondern damit, eigene Grenzen auch ernst zu nehmen. Nicht aus Trotz, sondern aus Selbstachtung. Einfach entscheiden, was uns selbst gut tut.
Du musst nicht lernen, mehr auszuhalten. Lerne deine Grenzen kennen und lass andere diese nicht dauernd überschreiten.
Das genau ist Stärke.
Umgekehrt aber natürlich auch. Das alles gilt auch für die Grenzen anderer.
Wenn es ums Aushalten geht finde ich es am wichtigsten, einander davon zu erzählen. Andere mittragen, unterstützen lassen. Offener werden und sich nicht schämen für schwierige Lebenssituationen (als wären sie nicht menschlich…). Und weniger werten. Viel, viel weniger werten.
Es ist manchmal wirklich zuviel und es ist okay, wenn es so empfunden wird.


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