Schöne Worte – Katharsis


Tränen reinigen das Herz.

Herman Hesse

Katharsis ist ein Wort, das ein bisschen rauh und schwer klingt wenn man es ausspricht oder hört. So wie ein Gewitter am Horizont, Donnergrollen und Blitze, bevor der Regen fällt.

Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet Reinigung, Läuterung oder das Freimachen von etwas.
Aristoteles beschreibt in seiner Poetik das Konzept der Katharsis als eine Wirkung, die jede gute Tragödie auf das Publikum haben sollte:
Ein emotionales Durchleben von Furcht und Mitleid, das schliesslich zur seelischen Reinigung führt. Nicht durch Verdrängung, sondern durch das Zulassen, das Ertragen und das Mitfühlen. Es war kein Entertainment, es war seelische Arbeit.

Katharsis ist das Weinen, das erlöst.
Das Zittern, das loslässt.
Der Schrei, der eine Anspannung löst.
Der Moment, in dem man (symbolisch) in die Tiefe fällt, um danach leichter aufzusteigen.
Es ist die Kunst und die Kraft, sich selbst zu begegnen. Nicht in der Perfektion, sondern in der Verletzlichkeit.
Es ist das Ventil.

Tränen sind heilig. Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Kraft. Sie sprechen lauter als tausend Worte. Sie sind Botschafter der tiefsten Wahrheit.

Clarissa Pinkola Estés


In der heutigen Zeit hat das Wort ein wenig an Glanz verloren. Zu selten nehmen wir uns die Zeit, wirklich zu fühlen. Alles muss schnell gehen, effizient sein, optimiert werden.
Doch die Seele lässt sich nicht beschleunigen. Sie braucht Raum. Für Wut. Für Schmerz. Für Tränen. Für Vergebung. Für den leisen Neubeginn.

Katharsis ist kein Drama, es ist der Weg durch das Drama hindurch. Irgendwie so wie ein seelischer Frühlingsputz. Anstrengend, unter Umständen kräfteraubend, aber auch sehr reinigend.
Es ist das Zulassen der eigenen Dunkelheit in all ihren Facetten, um das Licht danach wieder sehen zu können.

Und vielleicht ist es genau das, was wir in schwierigen Momenten brauchen: keine Ablenkung, kein Trostpflaster, sondern eine echte, tiefe Katharsis, die uns daran erinnert, dass wir Menschen sind und das auch sein dürfen (sogar SOLLEN). Fühlende, zerbrechliche und zugleich unfassbar starke Wesen.
Wunderschön.
Schade, dass wir so oft meinen, dies unterdrücken, verstecken zu müssen.

Was man nicht ausdrückt,
das drückt sich aus –
auf andere Weise,
an anderen Orten.


Carl Gustav Jung


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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.