
Bild: aus dem Internet
Es gibt Geschichten, die so tief erschüttern, dass man sie kaum glauben möchte. Die Geschichte von Fawzia Amin Sido, einer jungen Jesidin, ist eine davon.
Im Jahr 2014, sie war damals erst ein Kind von elf Jahren, wurde sie von der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) aus ihrer Heimat Sinjar im Nordirak verschleppt. Sie war eines von tausenden jesidischen Mädchen, die der IS entführte, versklavte, unendlich viele Male vergewaltigte. Zehn Jahre lang war sie in Gefangenschaft, zuletzt im Gazastreifen. Erst 2024 wurde sie durch Zufall entdeckt und in einer Rettungsaktion befreit.
Wer sind die Jesiden?
Die Jesiden (auch Êzîden genannt) sind eine ethnisch-religiöse Minderheit mit Wurzeln, die über Tausende Jahre zurückreichen. Ihre Religion ist alt, mündlich überliefert, voller mystischer Elemente und friedlich. Sie glauben an einen höchsten Gott und an sieben heilige Engel, von denen Tausi Melek, der Engel in Pfauengestalt, der bedeutendste ist.
Gerade dieser Pfauenglaube hat dazu geführt, dass Jesiden in der Geschichte immer wieder verfolgt wurden. Oft wurden sie fälschlich als „Teufelsanbeter“ verunglimpft. Im August 2014 beging der IS einen systematischen Völkermord an der jesidischen Bevölkerung im irakischen Sinjar-Gebirge. Männer wurden erschossen, Frauen und Kinder verschleppt.
Die Jesiden sind kein Volk mit einem eigenen Staat. Sie leben in mehreren Ländern des Nahen Ostens, besonders in Nordirak in der Region Sinjar vor allem.
Sinjar ist eine Bergregion im Norden des Irak, nahe der Grenze zu Syrien. Dort lebten über 400’000 Jesiden, bis der IS im Jahr 2014 die Region überfiel. Damals wurden alle getötet, verschleppt oder vertrieben.
Heute, etwas mehr als ein Jahrzehnt später, kehren viele zurück. In den Städten, die weniger zerstört wurden, leben bereits wieder tausende von Familien. Die zerstörten Gebiete sind riesig, an vielen Orten herrscht Geisterstadt-Atmosphäre.
Gleichzeitig bleiben rund 70% der ehemaligen Bevölkerung weiterhin obdachlos, leben in Übergangs-Camps oder im Exil.
Das Schweigen danach
Was Fawzia erlebte, lässt sich kaum in Worte fassen. Viele Details wurden öffentlich, sie sind schwer zu ertragen. Manche Quellen berichten, sie sei gezwungen worden, Fleisch zu essen und erst später sei ihr gesagt worden, es handle sich um ihre eigenen Kinder. Ob das so stimmt, ist nicht belegbar, es wurde jedoch in Zeitungen geschrieben. Ob Fawzia dies so gesagt hat in einem Interview, weiss ich nicht. Ich habe die Aussage nirgends direkt von ihr gefunden.
Was aber unbestritten ist: Fawzia war jahrelang Opfer von sexueller Gewalt, Zwangsehe, psychischem Terror und hat trotzdem überlebt.
Fawzia ist nicht nur ein Opfer, sie ist eine Überlebende. Sie steht für Tausende andere, deren Namen wir nicht kennen, deren Gesichter verschwunden sind. Ihre Geschichte erinnert uns daran, dass es auch heute noch viel zu viele Orte gibt, an denen Frauen und Kinder entmenschlicht werden. Und dass unsere Welt oft viel schneller wegschaut als hin.
Und jetzt?
Heute lebt Fawzia in Freiheit. Sie ist 21 Jahre alt.
Nach ihrer Rettung im Oktober 2024 wurde Fawzia zunächst durch Israel, Jordanien und dann zurück in den Irak geführt. Dort traf sie ihre Familie in Sinjar wieder.
Im Februar 2025 ist sie auf Einladung der deutschen Regierung nach Deutschland umgezogen und lebt dort derzeit in Sicherheit, aber noch immer mit grossen emotionalen Lasten.
Fawzia berichtet, sie habe während ihrer Gefangenschaft mehrfach Suizidversuche unternommen und starke psychische Traumata durchlebt. Ihr Umfeld in Deutschland ermöglichte bereits kurz nach ihrer Ankunft Therapie und psychosoziale Hilfe, die für ihre Heilung essenziell sind.
Fawzia hat zwei lebende Kinder aus einer erzwungenen Ehe mit einem IS-Führer (sie wurde bereits vor ihrem 15. Geburtstag Mutter), die sie bei ihrer Befreiung nicht mitnehmen durfte. Dies war rechtlich unmöglich. Die beiden Kinder leben in Gaza bei der Familie ihres Vaters.
Fawzia kämpft seit ihrer Ankunft in Deutschland dafür, ihre Kinder bei sich haben zu dürfen, bisher ohne Erfolg.
Das ist eines von unendlich vielen schrecklichen Schicksalen, von denen selten jemand erzählt. Viele dieser Frauen veschwinden einfach irgendwo… Und ich finde, es geht nicht, dass dies dem Rest der Welt einfach egal ist, denn so signalisieren wir stumm, dass wir solche Taten akzeptieren.
Wer das Leid der anderen ignoriert,
macht sich mitschuldig
am Verstummen
der Menschlichkeit.
Und nicht nur das Leid,
sondern auch die Taten!


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