
Jeder Mensch hat eine Haustür für die Angst und bei jedem Menschen ist dieser Eingang woanders.
Joachim Meyerhoff, „Man kann auch in die Höhe fallen“
Es gibt Sätze, die überliest man nicht einfach. Die bleiben hängen, weil sie irgendwo in uns etwas berühren. Jeder Mensch hat eine Haustür für die Angst, und bei jedem Menschen ist dieser Eingang woanders.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr spüre ich, wie viel Wahrheit darin liegt.
Wir reden oft so, als wäre Angst etwas Einheitliches. Als würde sie für alle Menschen gleich aussehen, gleich spürbar sein, gleich reagieren. Aber das stimmt nicht. Bei jedem von uns liegt diese Tür an einem anderen Ort. Bei manchen mitten im Wohnzimmer, kaum zu übersehen. Bei anderen irgendwo hinten im Keller, gut versteckt und nur selten geöffnet. Und manche tun alles, um so zu tun, als hätten sie überhaupt keine… bis irgendwann jemand oder etwas davorsteht und klopft. Manchmal wird ja nicht mal geklopft, sondern die Tür gleich eingerannt.
Ich mag dieses Bild der Haustür, weil es die Angst plötzlich nicht mehr wie ein Monster aussehen lässt. Sie ist eine Besucherin, die meistens unangemeldet kommt, ja. Eine, die wir nicht mögen, klar. Aber trotzdem jemand, die eine Tür nimmt. Eine Grenze. Einen klaren Weg hinein.
Und wenn es einen Eingang gibt, dann gibt es auch einen Rahmen. Und vielleicht sogar einen Schlüssel und bestimmt einen Ausgang.
Es erinnert mich daran, wie unterschiedlich wir Menschen sind. Was für den einen ein kleiner Luftzug ist, ist für den anderen schon ein Sturm. Und während manche von aussen so stark wirken, dass man kaum glaubt, dass sie überhaupt Angst kennen, reicht bei ihnen vielleicht ein einziger Gedanke, um diese Tür weit aufzureissen.
Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir uns gegenseitig zugestehen, dass unsere Türen nicht am gleichen Ort sind. Dass niemand sagen darf: „Das ist doch nicht schlimm.“ Oder: „Davor hätte ich keine Angst.“ Denn das spielt keine Rolle. Es ist nicht ihre Tür. Es ist unsere.
Und vielleicht geht es gar nicht darum, diese Tür zuzunageln oder zu verstecken. Sondern eher darum, sie zu erkennen. Zu wissen, wo sie ist. Und andern genau das auch zuzugestehen, ohne immer alles zu werten.
Die Angst hat eine Haustür, aber das Haus gehört uns.
Und genau das ist der Anfang von Mut.


Hinterlasse einen Kommentar