
Es war einer dieser Novembertage, an denen der Himmel so tief hing, dass er fast das Gehege berührte. Der Garten war still, als hätte er eine grosse Decke über sich gezogen. Keine Sonne, keine Schatten, nur ein gleichmässiges, dunkles Grau, das alles einhüllte.
Arja streckte ihr Gesichtchen, umrandet von weichen, weissen Haaren aus dem Häuschen und blinzelte vorsichtig.
„Hm… sieht irgendwie müde aus heute“ murmelte sie.
Jimmy stand schon am Futterplatz und stupste ein trockenes Blatt mit der Nase an.
„Alles nass. Alles kalt. Alles… grau“. sagte er mit einem leisen Quieken.
Tina kam als Letzte heraus. Ihr langes hellbraunes Fell glänzte trotz des trüben Lichts und ihr goldenes Krönchen sass wie immer perfekt.
„Vielleicht hat der Tag einfach vergessen, aufzuwachen“ sagte sie und schüttelte eine feine Nebelperle aus ihrem Fell.
Die drei sahen einander an.
Ein bisschen war es tatsächlich so: Im Garten war alles farblos und die kleinen Superhelden fühlten sich ungewohnt schwer. Keine Sonne, die warm auf das Fell fiel. Keine bunten Blätter, die tanzten. Kein Glitzern im Wasser vom Teich.
„Vielleicht machen wir einen Spaziergang durchs Gehege“ schlug Jimmy vor.
„Vielleicht finden wir etwas Schönes“ meinte Arja.
„Vielleicht wartet etwas auf uns“ sagte Tina. Und plötzlich klang es gar nicht mehr so grau.
Also!
Auf ins Abenteuer!
Sie trotteten los. Langsam und ohne rechte Erwartung. Der Novemberduft, feucht, erdig, ruhig, lag in der Luft.
Gleich hinter dem Häuschen blieb Arja stehen.
„Schaut mal, das Moos hier ist noch ganz grün. Richtig saftig sieht es aus.“
Sie stupste mit der Nase darauf. Es fühlte sich weich an, fast warm.
„Ein kleiner Farbklecks in all dem Grau.“
Jimmy lächelte. „Vielleicht versteckt der Tag seine Farben einfach und alles will entdeckt werden.“
Ein paar Schritte weiter sah Tina plötzlich etwas unter einem Laubhaufen hervorblitzen.
„Oh! Was ist das denn?“
Sie wühlte sich durch das nasse Laub und da lag tatsächlich noch ein einziges Herbstblatt. Nicht braun wie die anderen, sondern leuchtend orange und rot, als hätte es die letzten Sonnenstrahlen des Oktobers gespeichert.
„Das hat der Herbstwind wohl vergessen mitzunehmen“ sagte Arja staunend.
Tina strahlte. „Es sieht aus wie eine kleine Flamme.“
Jimmy nickte. „Vielleicht will der graue Tag doch bunt sein und um dies zu entdecken, muss man ganz genau hinschauen.“
Weiter hinten im Garten, nahe beim alten Baumstumpf, trat Jimmy plötzlich mit einem überraschten Quieken zurück.
„Was war das?“
Er bückte sich und hob mit der Nase einen glatten, hellen Stein an.
„Der ist doch auch grau“ meinte Tina.
Doch dann fiel ein winziger Tropfen Nebellicht auf den Stein und plötzlich flackerte ein zarter Regenbogen über seine Oberfläche. Erst ganz schwach, dann deutlicher und in allen Farben.
Arja staunte. „Ein Regenbogen… mitten im November!!“
Jimmy brummte vor Freude. „Der Tag kann es! Er kann wirklich bunt sein! Vielleicht ganz versteckt und leise, aber er kann!“
Als sie weitergingen, hörten sie ein ganz feines Krabbeln. Hinter einem nassen Ast sass ein winziger Käfer. Fast schwarz. Fast unsichtbar.
Doch als er sich bewegte, schimmerte sein Rücken für einen Moment in leuchtendem Grün, wie ein Edelstein.
Tina hielt den Atem an. „Er trägt einen Smaragd-Mantel…“
„Vielleicht wollte er uns zeigen, dass es überall Schönheit gibt, sogar heute“ sagte Arja staunend.
Jimmy nickte begeistert. „Der graue Tag hat seine Schätze versteckt, aber wir finden sie! Wir drei!“
Langsam, fast unbemerkt, begann das Grau weniger schwer zu wirken. Der Nebel wurde heller. Das Licht weicher. Und überall im Garten leuchteten kleine bunte Dinge, die man vorher kaum gesehen hatte:
– winzige rote Beeren
– ein dunkelviolettes Blümchen, das hartnäckig weiterblühte
– ein Stückchen blauer Plastik, das die Mama später wegräumen würde
– die silbernen Fäden eines Spinnennetzes
– und Tinas Krone, die im Licht warm glitzerte
„Vielleicht“ sagte Arja nachdenklich, „ist es manchmal einfach an uns, die Farben zu suchen.“
„Oder sie selbst zu sein“ ergänzte Jimmy.
„Oder sie zu tragen!“ rief Tina und schüttelte ihr Fell, sodass ihr Krönchen ein kleines Ping machte.
Sie lachten. Und plötzlich fühlte sich der graue Tag viel, viel leichter an. Fast fröhlich und bunt.
Später kam die Mama in den Garten und legte ein paar trockene Blätter ins Gehege. Sie sah das blaue Plastikstückchen am Boden und hob es auf.
Sie lächelte, als sie die drei kleinen Superhelden sah, wie sie miteinander spielten und all die Farben im Garten betrachteten.
„Ihr habt dem November Leben und Freude eingehaucht“ sagte sie liebevoll.
Arja kuschelte sich an Tina, Jimmy legte sich daneben und seufzte zufrieden.
Und der graue Tag, der eigentlich gar nicht grau sein wollte, legte ein leises, warmes Licht über alles, so als wäre er dankbar für die aufmerksamen Blicke auf all die verborgenen Schätze, die er zu bieten hatte.
Denn manchmal braucht ein grauer Tag nur drei kleine Superhelden, um wieder bunt zu werden.
ENDE.


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