
Es gibt diesen Satz, den man so oft hört, fast schon als reflexartigen Spruch: Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.
Eigentlich gut gemeint. Aber ich glaube, wer das sagt, hat sich nicht so viel dabei überlegt bzw. nicht in die Tiefe oder weiss nicht so recht, was einem im Leben geschehen kann, weil er / sie es noch nie erlebt hat.
Ich glaube, ich habe mir früher auch nicht so wirklich überlegt, was man mit diesem Satz eigentlich genau sagt. Aber ich glaube, alles, was ich in meinem Leben erlebt habe und auch alles, was ich beruflich an Schicksalen sehe und begleite, hat mich dazu gebracht, diesen Satz als eigentlich inakzeptabel zu empfinden.
Denn er verharmlost schwierig empfundene Situationen und das Leiden anderer Menschen und das bedeutet ja, dass man dies nicht ernst nimmt.
Entschuldigt dieser Satz nicht auch Dinge, die nicht entschuldbar sind?
Schicksalsschläge machen uns nicht stärker. Sie machen uns verletzt.
Verändert.
Manchmal ängstlich, manchmal zerbrochen, oft einfach anders als vorher.
Sie machen, dass wir ganz Schwieriges durchleben und überstehen müssen.
Da kann etwas Gutes daraus entstehen. Muss aber nicht. So etwas soll nicht romantisiert werden.
Ich denke da sofort an meine Tochter.
An das Mobbing, das sie erlebt hat. Und auch an das, was das mit ihr gemacht hat.
Sie wird nie wieder so wie vorher sein. Das Ungezwungene und auch das Vertrauen ist ihr damit genommen worden.
Nicht weil sie daran „gewachsen“ ist, sondern weil sie zutiefst verletzt wurde.
Als Autistin hat sie nicht die Fähigkeit und die Ressourcen, einfach zu verzeihen, zu vergessen, neu zu vertrauen und es hinter sich zu lassen.
Das kann sie nicht – weil ihr Gehirn nicht dafür gemacht ist, solche Verletzungen einfach wegzustecken, irgendwo zu versorgen und weiterzumachen. Autisten:innen funktionieren einfach anders und das tun aber auch andere Menschen. Ich glaube, sehr oft sieht es aussen so aus, als ob es weiter ginge und alles wieder gut wäre, aber innen sieht es ganz anders aus. Bei vielen Menschen.
Eine gewisse Angst vor Menschen und sich jemandem zu öffnen, wird sie wohl ein Leben lang begleiten und an ganz vielem hindern.
Das zu sehen und sie darin zu begleiten, hinterlässt auch mich als Mutter mit einem Gefühl von Zerbrechlichkeit, manchmal sogar sehr, sehr tiefer Trauer.
Und dann sehe ich die Menschen, die sie gemobbt haben und wie sie ein ganz normales Teenager-Leben führen.
Das, was sie meinem Kind weggenommen haben…
SIE wachsen.
SIE leben weiter.
SIE blühen, sind unbeschwert. Und so steht die Welt ihnen offen.
Während bei meiner Tochter etwas dauerhaft verletzt wurde. Wo genau soll da bitte der Satz stimmen, dass „was uns nicht umbringt, uns stärker macht“?
Ist das nicht eigentlich blanker Hohn?
Und was ist mit zB:
Kriegsopfern?
Menschen, die Gewalt erlebt haben, Missbrauch, Vergewaltigung, Terror und Verlust?
Soll man ihnen auch sagen, sie würden ja daran wachsen oder ihnen raten, daran zu wachsen?
Damit sie später stärker daraus hervorgehen?
Ist das nicht ein sehr grausamer Gedanke?
Fast schon eine Entschuldigung für das, was ihnen angetan wurde?
Es ist ja nicht so schlimm, mach jetzt weiter?
Denn die Wahrheit ist: Schicksalsschläge machen uns nicht stärker.
Sie hinterlassen Spuren. Sie hinterlassen Opfer. Mit Narben, Ängsten, Erschütterungen, Erinnerungen, die manchmal ein Leben lang bleiben.
Im besten Fall hinterlassen sie Erfahrungen. Denn natürlich macht es keinen Sinn, liegen zu bleiben und nicht versuchen, möglichst das Beste aus dieser Situation zu machen. Natürlich.
Das ist oft ein Kampf. Einer, den man ziemlich alleine bestreitet.
Im besten Fall entwickelt sich ein Verständnis dafür, dass man etwas überstanden hat. Vertrauen in die eigene Fähigkeit, weiterzugehen und das Wissen und die Erfahrung, WIE wir das geschafft haben. Mit welchen Methoden wir erfolgreich waren. Und wer uns dabei begleitet und unterstützt hat.
DAS lässt uns wachsen, uns entwickeln und uns vielleicht auch stärker werden. Aber stärker und gleichzeitig sind innen die Narben, die bleiben.
Es ist nicht der Schicksalsschlag, der uns stark macht. Nie.
Stärke entsteht nicht im Leid. Sondern im Weitergehen, obwohl das Leid geblieben ist. Im Aushalten. Im Wieder-Aufstehen. Im Suchen nach Licht, obwohl die Schatten bleiben. Im Lösungen und neue Wege finden und gehen. Und im Zurückschauen irgendwann und spüren, dass alles wieder etwas besser ist. Dass man auf einem guten Weg ist.
DAS macht uns stärker.
Und deshalb finde ich, sollten wir vorsichtig sein mit solchen Sprüchen. Sie relativieren, was Menschen durchgemacht haben. Sie nehmen das Leid nicht ernst genug. Sie überdecken den Schmerz mit einer Billig-Weisheit, die nichts mit der Realität zu tun hat.
Manchmal ist der ehrlichste, respektvollste Satz einfach:
Es tut mir leid, dass dir das passiert ist. Ich sehe, was es mit dir gemacht hat. Ich sehe deine Kraft. Nicht weil du leiden musstest, sondern weil du trotzdem weiterlebst.
Und vielleicht ist das die einzige Form von Stärke, die wirklich zählt und die uns wirklich bleibt, genau so wie die Narben.
Es gibt auch immer Menschen, die es nicht so richtig schaffen, aufzustehen, die zerbrechen. Die gibt es. Man sieht es ihnen auch nicht immer von aussen an…
Und übrigens:
Wirklich starke Menschen behandeln andere nicht so, dass sie kaputt gehen dran…


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