Und was ist im Herbst?


Wenn man sich nur in die Blüten
und nicht in die Wurzeln
eines Menschen verliebt,
weiss man ab Herbst nicht mehr,
was man tun soll.

Manchmal lese ich etwas und es bleibt einfach hängen in mir. In meinen Gedanken oder auch in meinem Herzen bzw meistens wohl in beidem.
Dieser Satz (oben) hat mir ganz besonders gefallen, vielleicht weil er eine Wahrheit trägt, die wir oft irgendwie übersehen bzw die (und das passt ja total zum Thema) nicht an der Oberfläche sichtbar ist.
Blüten sind leicht zu lieben. Sie sind schön, duftend, strahlend. Sie zeigen sich nach aussen, ganz ohne Zurückhaltung. Jeder sieht sie, jeder bewundert sie. Wir schauen sie gerne an und wir schmücken uns gern mit ihnen.
Und manchmal oder vielleicht auch ganz oft verwechseln wir dies mit Liebe oder Tiefe.

Aber die Blüten sind nur ein Teil von vielem, was eine Pflanze oder wenn wir vom Bildlichen wegkommen, einen Menschen ausmachen.
Die Geschichte eines Menschen beginnt viel weiter unten oder innen. Nämlich dort, wo die Erde dunkel und ruhig ist.
In den Wurzeln liegt das, was jemanden wirklich trägt: Persönlichkeit, Verletzlichkeit, alte Wunden und Ängste, Leidenschaften, Hoffnungen, Haltungen, Entscheidungen, Werte.
Alles, was bleibt, alles was Tiefe gibt, wenn die Jahreszeiten sich ändern und der Glanz des Sommers langsam vergeht.

Wenn wir nur die Blüten lieben, erschrecken wir, wenn der Herbst kommt. Wenn ein Mensch sich zurückzieht, leiser wird, müde oder ehrlich. Wenn er nicht mehr glänzt, sondern einfach nur ist. Ich finde, dass es oft auch so ist, dass wir einfach diesen Glanz nicht mehr mehr sehen, weil wir anderes sehen.

Wenn die Farbe, der Glanz anfangen abzublättern. Wenn das Leben sich von der weniger sonnigen Seite zeigt und man mit Oberfläche nirgends mehr hin kommt, sondern Empathie, Halt und Tiefe benötigt werden. Echtheit.

Dann stehen wir plötzlich vor einer Wahrheit, die wir nicht eingeplant haben: dass echte Liebe / Freundschaft / Zuneigung vermutlich dort beginnt, wo die Blüten enden. Oder halt dort, wo die Blüten nicht das allerwichtigste sind, sondern das Interesse viel weiter geht als bis zur Hülle.

Vielleicht erinnert uns dieser Satz daran, dass wir mutig genug sein dürfen, bei den Wurzeln eines Menschen hinzusehen und auch unsere eigenen zu zeigen. Dass ganz echte und aufrichtige Beziehungen (oder die, auf die man sich jederzeit verlassen kann) nicht aus Highlight-Momenten bestehen, sondern aus dem stillen Vertrauen, dass man gemeinsam durch die Jahreszeiten geht, ohne Wenn und Aber.
Menschen, die unserer Blüten wegen bei uns sind, sehen oft keinen Grund mehr zum Bleiben, wenn der Herbst kommt…

Blüten sind schön.
Aber Wurzeln halten.

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und am Ende einfach ein Mensch auf dieser Erde wie jeder andere auch.