
Es war einer dieser Tage, an denen die Sonne schon am frühen Morgen so kräftig schien, dass sogar die Gänseblümchen ihre Blüten leicht schlossen. Die Luft flimmerte vor Hitze, kein Lüftchen regte sich. Selbst die Amsel auf dem Gartenzaun sang heute nur halb so laut und flog dann davon, um sich einen saftigen Käfer und ein schattiges Plätzchen zu suchen.
Arja streckte sich. Ihr weisses Fell glänzte im Sonnenlicht, doch es wurde ihr schnell zu warm. Auch Tina, mit ihrem hellbraunen, langen Fell, suchte den Schatten auf. Jimmy, der sich sonst gern sonnte, murrte leise. „Mir ist heiss bis in die Pfötchenspitzen.“
Da geschah etwas Merkwürdiges. Plötzlich verdunkelte sich der Boden vor ihnen. Ein grosser, dunkler Schatten fiel über das Gehege. Die drei Meerschweinchen erstarrten und es wäre gelogen, wenn man behaupten würden, sie hätten sich nicht erschrocken.
„Was ist das denn?“ flüsterte Arja sehr leise.
„Etwa ein Riesen-Vogel?“ vermutete Jimmy und blickte vorsichtig zum Himmel. Er erinnerte sich an den Storch, den sie vor kurzen kennengelernt hatten.
Tina hob ihre Nase und schnupperte. „Es riecht nicht nach Gefahr. Ich rieche die Menschen-Mama (und sie riecht gut!), sie muss hier irgendwo sein.“
Langsam trauten sie sich weiter nach vorn, um die Sache ganz genau zu erforschen. Der Schatten bewegte nur ein kleines bisschen, als ob er zittern würde. Als sie vorsichtig darauf standen, passierte nichts. Irgendwie war da gar nichts am Boden, obwohl sie es ganz deutlich sehen konnten. Mysteriös…
Da hörten sie in der Luft ein Geräusch, als ob etwas im leichten Wind flattern würde. Es raschelte. Neugierig reckte sich Tina, stellte sich auf die Hinterpfötchen und blinzelte nach oben.
„Da ist etwas über uns! Oh, wir haben ein Dach.“
Arja folgte ihrem Blick. Ein riesiges, dunkelgrünes Tuch spannte sich über einen Teil des Geheges. Es war an zwei Pfosten befestigt und warf einen kühlen, grossen Schatten über ihren Platz.
„Ein Himmel aus Stoff!“ staunte sie.
„Oder ein schwebendes und flatterndes Dach!“ rief Jimmy und flitzte begeistert unter das neue Schattenreich.
Da tauchte die Menschen-Mama im Gehege auf. Sie lächelte und sagte etwas, das sie natürlich nicht verstanden. Aber ihre Stimme klang warm und lieb.
Die Menschen-Mama sprach ganz oft mit ihnen und eigentlich verstanden sie ihre Worte nie so recht, denn sie redete ja in der Menschensprache. Aber jedesmal, wenn sie „Gurke“ sagte, wussten alle drei ganz genau, was gemeint war und dann wurden sie jeweils ganz aufgeregt, weil Gurke ja schliesslich ihr Lieblings-Snack war.
Die Menschen-Mama wischte sich den Schweiss von der Stirn und klopfte den Pfosten, an dem das grosse Sonnensegel befestigt war, noch einmal fest in die Erde. Sie erklärte, dass es ihnen an diesen heissen Tagen Schatten spenden würde, da Meerschweinchen grosse Hitze nicht gut vertragen.
Arja legte sich auf den kühlen Boden und seufzte zufrieden. Tina rollte sich neben sie.
„Wie schön, dass wir so eine kluge Menschen-Mama haben.“
Jimmy nickte. „So ein schönes Schatten-Plätzchen ganz für uns. Wir sind richtige Glückspilze.“
Und so lagen sie da, halb im Licht, halb im Schatten, und lauschten dem leisen Rascheln des Stoffes über ihren Köpfen.
Ein neuer Lieblingsplatz war geboren.
ENDE.



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