Ich möchte euch Anna Göldlin vorstellen


Manchmal wirkt die Vergangenheit wie ein düsterer Nebel. Wir können kaum glauben, dass Angst, Aberglaube und Vorurteile einst das Leben von Menschen bestimmten und doch liegt diese Zeit nicht so weit zurück. Eine Geschichte, die mich immer wieder berührt, ist die von Anna Göldlin, der letzten Frau in der Schweiz, die offiziell als Hexe hingerichtet wurde.

Anna wurde 1734 im St. Galler Rheintal geboren. Sie wuchs in einfachen Verhältnissen auf und arbeitete später als Magd und Dienstbotin. Zeitzeugen beschreiben sie als klug, selbstbewusst und wenig bereit, sich kleinmachen zu lassen. In einer Epoche, in der Frauen still und gehorsam sein sollten, reichte das oft schon, um Misstrauen zu wecken.

Ihr Schicksal nahm eine tragische Wendung, als sie in Glarus im Haus des Arztes Johann Jakob Tschudi diente. Dessen Tochter erkrankte plötzlich schwer. Sie erbrach Nägel und Glasstücke, niemand konnte erklären, warum. Die Menschen suchten nach einer Ursache, und wer war leichter verdächtig als eine unverheiratete, eigenständige Frau? Anna wurde der Giftmischerei und Hexerei bezichtigt. Sie floh zunächst, wurde aber wieder gefasst und vor Gericht gestellt. Folter war damals noch erlaubt und so entstand ein „Geständnis“, das sicher nicht frei gewählt war.

Am 13. Juni 1782 wurde Anna in Glarus enthauptet. Offiziell wegen Giftmischerei, in Wahrheit jedoch als angebliche Hexe.

Um Anna ranken sich auch Legenden, die zeigen, wie sehr sie die Fantasie ihrer Zeit beflügelte. So erzählt man sich, sie habe während ihrer Flucht eine geweihte Hostie bei sich getragen. Aus Angst entdeckt zu werden, soll sie sie fallen gelassen oder vergraben haben. An der Stelle, wo die Hostie den Boden berührte, habe sich ein Wunder ereignet: Blut sei aus der Erde getreten.

Dieses Zeichen berührte die Menschen so tief, dass sie dort später eine Kapelle errichteten (Sakramentskapelle in Ettiswil, Kanton Luzern). Historisch lässt sich das nicht belegen, doch solche Geschichten erzählen viel über die Ängste, die Hoffnung und den Glauben jener Zeit.

Erst 2008 wurde das Urteil gegen Anna Göldlin offiziell aufgehoben. Heute wissen wir: Sie war keine Hexe und keine Giftmischerin, sondern ein Opfer von Vorurteilen und einer Gesellschaft, die selbstbewusste Frauen fürchtete.

Wenn ich an Anna denke, spüre ich eine gewisse Trauer und Tragik, weil ihr Mut und ihre Eigenständigkeit sie das Leben kosteten. So erging es ganz vielen Frauen. Und gleichzeitig Dankbarkeit: dass wir heute über Gerechtigkeit, Menschenrechte und Aufklärung sprechen können.

Ihre Geschichte mahnt uns, nie wieder Angst und Aberglauben über Menschlichkeit und Wahrheit siegen zu lassen.

3 Antworten zu „Ich möchte euch Anna Göldlin vorstellen”.

  1. Klingt gut. Ich schaue es mir an.
    Danke für den Tipp.

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  2. Es gibt das Buch Die Schwarzgeherin, das ähnlich gelagert ist, wo es der Frau aber etwas besser erging. Ich habe die Leseprobe gelesen und werde mir sicher das Buch kaufen.

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Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und am Ende einfach ein Mensch auf dieser Erde wie jeder andere auch.